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Schäuble trifft Steinbrück "Wir sind auf der Hut"

Foto: REUTERS

Finanzminister Wolfgang Schäuble hält die Laudatio auf seinen Vorgänger Peer Steinbrück bei der Verleihung des Preises "Das politische Buch" - doch das große Wort führt der Sozialdemokrat. Er präsentiert sich als Mann mit Zukunft, schweigt aber über seine Ambitionen.

Berlin - "Eine Unverschämtheit ist das, eine große Unverschämtheit", sagt die Frau mit den kurzgeschnittenen grauen Haaren und schiebt mit ihrem Fahrrad ab. Eine andere Dame ruft: "dilettantisch", auch weniger vornehme Ausdrücke des Missfallens machen die Runde. Es ist Viertel vor sieben an diesem Dienstagabend, und vor der Repräsentanz der Friedrich-Ebert-Stiftung am Berliner Tiergarten macht sich Bürgerwut breit. Der Wachmann von der Botschaft gegenüber schaut schon ein bisschen misstrauisch auf die älteren Herrschaften, die sich partout nicht beruhigen wollen. "Wir dürfen niemanden mehr reinlassen", sagt gerade einer der Mitarbeiter, die sich vor der Tür aufgebaut haben, "aber Sie können die Veranstaltung gerne im Nebengebäude auf einem Großbildschirm verfolgen." Kein Trost für diese Dame. "Fernsehen kann ich auch zu Hause", sagt sie und rauscht ab.

Peer Steinbrück ist der Politiker der Stunde - diesen Eindruck kann man angesichts dieser Szenen endgültig bekommen.

Wer es in das Atrium der Ebert-Stiftung geschafft hat, erlebt einen Mann, der nie populärer war. Es scheint naheliegend, dass ihn die Stiftung gleich mit dem Preis "Das politische Buch" auszeichnen wird. Seit Wochen zieht er mit seinem Werk "Unterm Strich" durch die Republik, von einer ausverkauften Lesung zur nächsten, inzwischen hat Steinbrück die Kanzlerin und alle ihre Ministerinnen und Minister in den politischen Beliebtheitsrankings hinter sich gelassen. Plötzlich ist der Sozialdemokrat sogar ein SPD-Hoffnungsträger, manche sehen den Ex-Finanzminister schon als Kanzlerkandidaten-Favoriten mit Blick auf die Bundestagswahl 2013.

Steinbrück, rote Krawatte, dunkelblauer Anzug, sitzt schon einige Minuten vor Beginn der Veranstaltung in der ersten Reihe, plaudert nach hier und dort, ein entspannter Mann. Von dem Ärger vor dem Eingang bekommt er nichts mit, es wäre ihm wohl auch gleich, dies ist sein großer Abend. Michail Gorbatschow, ein sowjetischer Generalsekretär, Václav Havel, ein tschechischer Präsident, Helmut Schmidt, ein deutscher Bundeskanzler - sie bekamen den Preis vor ihm, in dieser Reihe steht nun Steinbrück.

Schmidt ist sein großes Vorbild

Altkanzler Schmidt, ebenfalls Hamburger, sein großes Vorbild, auch ein sehr pragmatischer Sozialdemokrat, wird wie Steinbrück vom Rest der Deutschen wohl mehr geliebt als von den eigenen Genossen. "Zug um Zug" soll ein Gesprächsband der beiden heißen, der im Herbst erscheint.

Die Jury habe sich für Steinbrück als Preisträger entschieden, "als es nur um dein Buch ging", sagt Peter Struck in seiner Begrüßung, der ehemalige Spitzen-Sozialdemokrat ist inzwischen Vorsitzender der Ebert-Stiftung. Allgemeine Heiterkeit im Saal, die aktuelle Kanzlerkandidaten-Debatte der SPD ist hier kaum einem entgangen. Der Titel des preisgekrönten Steinbrück-Buchs könne missverstanden werden, meint Struck: Er sei sich sicher, dass dies noch nicht "die Endsumme deines politischen Wirkens" war.

Was soll denn noch kommen? Also tatsächlich die SPD-Kanzlerkandidatur, mit dann 66 Jahren, gegen Angela Merkel, mit der Peer Steinbrück in der Großen Koalition so geräuschlos und vertrauensvoll zusammengearbeitet hat?

Die Frage wird nicht beantwortet an diesem Abend, natürlich nicht, noch sind es zweieinhalb Jahre bis zur Bundestagswahl. Aber auch Wolfgang Schäuble, der nun die Festrede auf seinen Vorgänger als Finanzminister halten wird, scheint Steinbrück alles zuzutrauen. Natürlich lobt er zunächst pflichtschuldig: "Es ischt ein lesenswertes Buch." Und dann geht es um die großen Fragen dieses Landes und Europas, denen sich "Unterm Strich" widmet. Um Deutschlands Verantwortung für den Kontinent, die Hoffnung, dass sich die Fehler der deutschen Vergangenheit nicht wiederholen mögen, Fragen der Demokratie. Nein, "Demokratie ist keine Effizienzveranstaltung", sagt CDU-Mann Schäuble.

