Schelte für Vera Lengsfeld Frauen-Union kritisiert busenbetonten Wahlkampf

Tief dekolletiert neben der Kanzlerin - das Wahlplakat der Berliner CDU-Politikerin Vera Lengsfeld sorgt für Aufregung. Die Frauen-Union kritisiert die "Effekthascherei" - und die Gescholtene verteidigt sich: "Sexismus? Das ist doch lächerlich."


Berlin- Das Dekolleté-Wahlplakat der Berliner-CDU-Politikerin Vera Lengsfeldsorgt für heftigen Wirbel: Die Frauen-Union hat die Wahlwerbung der ehemaligen DDR-Bürgerrechtlerin als Profilierungsversuch kritisiert. "Wir setzen auf Inhalte und nicht auf Effekthascherei", sagte die Vorsitzende der Frauen-Union, Maria Böhmer, am Dienstag in Berlin. Sie habe die Plakate gesehen und sich dabei gedacht: "Das haben wir heute doch nicht mehr nötig", sagte Böhmer.

Ein "Schlampenplakat" sei das, wettert ein Bürger auf der Lengsfeld-Internetseite.

Die CDU-Politikerin Lengsfeld selbst verteidigte die Plakate entschieden. Darauf ist die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin neben einem Foto von Kanzlerin Merkel im tief ausgeschnittenen Abendkleid zu sehen, das die Regierungschefin 2008 bei der Eröffnung der Osloer Oper trug. Darunter der Spruch: "Wir haben mehr zu bieten."

Mit den Plakaten bewirbt sich Lengsfeld im Berliner Szenebezirk Friedrichshain-Kreuzberg um ein Direktmandat für den Bundestag.

"Sexismus? Das ist lächerlich. Was ist an zwei Damen im Abendkleid sexistisch?", fragt Lengsfeld. "Wer die Selbstironie nicht erkennt, dem ist nicht zu helfen."

Sie freue sich über die große Aufmerksamkeit, die ihre Wahlwerbung auf sich ziehe - und sei auch etwas überrascht, so Lengsfeld. "Dass es so einen Wirbel verursacht, war mir und uns allen nicht ganz klar. Aber es freut uns natürlich." Sie fügte hinzu: "Aufmerksamkeit zu erregen, das ist mir gelungen. An einem Tag hatte ich 17.000 Klicks auf meinem Wahl-Blog. Das hätte ich mit einem normalen Straßenwahlkampf nie erreicht." Wenn man nicht viel Geld für seinen Wahlkampf habe, dann sei man auf gute Ideen angewiesen, erläuterte die 57-Jährige, die 1996 von den Grünen zur CDU gewechselt war.

"Die CDU ist ganz entspannt"

Dass das Plakat mit der CDU-Zentrale nicht abgesprochen ist, hatte Lengsfeld bereits am Montag eingeräumt. "Das hätte mir die Kanzlerin gar nicht erlauben können", sagte die Berliner Bundestagskandidatin am Dienstag dem Nachrichtensender N24. "Denn dann hätte das jeder haben wollen." Es sei ihre Idee gewesen und habe eine Überraschung sein sollen. "Ich habe das mit meinem Kreisverband abgestimmt." Das Einverständnis der Bundeskanzlerin als ihrer "Wahlhelferin" einzuholen, fand Lengsfeld indes auch nicht nötig. "Ich habe die Rechte für dieses Foto ganz offiziell gekauft. Ich habe ja nicht heimlich ein Bild von Frau Merkel geschossen und das jetzt veröffentlicht", sagte sie.

Auch eine CDU-Sprecherin erklärte auf Anfrage, das Plakat sei "ohne Rücksprache" mit der Bundesgeschäftsstelle erstellt worden. Man sehe das Plakat mit Humor, sagte der Berliner CDU-Chef Frank Henkel. Sie habe nur freundliche Reaktionen aus ihrer Partei erhalten, erklärte auch Lengsfeld. "Die CDU ist ganz entspannt und findet das witzig. Nur die Linke, also der politische Gegner, regt sich auf. Da habe ich es doch richtig gemacht."

In dem alternativ geprägten Kiez Friedrichshain-Kreuzberg hatte der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele 2002 und 2005 das einzige Direktmandat für seine Partei erzielt. Lengsfelds CDU-Vorgänger kam bei der vergangenen Bundestagswahl dort nur auf 11,3 Prozent der Erststimmen.

Die einstige Dissidentin Lengsfeld, 1988 vom SED-Staat verhaftet und nach England abgeschoben, hatte sich zur politischen Wende in der DDR zunächst in der Grünen Partei engagiert. Seit der Wiedervereinigung saß sie für die Grünen im Bundestag, wechselte 1996 aber zur CDU.

Wahlkampf gegen Ströbele

Von 1990 bis 2005 war Lengsfeld Bundestagsabgeordnete, auch zur Wahl 2005 wollte sie eigentlich wieder antreten. Bei der Nominierung in ihrer thüringischen Heimat erlitt sie jedoch eine bittere Niederlage. Nur fünf von 45 Parteifreunden an der Basis stimmten für sie.

Lengsfeld, die nach der Wende damit fertig werden musste, dass sie in der DDR im Auftrag der Stasi vom eigenen Ehemann bespitzelt wurde, verzichtete danach auch auf eine Kandidatur auf der Thüringer Landesliste. Diesmal tritt Lengsfeld für die CDU im Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg an. Sie steht auf Platz sechs der Berliner Landesliste und hat damit gute Chancen auf einen erneuten Einzug in den Bundestag.

In dem Wahlkreis tritt sie gegen den Grünen-Abgeordneten Ströbele an, der derzeit als einziger Grüner mit einem Direktmandat im Bundestag sitzt. Ströbeles Wahlplakate sind bereits Kult: Sie werden regelmäßig von dem Comic-Zeichner Gerhard Seyfried gemalt, das aktuelle Motiv kann für fünf Euro sogar gekauft werden. Als nicht eben zimperlich in der Wahl ihrer Mittel erweist sich eine andere Gegnerin in Lengsfelds Wahlkreis 84. Die Kandidatin der Linken, Halina Wawzyniak, hält dem Betrachter auf ihrem Wahlplakat einen jeansbehosten Hintern entgegen. Der Slogan dazu: "Mit Arsch in der Hose in den Bundestag."

anr/AFP/AP



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