Von Florian Gathmann
Berlin - "Eine Unverschämtheit ist das, eine große Unverschämtheit", sagt die Frau mit den kurzgeschnittenen grauen Haaren und schiebt mit ihrem Fahrrad ab. Eine andere Dame ruft: "dilettantisch", auch weniger vornehme Ausdrücke des Missfallens machen die Runde. Es ist Viertel vor sieben an diesem Dienstagabend, und vor der Repräsentanz der Friedrich-Ebert-Stiftung am Berliner Tiergarten macht sich Bürgerwut breit. Der Wachmann von der Botschaft gegenüber schaut schon ein bisschen misstrauisch auf die älteren Herrschaften, die sich partout nicht beruhigen wollen. "Wir dürfen niemanden mehr reinlassen", sagt gerade einer der Mitarbeiter, die sich vor der Tür aufgebaut haben, "aber Sie können die Veranstaltung gerne im Nebengebäude auf einem Großbildschirm verfolgen." Kein Trost für diese Dame. "Fernsehen kann ich auch zu Hause", sagt sie und rauscht ab.
Peer Steinbrück ist der Politiker der Stunde - diesen Eindruck kann man angesichts dieser Szenen endgültig bekommen.
Wer es in das Atrium der Ebert-Stiftung geschafft hat, erlebt einen Mann, der nie populärer war. Es scheint naheliegend, dass ihn die Stiftung gleich mit dem Preis "Das politische Buch" auszeichnen wird. Seit Wochen zieht er mit seinem Werk "Unterm Strich" durch die Republik, von einer ausverkauften Lesung zur nächsten, inzwischen hat Steinbrück die Kanzlerin und alle ihre Ministerinnen und Minister in den politischen Beliebtheitsrankings hinter sich gelassen. Plötzlich ist der Sozialdemokrat sogar ein SPD-Hoffnungsträger, manche sehen den Ex-Finanzminister schon als Kanzlerkandidaten-Favoriten mit Blick auf die Bundestagswahl 2013.
Steinbrück, rote Krawatte, dunkelblauer Anzug, sitzt schon einige Minuten vor Beginn der Veranstaltung in der ersten Reihe, plaudert nach hier und dort, ein entspannter Mann. Von dem Ärger vor dem Eingang bekommt er nichts mit, es wäre ihm wohl auch gleich, dies ist sein großer Abend. Michail Gorbatschow, ein sowjetischer Generalsekretär, Václav Havel, ein tschechischer Präsident, Helmut Schmidt, ein deutscher Bundeskanzler - sie bekamen den Preis vor ihm, in dieser Reihe steht nun Steinbrück.
Schmidt ist sein großes Vorbild
Altkanzler Schmidt, ebenfalls Hamburger, sein großes Vorbild, auch ein sehr pragmatischer Sozialdemokrat, wird wie Steinbrück vom Rest der Deutschen wohl mehr geliebt als von den eigenen Genossen. "Zug um Zug" soll ein Gesprächsband der beiden heißen, der im Herbst erscheint.
Die Jury habe sich für Steinbrück als Preisträger entschieden, "als es nur um dein Buch ging", sagt Peter Struck in seiner Begrüßung, der ehemalige Spitzen-Sozialdemokrat ist inzwischen Vorsitzender der Ebert-Stiftung. Allgemeine Heiterkeit im Saal, die aktuelle Kanzlerkandidaten-Debatte der SPD ist hier kaum einem entgangen. Der Titel des preisgekrönten Steinbrück-Buchs könne missverstanden werden, meint Struck: Er sei sich sicher, dass dies noch nicht "die Endsumme deines politischen Wirkens" war.
Was soll denn noch kommen? Also tatsächlich die SPD-Kanzlerkandidatur, mit dann 66 Jahren, gegen Angela Merkel, mit der Peer Steinbrück in der Großen Koalition so geräuschlos und vertrauensvoll zusammengearbeitet hat?
Die Frage wird nicht beantwortet an diesem Abend, natürlich nicht, noch sind es zweieinhalb Jahre bis zur Bundestagswahl. Aber auch Wolfgang Schäuble, der nun die Festrede auf seinen Vorgänger als Finanzminister halten wird, scheint Steinbrück alles zuzutrauen. Natürlich lobt er zunächst pflichtschuldig: "Es ischt ein lesenswertes Buch." Und dann geht es um die großen Fragen dieses Landes und Europas, denen sich "Unterm Strich" widmet. Um Deutschlands Verantwortung für den Kontinent, die Hoffnung, dass sich die Fehler der deutschen Vergangenheit nicht wiederholen mögen, Fragen der Demokratie. Nein, "Demokratie ist keine Effizienzveranstaltung", sagt CDU-Mann Schäuble.
Wer wüsste das besser als Steinbrück, der auch schon Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war. Kann so einer Kanzler? Die Debatte darüber jedenfalls läuft. "Und wer Sie kennt, kann an Ihrer Miene schon erkennen, wie Sie es genießen", sagt Schäuble. Und dann zitiert er Cicero: "Vor Männern, die behaupten, dass sie ein Amt nicht für sich selbst anstreben, muss man sich immer in Acht nehmen." Deshalb, sagt Schäuble, "sind wir wachsam, sind wir auf der Hut".
Ein Dankwort von 33 Minuten
Geistreicher hätte man ihn kaum herausfordern können - aber Peer Steinbrück bleibt eisern: Keinen Satz verliert er zu seinen weiteren Plänen. So hat er es immer gehalten, seit er Mitte Mai in einem Radiointerview laut nachdachte. Und doch wird, wer ihm in den folgenden 33 Minuten zuhört, den Eindruck nicht los, dass da noch eine Menge Politik im Kessel ist.
Eine gute halbe Stunde ist ein ganz schön langes "Dankwort des Preisträgers", wie es im Programm heißt, aber bei Steinbrück bleibt es kurzweilig. Klar ist: Er macht sich Sorgen um Deutschland und Europa. "Ich will keine Kassandra geben", sagt er, aber genau das tut er nun, wie auch in seinem Buch: Die Glaubwürdigkeit der Parteien ist bedroht, die Märkte sind aus dem Gleichgewicht, Europa fehlt die Perspektive.
Wenn Peer Steinbrück davon erzählt, dann zischt und schnarrt er, dass die Konsonanten ihre Freude haben.
Sein Credo: "Es geht um Anstrengungen." Und das wird anstrengend - für alle. Steinbrück ist einer, der den Bürgern etwas zumuten will, im Interesse der Allgemeinheit. Das ist ein ganz anderer Ton als bei Angela Merkel. Aber auch einer, den viele in seiner Partei fürchten. Sie reden lieber von Solidarität.
Doch das wird künftig nicht mehr reichen. Deshalb ist Steinbrück ein Mann mit Zukunft. Ob als SPD-Kanzlerkandidat oder Autor weiterer kluger Bücher.
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