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Kommentar zur Scharia-Polizei: Junge Männer, was ist los mit euch?

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"Scharia-Polizei" in Wuppertal: Mit manchen jungen Männern stimmt etwas ganz grundsätzlich nicht

Der Auftritt der Scharia-Polizei in Wuppertal sollte nicht verharmlost werden. Er ist ein Alarmzeichen - in Teilen der Gesellschaft läuft einiges grundsätzlich falsch.

Drei Beobachtungen aus diesen Tagen: In Wuppertal patrouilliert eine Gruppe junger Männer als selbst ernannte Scharia-Polizei durch die Straßen, in Sachsen wählen vor allem junge Männer im Alter von 19 bis 29 Jahren die NPD, und in Düsseldorf wird von Montag an einem 27 Jahre alten Islamisten und seinen mutmaßlichen Komplizen wegen des fehlgeschlagenen Bombenattentats von Bonn der Prozess gemacht.

Da kommt der Verdacht auf: Mit manchen jungen Männern hierzulande stimmt etwas ganz grundsätzlich nicht. Warum sind gerade sie empfänglich für Parolen von Rattenfängern? Woher kommt diese Lust an Provokation und Gewalt? Man möchte ihnen zurufen: Ja, habt ihr sie noch alle?

Nichts gegen ein bisschen Wut

Nun ist gegen ein bisschen Wut über die herrschenden Verhältnisse eigentlich nicht viel zu sagen. Jede Generation sollte mit dem Ziel antreten, Dinge anders zu machen als die Generation davor. Was aber Angst macht, ist, wenn der jugendliche Wunsch nach Veränderungen und Aufbruch in Hass umschlägt.

Da reicht es nicht, nur nach härteren Gesetzen und Bestrafung zu rufen, wie es jetzt im Falle der Scharia-Polizei von Wuppertal die Union wieder tut. Das ist eine reine Selbstverständlichkeit. Natürlich müssen Leute, die das Gewaltmonopol des Staates oder unsere Grundordnung infrage stellen, verfolgt und bestraft werden.

Was fehlt, ist eine Debatte darüber, warum anscheinend vor allem junge Männer hierzulande orientierungslos abdriften. Was läuft in den Familien und Schulen falsch? Warum kann unsere demokratische Gesellschaft diese Jugendlichen anscheinend nicht richtig integrieren? Was muss sich ändern? Das sind Fragen, über die es sich zu streiten lohnt. Das Land sollte damit beginnen. Denn niemand hat Lust darauf, dass aus ein paar gefährlichen Verirrten in Wuppertal, Sachsen und Bonn eine noch breitere Bewegung wird.

Zum Autor
Christian Thiel
Roland Nelles ist Ressortleiter Politik und Leiter des Berliner Büros sowie Mitglied der Chefredaktion von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Roland_Nelles@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 407 Beiträge
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1. Ignoranz
hansgustor 08.09.2014
Die Diskussion über die Gründe gibt es schon lange, sie wird aber von Politik und Wirtschaft ignoriert, weil sie dabei nicht gut wegkommen.
2. Macho sein bringts nicht mehr ...
amandahiphop 08.09.2014
Mir ist das auch schon länger aufgefallen. Mein persönlicher Eindruck ist, dass viele dieser Männer Verlierer sind: a) der Globalisierung und der gestiegenen Anforderungen an die Ausbildung der Einzelnen. Viele von denen waren auch in der Schule schlecht; b) der Emanzipation der Frauen. Sie sind auch hier Verlierer, finden keine neue Rolle und die alte funktioniert nicht mehr. Diese Männer gewinnen weder gesellschaftlich und in der Arbeitswelt Status, noch haben sie jemanden zu Hause, dem sie sich überlegen fühlen können. Sie sind auf sich selbst zurückgeworfen und kommen mit dieser komplexen Gesellschaft voller Möglichkeiten nicht klar.
3. Redet mal Klartext, vor
savanne 08.09.2014
lauter p.c. wird bei diesem Thema nur herumgeschwurbelt. Wären das Jungnazis würde man deutlichste Worte finden u. die Staatsgewalt würde ihre ganze Macht zeigen. Und welche Teile der Gesellschaft sind hier gemeint? Das sog. Prekariat? Die Mittel.-u. Oberschicht ist nicht involviert? Bei den Salafisten läuft nichts ungesteuert.
4. tja, man sollte
jonas4711 08.09.2014
sich halt mal auf den Straßen umschauen, wievielte der jungen Generation in ein Handgerät schauen, das den Blick auf die Umwelt vernebelt oder sie in eine imaginäre welt versetzt, die mit der Realität nicht viel gemein hat. wenn diese dann mit dem täglichen Leben konfrontiert werden versagen sie, weil sie recht unsanft auf dem Boden landen. Diese Feststellung trifft natürlich nicht bei allen zu, aber bei einem erschreckend hohem Anteil insbesondere bildungferner Schichten der Bevölkerung. Wenn diese Klientel mit einfachen schwarz weiß Parolen "rattengefängert" werden, ist mit ein bisschen Gehirnwäsche leicht, sie zu radikalisieren. Wenn dann noch,wie es zu beobachten ist, eine lasche Justiz vorhanden ist, dann kann man sich leicht vorstellen, wohin das einmal führen wird.
5. Ich halte es für
helle_birne 08.09.2014
vollkommen unangemessen, ein paar junge Männer, welche die Gebote ihrer Religion ernst nehmen und andere Mitglieder ihrer Religion friedlich zur Einhaltung der Regeln ermahnen, mit den Neonazis von der NPD zu vergleichen! Das ist plumpe Islamophobie, nur etwas verpackt. Die Omi von den Zeugen Jehovas bei mir um die Ecke macht seit Jahren nichts anderes, und keiner regt sich darüber auf ...
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