Wer wüsste das besser als Steinbrück, der auch schon Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war. Kann so einer Kanzler? Die Debatte darüber jedenfalls läuft. "Und wer Sie kennt, kann an Ihrer Miene schon erkennen, wie Sie es genießen", sagt Schäuble. Und dann zitiert er Cicero: "Vor Männern, die behaupten, dass sie ein Amt nicht für sich selbst anstreben, muss man sich immer in Acht nehmen." Deshalb, sagt Schäuble, "sind wir wachsam, sind wir auf der Hut".

Ein Dankwort von 33 Minuten

Geistreicher hätte man ihn kaum herausfordern können - aber Peer Steinbrück bleibt eisern: Keinen Satz verliert er zu seinen weiteren Plänen. So hat er es immer gehalten, seit er Mitte Mai in einem Radiointerview laut nachdachte. Und doch wird, wer ihm in den folgenden 33 Minuten zuhört, den Eindruck nicht los, dass da noch eine Menge Politik im Kessel ist.

Eine gute halbe Stunde ist ein ganz schön langes "Dankwort des Preisträgers", wie es im Programm heißt, aber bei Steinbrück bleibt es kurzweilig. Klar ist: Er macht sich Sorgen um Deutschland und Europa. "Ich will keine Kassandra geben", sagt er, aber genau das tut er nun, wie auch in seinem Buch: Die Glaubwürdigkeit der Parteien ist bedroht, die Märkte sind aus dem Gleichgewicht, Europa fehlt die Perspektive.

Wenn Peer Steinbrück davon erzählt, dann zischt und schnarrt er, dass die Konsonanten ihre Freude haben.

Sein Credo: "Es geht um Anstrengungen." Und das wird anstrengend - für alle. Steinbrück ist einer, der den Bürgern etwas zumuten will, im Interesse der Allgemeinheit. Das ist ein ganz anderer Ton als bei Angela Merkel. Aber auch einer, den viele in seiner Partei fürchten. Sie reden lieber von Solidarität.

Doch das wird künftig nicht mehr reichen. Deshalb ist Steinbrück ein Mann mit Zukunft. Ob als SPD-Kanzlerkandidat oder Autor weiterer kluger Bücher.

