Schäubles Muslim-Studie 500 Seiten politischer Sprengstoff

Eine Studie zu Muslimen in Deutschland zeichnet ein düsteres Bild: 40 Prozent sind fundamental eingestellt, 6 Prozent gewaltbereit. Die Zahl der Rechtsstaatsgegner ist ähnlich hoch wie die bei deutschen Nichtmuslimen. Politiker und Experten sind über die Zahlen erschrocken, halten sie aber für realistisch.

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Berlin - In Düsseldorf steht der mutmaßliche Kofferbomber Youssef al-Hajdib vor Gericht. Im Herbst diesen Jahres wurden in Deutschland im Sauerland drei Terrorverdächtige festgenommen. Sie stehen unter dem dringenden Verdacht, verheerende Anschläge in Deutschland geplant zu haben.

Moscheebesucher in Deutschland: 40 Prozent aller befragten Muslime sind fundamental orientiert
DDP

Moscheebesucher in Deutschland: 40 Prozent aller befragten Muslime sind fundamental orientiert

Bevölkerung und Sicherheitsbehörden sind alarmiert ob der islamistischen Bedrohung aus dem eigenen Land. Jetzt hat das Bundesinnenministerium eine neue Studie vorgelegt. Das Ziel: den Nährboden für extremistische Gruppen und potentielle Täter politisch motivierter Gewalt auszuloten. "Die Studie trifft in höchstem Maß relevante Aussagen darüber, inwieweit sich Muslime in Deutschland mit der hiesigen Verfassungsordnung identifizieren", heißt es aus dem Innenministerium.

1750 Gläubige wurden in Telefoninterviews befragt, so viel wie noch nie in einer deutschlandweiten Untersuchung zu Muslimen. Auf über 500 Seiten untersuchen die Hamburger Wissenschaftler Katrin Brettfeld und Peter Wetzels in der Studie mit dem Titel "Muslime in Deutschland" religiöse Einstellungen, das Verhältnis zum Rechtsstaat, Sprachenkenntnisse, Bildung - und Gewaltbereitschaft.

Zwar bekennt sich in der Befragung eine klare Mehrheit der Befragten zu Demokratie und Rechtsstaat, die Ergebnisse der Studie sind dennoch erschreckend - nicht nur in Bezug auf die Einstellungen von Muslimen.

  • 40 Prozent aller befragten Muslime in Deutschland sind "fundamental orientiert". Merkmale dafür sind: eine enge religiöse Bindung, hohe Alltagsrelevanz der Religion, die starke Ausrichtung an religiösen Regeln und Ritualen verbunden mit einer Tendenz, "Muslime die dem nicht folgen auszugrenzen sowie den Islam pauschal auf- und westliche, christlich geprägte Kulturen abzuwerten". Dies ist der Studie zufolge aber bei weitem nicht gleichzusetzen mit dem Umfang des Potenzials demokratieskeptischer, intoleranter oder gar islamismusaffiner Haltungen unter Muslimen.

  • 14 Prozent aller Befragten haben "problematische Einstellungsmuster" - das bedeutet laut Studie, dass sie entweder eine hohe Distanz zu Demokratie, und/oder eine hohe Akzeptanz zu politisch-religiös motivierter Gewalt zeigen. 6 Prozent aller Befragten (hochgerechnet auf alle drei Millionen Muslime in Deutschland 180.000) sind der Studie zufolge "gewaltaffin", sie sind also theoretisch mobilisierbar. Das bedeute, dass sie massive Formen politisch-religiös motivierter Gewalt akzeptierten.

  • Die Verfasser der Studie wiesen aber zugleich darauf hin, dass Distanz zu Demokratie und Rechtsstaat sowie autoritäre Einstellungen bei Muslimen nicht häufiger vorkommen würden als bei einheimischen Nichtmuslimen.

  • Sehr viele Muslime fühlen sich der Studie zufolge in Deutschland diskriminiert - besonders viele jugendliche Muslime sind mit Ausgrenzung konfrontiert. So kennzeichnet die Untersuchung etwa 14 Prozent der einheimischen Jugendlichen als "stark ausländerablehnend bis –feindlich".

  • Knapp 40 Prozent der muslimischen Befragten halten "physische Gewalt als Reaktion auf die Bedrohung des Islams durch den Westen für legitim". Hier komme es laut Studie letztlich darauf an, was als Bedrohung aufgefasst wird und was hier im Einzelfall "dem Westen" zugeschrieben, mit diesem identifiziert wird.

  • Fast 9 Prozent halten die Formulierung, dass Selbstmordattentate feige seien und der Sache des Islam Schaden zufügen, für falsch. Ähnlich sind auch die Angaben zur Bezeichnung terroristischer Gewaltakte als aus Sicht des Islam zu verurteilender Taten (schlimme Sünde; Beleidigung Gottes). 7,4 Prozent der Befragten akzeptieren diese Aussage nicht.

Die Studie unterscheidet zwischen jungen Muslimen und der älteren Bevölkerungsgruppe. So seien Jugendliche und junge Erwachsene eine besondere Risikogruppe bezüglich Radikalisierung oder Gewalt.



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