Schauspielerin Sibel Kekilli: "Ich bin mir sicher, dass ich irgendwann aus Deutschland wegziehe"

Sie ist hier geboren, trotzdem fühlt sie sich nicht akzeptiert: Die türkischstämmige Schauspielerin Sibel Kekilli spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über das ewige Gefühl, Gast zu sein, kritisiert das Kopftuch - und fordert, dass Muslime öfter mal über sich selbst lachen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Kekilli, "Gewalt gehört im Islam zum Kulturgut" - das haben Sie neulich auf einer Podiumsveranstaltung in Berlin gesagt. Der türkische Generalkonsul hat wütend den Raum verlassen. Bereuen Sie Ihre Worte heute?

Kekilli: Es ist doch nicht zu leugnen: Die meisten Ehrenmorde werden von den Tätern mit dem Islam begründet. Bei der Genitalverstümmelung wird als Begründung der Islam mit ins Spiel gebracht, obwohl das keine Vorschrift des Islams ist. Männer, die ihre Frauen schlagen, sagen: So steht es im Koran. Diese entsprechenden Stellen im Koran sind natürlich auch anders zu interpretieren, werden sie aber meistens leider nicht. Man versucht durch die Religion die Gewalttaten zu rechtfertigen. Und die friedliebenden Moslems müssen unter diesen Extremisten ihrer Religion leiden und sich rechtfertigen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie Atheistin?

Kekilli: Ich respektiere alle Religionen, fühle mich aber keiner zugehörig. Es gab eine Zeit, in der ich an gar nichts geglaubt habe. Mittlerweile glaube ich an eine Macht, die einen schützt und einem im Laufe des Lebens Aufgaben stellt. Ich nenne sie aber nicht Gott.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Eltern haben Ihnen nicht erlaubt, Abitur zu machen. Fehlt in Deutschland so etwas wie ein Ehrgeiz der Einwanderer? Ist es typisch, dass muslimische Mädchen in ihren Familien ausgebremst werden?

Kekilli: Meine Eltern wollten, dass ich nach der zehnten Klasse eine solide Ausbildung mache und Geld verdiene. Ich habe aber in meinem Umfeld beobachtet, dass viele muslimische Mädchen von ihren Eltern klein gehalten werden. Sie sollen zum Beispiel kein Abitur machen, damit sie keinen eigenen Kopf entwickeln und bloß nicht zu viel von der Welt sehen sollen. Ich habe aber auch türkische Eltern erlebt, die ihre Töchter fördern.

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie arabischen und türkischen jungen Frauen, die nicht die Chance auf ein eigenes Leben haben, weil sie von den Männern oder ihrer Familie unterdrückt werden?

Kekilli: Ich würde nie jemandem raten: Brich mit deiner Familie! Nur wenn ein Mädchen selbst über ihr Leben bestimmen will, muss sie ihrer Familie Grenzen setzen - egal ob das für kurze oder lange Zeit ist. Ich glaube trotzdem, dass die Angst bei diesen Mädchen immer bleiben wird, wirklich frei werden sie sich wahrscheinlich nie fühlen.

SPIEGEL ONLINE: Eine Umfrage unter türkischen Studenten hat vor kurzem ergeben, dass bis zu 30 Prozent von ihnen Verständnis für Ehrenmorde aufbringen. Eine mörderisch hohe Zahl.

Kekilli: Ja, leider. Und ich befürchte, dass die Zahl noch steigen wird. Die Menschen, vor allem junge, sind auf der Suche. Heutzutage gibt es fast keine Vorbilder, Idole mehr. Es gibt keinen Grund zur Rebellion. Also rebellieren sie, indem sie sich wieder an religiöse und traditionelle Werte klammern. Da spielt auch die Politik eine Rolle. Die Menschen fühlen sich nicht richtig akzeptiert. Wenn die EU-Aufnahme der Türkei aus bestimmten Gründen verschoben wird, dann ist das für viele Türken eine Art von Zurückweisung. Und daraufhin reagiert man mit Trotz.

SPIEGEL ONLINE: Ist dieses Gefühl zurückgewiesen zu werden auch auf die muslimische Community in Deutschland übertragbar?

Kekilli: Ja, die zweite Generation hat versucht, sich anzupassen. Es hat nicht geklappt, und die Kinder und Enkelkinder sehen das und denken: Wofür dann der ganze Kampf? Auch meine Eltern wurden in Deutschland immer als Gastarbeiter gesehen. Italiener, Russen und Polen wurden mehr integriert.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt es, dass die Integration nicht gelungen ist?

Kekilli: An beiden Seiten. Auch ich bekomme von Leuten, die ich seit Jahren kenne, dumme Sprüche zu hören. Dinge wie: "Ach ja, stimmt ja, bei dir muss man langsam reden, du verstehst ja kaum Deutsch." Und ich kriege aus dem Ausland mehr Rollen für Einheimische - aus England Drehbücher, in denen ich eine Engländerin spielen soll. In Deutschland bekomme ich zu 90 Prozent Angebote, bei denen ich eine Türkin spielen soll - nicht selten auch noch eine mit Kopftuch. Ich spiele gerne türkische Frauen und verleugne meine Herkunft nicht - aber ich möchte nicht darauf reduziert werden.

SPIEGEL ONLINE: Und die andere Seite?