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insgesamt 65 Beiträge
Der Duderich 06.07.2011
Wieder mal ein Hochschreiben von Steinbrück, der als Kanzlerkandidat interessengeleitet medial präsentiert wird und als solcher den stetigen Untergang der SPD manifestieren würde. Dumm wie die Tante SPD mittlerweile geworden [...]
Zitat von sysopBeeindruckender geht es kaum: Finanzminister Wolfgang Schäuble hält die Laudatio auf seinen Vorgänger Peer Steinbrück bei der Verleihung des Preises "Das politische Buch 2010 ". Doch das große Wort führt der Sozialdemokrat. Er präsentiert sich als Mann mit Zukunft - aber schweigt über seine Ambitionen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,772607,00.html
Wieder mal ein Hochschreiben von Steinbrück, der als Kanzlerkandidat interessengeleitet medial präsentiert wird und als solcher den stetigen Untergang der SPD manifestieren würde. Dumm wie die Tante SPD mittlerweile geworden ist, werden sie den Köder auch noch bereitwillig schlucken. Mitleid habe ich nicht.
sophica 06.07.2011
Na, da Steinbrück ja auf der letzten Bilderberger-Konferenz Mai oder Juni 2011 in der Schweiz war, wird er wohl bald wieder Karriere machen und Politprominenz, Stiftungen tun jetzt einiges dafür wie auch die Medien, so wenn Sie [...]
Na, da Steinbrück ja auf der letzten Bilderberger-Konferenz Mai oder Juni 2011 in der Schweiz war, wird er wohl bald wieder Karriere machen und Politprominenz, Stiftungen tun jetzt einiges dafür wie auch die Medien, so wenn Sie schreiben lieber SPON, der Mann war nie populärer - Sie tun auch einiges dafür, dass es mit ihm voran geht.
sophica 06.07.2011
Wir Bürger sollten auf der Hut sein!
Wir Bürger sollten auf der Hut sein!
armagnac 06.07.2011
"Deshalb ist Steinbrück ein Mann mit Zukunft. Ob als SPD-Kanzlerkandidat oder Autor weiterer kluger Bücher." Solche Sätze können nur von Journalisten kommen, die von der Komplexität unserer Finanzwirtschaft nicht die [...]
"Deshalb ist Steinbrück ein Mann mit Zukunft. Ob als SPD-Kanzlerkandidat oder Autor weiterer kluger Bücher." Solche Sätze können nur von Journalisten kommen, die von der Komplexität unserer Finanzwirtschaft nicht die geringste Ahnung haben und Kompetenz daran messen, wie gekonnt jemand beim Erzählen "zischt und schnarrt". Florian Gathmann ist Politik- und Verwaltungswissenschaftler, was kein Vorwurf sein soll, aber er könnte ebenso gut Physiotherapeut oder Anwalt sein. Das spielt keine Rolle, wenn es darum geht, die Qualität Steinbrücks zu beurteilen. Zumal, wenn der Kandidat als "Finanzexperte" reüssiert - und genau das tut Steinbrück! Steinbrück ist nicht das, wofür er sich verkauft, er ist ein Blender. Als "Ökonom" ist er eine Null, wenn man bedenkt, dass er kein leitender Bankangestellter oder Hedge-Fonds-Manager ist, seine Loyalität also tatsächlich dem Volk gehören sollte. - Steinbrück war Aufsichtsrat der HRE, hat aber von deren "Risikomanagement" rein gar nichts verstanden. - Steinbrück hat zusammen mit Eichel und Asmussen die Deregulierung der Finanzwirtschaft betrieben. Nicht nur durch ein oder zwei leichtfertige Gesetze, sondern im ganz grossen Stil. Im Koalitionsvertrag von 2005 wurde der Deregulierung das Wort geredet, und bereits in 2006 rühmte Staatssekretär Asmussen die vielfältigen Innovationen der Finanzindustrie, darunter auch die Asset Backed Securities (sog. "Verbriefungen" -> RMBS, z.B. CDOs). - Steinbrück verstand auch die Funktion und Rolle der Rating-Agenturen - gerade im Verbund mit der Bewertung (und Ausgestaltung!) der CDOs nicht. - Steinbrück verstand auch den kaskadenhaften Aufbau der CDS-Produkte nicht. - Steinbrück verstand noch nicht einmal die primitivsten Zusammenhänge der Geldschöpfung (Zinsproblem), oder dass es Wahnsinn ist, in einer überstarken Exportnation einen Niedriglohnsektor zu installieren, durch den man die eigene Währungsunion noch tiefer spaltet, weil die schwächeren Länder, die ihre Währungen nicht mehr abwerten können, dadurch noch weiter ins Hintertreffen geraten. Die Folge: 6,5 Millionen Deutsche in prekärer Beschäftigung und ein schnelleres Herbeiführen der Insolvenz schwacher Staaten, was uns nun zu grossen Stützungskäufen zwingt, wodurch - am Ende des Tages - die Deutschen umsonst produzieren! Einen ähnlichen Fehler machten übrigens die Chinesen beim Aufkauf riesiger Dollarbestände, deren Wert nun zusehends verfällt. Der Unterschied zwischen Steinbrück und den Chinesen ist bloss, dass die Chinesen aus ihren Fehlern lernten und umschichten, während Steinbrück absolut unbelehrbar bleibt. Und dann kommt so ein Jungspund vom SPIEGEL daher, und erzählt uns, dass Steinbrück so toll "zischt und schnarrt".
An dieser Freundschaft lässt sich doch gut die Situation unserer Politik ablesen. Die politische Klasse versteht sich bestens. Einigkeit herrscht offensichtlich darin, dem deutschen Normalbürger ständig neue Belastungen [...]
Zitat von sysopBeeindruckender geht es kaum: Finanzminister Wolfgang Schäuble hält die Laudatio auf seinen Vorgänger Peer Steinbrück bei der Verleihung des Preises "Das politische Buch 2010 ". Doch das große Wort führt der Sozialdemokrat. Er präsentiert sich als Mann mit Zukunft - aber schweigt über seine Ambitionen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,772607,00.html
An dieser Freundschaft lässt sich doch gut die Situation unserer Politik ablesen. Die politische Klasse versteht sich bestens. Einigkeit herrscht offensichtlich darin, dem deutschen Normalbürger ständig neue Belastungen aufzubürden. Es spielt auch keine Rolle, ob SPD oder CDU gewählt wird - am Ende kommt es zu ähnlichen bis gleichen Entscheidungen. Solche Freundschaften sind Ursache für die Demokratiefeindlichkeit der Politiker und Resignation des Volkes. Veternwirtschaft lässt grüßen. Wer diesen Leuten noch seine Stimme gibt, ist selbst Schuld an deutschenfeindlicher Politik. Ein offensichtlicheres Indiz für fehlenden politischen Kontrast kann es nicht geben, als dass sich diese beiden "Volksvertreter" gut verstehen.
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Mit 51 Jahren wurde Gabriel, Jahrgang 1959, jüngster Parteichef seit Willy Brandt. In der Großen Koalition war er bis Herbst 2009 Umweltminister und profilierte sich im Wahlkampf mit Attacken gegen die Atomkraft. Nach dem Wahldesaster der Sozialdemokraten griff er entschlossen nach dem Parteivorsitz. Nach einem starken Start hat seine Autorität zuletzt im Streit um Thilo Sarrazin und die Migrantenquote Schaden genommen. Als natürlicher Kanzlerkandidat gilt er inzwischen nicht mehr.

Der gelernte Lehrer aus Goslar ist seit 1977 SPD-Mitglied. Mit 40 Jahren war er jüngster deutscher Ministerpräsident in seinem Heimatland Niedersachsen (1999-2003). Nach der Abwahl wechselte Gabriel nach Berlin und gab ein Intermezzo als "Pop-Beauftragter" der Sozialdemokraten, was ihm eher Spott als Anerkennung einbrachte ("Siggi Pop"). Gabriel ist liiert mit einer Zahnärztin.






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