Hamburg/Berlin - Über die Schikanen bei der Bundeswehr in Mittenwald dringen weitere Details an die Öffentlichkeit. Rekruten bei den Gebirgsjägern sind offenbar mit Wissen der Vorgesetzten entwürdigenden Ritualen unterzogen worden - zudem reichen die Misshandlungen weit zurück.
Ein ehemaliger Wehrpflichtiger hatte sich Ende Januar beim Wehrbeauftragten des Bundestags, Reinhold Robbe, beschwert. Rekruten mussten demnach bis zum Erbrechen Alkohol trinken und rohe Schweineleber essen, um in einer internen Hierarchie aufzusteigen. Dem Brief zufolge existiert bei den Gebirgsjägern des Bataillons 233 unter den Mannschaftsdienstgraden schon seit den achtziger Jahren eine interne Hierarchie, genannt "der Hochzugkult". In diesem sei man zunächst drei Monate "Fux" und müsse für die "Cheflage" spülen und putzen.
Aufsteigen könne man nur, wenn man verschiedene Aufnahmerituale bestehe. So musste sich der Soldat, der die Beschwerde einreichte, im Sommer 2009 zwei Tage lang außerhalb der Dienstzeit anstrengenden Prüfungen stellen und dabei große Mengen Alkohol trinken. Dabei würden Soldaten auch gezwungen, rohe Schweineleber und Rollmöpse mit Frischhefe zu essen. Die Frischhefe bewirke, dass sich die Betroffenen innerhalb kürzester Zeit heftig übergeben mussten. Auch seien Soldaten gezwungen worden, sich vor Kletterübungen vor den versammelten Kameraden zu entkleiden.
Robbe berichtete dem Verteidigungsausschuss des Bundestags in einem Brief und sprach von Aufgaben, die zum Teil "als erniedrigend und herabwürdigend" anzusehen seien. Dem Radiosender NDR Info sagte der Wehrbeauftragte, er befürchte, dass es seit Jahrzehnten zu solchen Vorfällen gekommen sei. Es handele sich offensichtlich um einen Fall von größerer Dimension. Ob Vorgesetzte involviert waren, sei aber noch unklar. Die Bundeswehr habe die Vernehmung der möglichen Beteiligten noch nicht abgeschlossen. Nach bisherigen Ermittlungen ereigneten sich die Vorfälle nicht während der Dienstzeit und außerhalb der Kaserne.
"Aufklären, abstellen und Konsequenzen ziehen"
Die Staatsanwaltschaft prüft die Vorwürfe nun. Man müsse sich zunächst orientieren und anhand der bei dem Wehrbeauftragten vorliegenden Materialien sehen, ob es strafrechtlich relevante Sachverhalte gebe, sagte ein Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft München II am Mittwoch. Er betonte, dass es noch kein Ermittlungsverfahren gebe. Auch sei bislang niemand befragt worden. "Wir prüfen, sonst ist noch gar nichts." Für Straftaten innerhalb der Bundeswehr ist in Deutschland die örtliche Staatsanwaltschaft zuständig. Sie verfolge auch strafrechtlich relevante Verstöße gegen das Wehrstrafgesetz, erklärte der Sprecher. Die Bundeswehr selbst ist demnach nur für disziplinarische Maßnahmen zuständig.
Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der selbst in Mittenwald gedient hat, verlangte im ZDF: "Aufklären, abstellen und Konsequenzen ziehen." Der Bundeswehrverband forderte am Mittwoch, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Der Vorsitzende des Verbands, Ulrich Kirsch, sagte dem Fernsehsender N24, es müsse "ganz deutlich und auch mit aller Konsequenz" gehandelt werden: "Wenn sich das alles so bestätigt, wie es sich heute darstellt, dann müssen die zur Rechenschaft gezogen werden, die das gemacht haben, und auch diejenigen, die weggeschaut haben."
Der zuständige Presseoffizier der 10. Panzerdivision in Sigmaringen, Peter Wozniak, sagte der Agentur apn, man nehme den Vorfall sehr ernst und werde "streng und ohne Toleranz gegen Gesetzesverstöße einschreiten". Unmittelbar nachdem man am 4. Februar über die Eingabe informiert worden sei, habe man mit den Ermittlungen begonnen. Man prüfe disziplinarische und strafrechtliche Konsequenzen. Die Vorgesetzten hätten von dem Vorfall vom Juni 2009 jedoch keine Kenntnis gehabt. Es seien ältere Mannschaftsdienstgrade beteiligt gewesen, darunter auch ehemalige Soldaten.
Fälle erinnern an Skandal von Coesfeld
Auch in der Vergangenheit gab es Missbrauchsfälle bei der Bundeswehr: Im Oktober 2009 kassierte der Bundesgerichtshof einen Freispruch für drei frühere Ausbilder der Bundeswehr und ordnete eine teilweise Neuauflage des Prozesses an. In der Kaserne in Coesfeld waren junge Rekruten von ihren Ausbildern gedemütigt und misshandelt worden. Bei simulierten Geiselnahmen wurden Soldaten gefesselt, es kam zu Scheinerschießungen und dem Einsatz einer Kübelspritze, mit der gewaltsam Wasser in den geöffneten Mund von Rekruten gepumpt wurden.
kgp/dpa/apn
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