Von Philipp Wittrock
Berlin - Annette Schavan hat am Freitag viel Zeit zum Nachdenken. Rund 13 Stunden dürfte sie brauchen, um die mehr als 9000 Kilometer Luftlinie zwischen Kapstadt und Berlin zu überwinden. Was wird aus ihr? Ist ihre politische Karriere wirklich vorbei? Diese Fragen werden der CDU-Politikerin an Bord der Regierungsmaschine wohl durch den Kopf gehen. Vielleicht überlegt sie noch. Vielleicht kennt sie die Antworten schon.
Wann genau die Öffentlichkeit erfährt, welche Antworten es sind, ist noch ungewiss. Noch am Freitag? Am Wochenende? Oder doch erst am Montagmorgen?
Noch ist nach dem Entzug von Schavans Doktortitel alles in der Schwebe. Am frühen Abend sollte die Bildungsministerin von ihrer Dienstreise aus Südafrika zurückkehren. Über den genauen Zeitpunkt schwieg sich ihr Ministerium aus. Ebenso wenig wurde ein Termin für das anstehende persönliche Gespräch zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Schavan mitgeteilt. Auch Merkel war noch unterwegs am Freitag, beim EU-Rat in Brüssel. Solche Gipfel können lange dauern, in der zurückliegenden Verhandlungsnacht hat die Regierungschefin nicht geschlafen.
Das Vieraugengespräch muss also nicht zwingend noch am Abend stattfinden, zumal die Kanzlerin keinen Eindruck von Eile oder gar Panik vermitteln will. Merkel und Schavan wollen "über alles in Ruhe" reden, hat der Regierungssprecher angekündigt. Über alles. Also auch über einen möglichen Rücktritt. Merkel hat es vermieden, Schavan eine Jobgarantie zu geben, und so gehen die meisten Beobachter, selbst in der CDU, davon aus, dass Schavan ihr Ministeramt abgeben muss. Längst werden die Namen möglicher Nachfolger gehandelt. Als eine Favoritin gilt die niedersächsische Noch-Wissenschaftsministerin Johanna Wanka.
Kein leichtes Treffen für Merkel und Schavan
Es geht am Ende nicht darum, ob Schavan wirklich schuldig ist. So findet sich kein Christdemokrat, der glaubt, dass sie bei ihrer Doktorarbeit vor 33 Jahren wirklich dreist geschummelt hat. Unverhältnismäßig sei das Urteil der Universität Düsseldorf, heißt es stets. Selbst der Opposition fällt es schwer, Schavan frontal anzugreifen. SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte, ihm tue die Situation für Schavan leid, die eine "ausgesprochen kluge und anständige Kollegin" sei. Und auch etliche der Kommentatoren, die den Rücktritt für unausweichlich halten, vergessen nie, darauf hinzuweisen, dass die Höchststrafe der Hochschule zumindest fragwürdig sei.
Aber was hilft es? Eine Ministerin, der in einem formalen Verfahren der Titel entzogen wurde, kann schwerlich glaubwürdig für die Qualität der Wissenschaft eintreten. In zwei am Freitag veröffentlichten Umfragen sprach sich jeweils eine große Mehrheit der Deutschen für einen Rücktritt Schavans aus. Bliebe sie im Amt, um parallel in einem monatelangen Gerichtsverfahren um ihren Ruf zu kämpfen, wäre die Ministerin wohl eine zu große Belastung für die Bundesregierung. Und das acht Monate vor der Bundestagswahl. Merkel darf im Wahlkampf keine Angriffsfläche bieten. Schavan weiß: Sie muss Schaden von der Kanzlerin abwenden. Und das wird sie nur durch einen geordneten Rückzug tun können.
So ist es nicht unwahrscheinlich, dass das Gespräch einen für beide nur schwer zu ertragenden Ausgang nehmen wird. Merkel und Schavan sind seit mehr als einem Jahrzehnt politische Weggefährten, seit acht Jahren dient Schavan Merkel als loyale und verlässliche Ministerin. Unaufgeregt und uneitel in ihrem Auftreten teilen sie das gleiche Image. Die Protestantin aus dem Osten und die Katholikin aus dem Westen gelten als Vertraute, ja als Freundinnen, ein Begriff, der im Berliner Polit-Betrieb nicht allzu häufig verwendet wird. Wenn sich die Freundinnen nun politisch voneinander trennen müssen, wird das bei allem Pragmatismus und Machtkalkül weder Merkel noch Schavan leichtfallen.
Schavans Worte über Guttenberg
Dabei ist es eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet das enge Vertrauensverhältnis der beiden den Rücktrittsbefürwortern zusätzliche Munition liefert. Denn es gibt da diese Fotos von Merkel und Schavan, entstanden im März 2011 auf der Computermesse Cebit in Hannover. Zu sehen ist, wie die Kanzlerin der Ministerin ihr Handy zeigt. Schavan guckt auf das Display, dann schauen sich die beiden an. Die Blicke, das wissende Lächeln, die wortlose Kommunikation - es gibt wohl keine Szene, die die Nähe zwischen Kanzlerin und Ministerin besser symbolisiert. Und das in dem Moment - diese Geschichte hält sich hartnäckig -, in dem Merkel per SMS vom Rücktrittsentschluss des damaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) erfahren haben soll, der seinerzeit des Plagiats bei seiner Doktorarbeit überführt wurde.
Die "Süddeutsche Zeitung", die das Interview damals führte, erinnerte in diesen Tagen aber auch daran, dass Schavan in jenem Gespräch auch noch ganz andere Sätze sagte, die heute gerne unterschlagen werden. Einer davon lautete: "Für einen Minister gilt das Gleiche wie für jeden Menschen: Er hat eine zweite Chance verdient."
Das sagte Schavan über Guttenberg, der seine Doktorarbeit ungeniert zusammenkopiert hat. Schavans Verstöße sind mit jenen Guttenbergs nicht zu vergleichen. Und doch sieht es nicht danach aus, als könne nun Schavan auf eine zweite Chance im Amt hoffen.
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