Kekilli: Auf der anderen Seite sind viele Moslems einfach intolerant. Wenn es dann zum Ehrenmord kommt, gehen sie mit türkischen oder anderen Fahnen auf die Straße und wollen ihr Mitgefühl zeigen. Aber zu Solidarität sind sie nicht wirklich bereit, eher zu Nationalismus.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt, dass die Türkei Ihre zweite Heimat ist. Gilt das noch für das Land, in dem der Mord an Hrant Dink passierte und Orhan Pamuk sich kaum mehr aus dem Haus traut?

Kekilli: Pamuk hält ja an seiner Heimat fest. Er liebt sein Land, er liebt Istanbul. Ich selbst fühle mich allerdings weder in der Türkei noch in Deutschland richtig heimisch. Ich bin mir sicher, dass ich irgendwann aus Deutschland wegziehe.

SPIEGEL ONLINE: Wohin wollen Sie gehen?

Kekilli: Dorthin, wo man mir sagt: "Du bist Gast hier" und ich antworten kann: "Ja gerne!" Ich habe keine Lust immer wieder zu erklären, dass ich deutsche Staatsbürgerin, dass ich hier geboren bin und man mich immer noch nicht akzeptiert. Für die meisten Deutschen bin ich doch immer noch Gast, obwohl ich hier geboren bin und das Grundgesetz achte.

SPIEGEL ONLINE: Alice Schwarzer hat das Kopftuch mal mit dem Judenstern verglichen, weil es Frauen stigmatisieren würde. Teilen Sie ihre Ansicht?

Kekilli: Ich bin gegen das Kopftuch, weil es für mich, besonders als muslimisch erzogene junge Frau, ein Zeichen der Unterdrückung und Unterwerfung ist. Durch das Kopftuch habe ich das Gefühl, alle Frauen ohne Kopftuch werden von den Männern als Sexobjekt betrachtet. Im Koran wird eigentlich deutlich gemacht: Kleidung soll nicht so beschaffen sein, dass die Geschlechtsmerkmale überbetont werden, dass sie also das andere Geschlecht aufreizen und zur Übertretung der Sitten aufstacheln. Das heißt für mich, ich bin schuld, wenn ich durch eine nicht "angemessene" Kleidung belästigt werde, wenn ich etwa kein Kopftuch trage. Wenn es jemand freiwillig und gerne trägt, dann ist es okay. Aber das Wichtigste ist doch, dass man keine Kleidung braucht, um zu zeigen, dass man an etwas glaubt. Es ist doch viel wichtiger, im Herzen rein und gläubig zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt leider immer mehr Schülerinnen, die Kopftuch tragen. Warum?

Kekilli: Weil es eben Rückschritte gibt. Es tut mir in der Seele weh, wenn ich kleine Mädchen von sieben oder acht Jahren mit Kopftuch sehe. Denn das Kopftuch soll vor sexueller Begierde schützen. Was für einen Floh setzt man solchen Mädchen ins Ohr? Warum darf ein Mädchen mit acht Jahren nicht schwimmen? Weil ihre Eltern glauben, sie sei ein Sexobjekt. Wer er es nicht aushält, dass seine Tochter im Badeanzug schwimmt, soll in ein anderes Land gehen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie Politikerin wären und ein Gesetz zur Integrationspolitik erlassen könnten, was wäre das?

Kekilli: Klassen müssten gemischt werden - mindestens die Hälfte aller Schüler müsste Deutsch als Muttersprache haben. Ich selbst hatte Glück und war bis zur dritten Klasse die einzige Ausländerin - so habe ich gut Deutsch gelernt.

SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Jahr haben Muslime aus Wut über die Mohammedkarikaturen aus einer dänischen Zeitung dänische Flaggen verbrannt. Bei Protesten starben Menschen. Hat diese Krise das Zusammenleben von Muslimen und der westlichen Welt verschärft?

Kekilli: Beide Seiten müssen extrem aufpassen. Es war bekannt, was für eine aufgeladene Stimmung gerade unter den Moslems herrscht. Mohammed als Terroristen zu zeichnen war unnötig provokativ. So etwas macht auch die friedlichen Muslime wütend und bestätigt ihre Meinung, dass man keinen Respekt vor ihrer Religion hat. Trotzdem: Muslime müssen selbstkritischer werden und auch mal über sich selbst lachen.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind es fast immer Frauen, die das Wort ergreifen und den Islam kritisieren - Ekin Deligöz, Necla Kelek, Seyran Ates, Ayaan Hirsi Ali - und jetzt Sie?

Kekilli: Als Mann würde ich wahrscheinlich auch nicht gegen das Patriarchat kämpfen. Es ist Teil des Problems, dass es so gut wie keine Männer gibt, die den kritischen, mutigen Frauen den Rücken stärken. Mit dem Ergebnis: Wenn eine muslimische Frau sich traut, etwas zu sagen, wird es entweder im Keim erstickt oder sie muss mit Leibwächtern herumlaufen. Es ist auch traurig, dass die Deutschen erst reagieren, wenn etwas passiert ist. Ist bei meiner Rede zu häuslicher Gewalt irgendjemand aufgestanden, auf die Bühne gegangen und hat mich unterstützt?". Natürlich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Die Deutschen sollen sich stärker einmischen?

Kekilli: Ja, unbedingt sogar. Es ist wichtig, dass wir nicht wegsehen. Wir müssen anfangen, die Dinge beim Namen zu nennen. Ich sage wir, weil ich damit wirklich nicht nur die Deutschen, sondern auch die ausländischen Moslems meine. Denn ich kann nichts von den Deutschen erwarten, wofür die Moslems auch nicht bereit sind und umgekehrt ebenso.

Das Interview führten Claus Christian Malzahn und Anna Reimann

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