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Schill-Entlassung: Schlammschlacht um Beusts Sexualität

Von hanseatischer Zurückhaltung war im Hamburger Rathaus nichts zu spüren. Erst warf Bürgermeister Ole von Beust Innensenator Schill hinaus, weil der ihn mit seiner angeblichen Beziehung zu Justizsenator Kusch erpressen wollte. Dann schlug Schill zurück: Es gebe Zeugen eines Liebesaktes zwischen Kusch und Beust.

Geschasster Ronald Schill: Gnadenlos bis zum bitteren Ende
DPA

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Hamburg - Es war eine Pressekonferenz, die wegen ihres Schlammschlachtfaktors in die Geschichte eingehen wird. Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust hatte die Medienvertreter eilig ins Hamburger Rathaus einbestellt, um den Rauswurf Ronald Schills bekannt zu geben. "Ich habe Herrn Schill entlassen", erklärte von Beust.

Der Grund: ein Erpressungsversuch. Beust hatte von Innensenator Schill gefordert, den Innenstaatsrat Walter Wellinghausen wegen einer Finanz-Affäre zu entlassen. Daraufhin habe Schill dem Regierungschef gedroht, der Öffentlichkeit zu verraten, Beust habe seinen angeblichen Lebenspartner, Justizsenator Roger Kusch, in den Senat geholt und damit Privates mit Dienstlichem verquickt. Beust warf Schill sofort aus seinem Büro. Schill sei für das Amt "charakterlich nicht geeignet", lautete sein Kommentar auf der Pressekonferenz. Die Anschuldigungen, er lebe mit Kusch zusammen, seien nicht wahr: "Seine Behauptung ist falsch und die Drohung ist ungeheuerlich." Doch Schill wäre nicht Schill, wenn er das auf sich sitzen lassen würde. Uneingeladen und ohne Vorankündigung platzte er in die Pressekonferenz, riss, nachdem Beust gegangen war, das Wort an sich und zog vom Leder. Politik sei ein "noch schmutzigeres Geschäft, als er sich das vorgestellt" habe, sagte er. "Menschlich enttäuscht" sei er, dass die Entscheidung über seine Entlassung an ihm vorbeigelaufen sei.

Und dann griff er vor den staunenden Journalisten ganz tief in die Schmuddelkiste: Er habe Zeugen dafür, dass es in der Wohnung des Justizsenators am Hamburger Hansaplatz zwischen Kusch und Beust zu etwas gekommen sei, dass man als Liebesakt bezeichnen könne.

Kontrahenten Schill, Beust: Schlammschlacht der übelsten Art
DDP

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Auf die Frage, warum er ein angebliches homosexuelles Verhältnis von Beusts mit Kusch öffentlich gemacht habe, sagte Schill vorher, es habe seinem Rechtsempfinden widersprochen, dass der seiner Partei angehörende Bausenator Mario Mettbach in die Schusslinie geraten war, weil dieser seine Lebensgefährtin zur persönlichen Referentin gemacht hatte, während von Beust seinen Lebensgefährten Kusch zum Justizsenator gemacht habe. Hamburger Filz in delikatester Ausprägung.

In der Pressekonferenz betonte er, er habe nichts gegen Homosexuelle. Es sei allerdings legitim gewesen, ein offenes Gespräch unter Duzfreunden zu führen. Der Bürgermeister habe mit Kusch in einem homosexuellen Verhältnis gestanden. Dieses Verhältnis bestehe fort.

Beust streitet das ab. "Ich kenne Herrn Dr. Kusch seit 25 Jahren aus dem Studium. Wir sind gute persönliche Freunde. Er ist seit fast einem Jahr Mieter einer von mir im Jahre 2001 gekauften Wohnung, für die ordnungsgemäß Miete und Nebenkosten gezahlt werden. Das ist alles - absolut alles", sagte er in der Pressekonferenz.

Beust entließ auch Innenstaatsrat Wellinghausen. Mit dem Innenstaatsrat hatte es jüngst mehrere Krisengespräche gegeben. Wellinghausen wird seit Monaten vorgeworfen, er habe nach seinem Amtsantritt als Staatsrat 2001 unangemeldete Nebentätigkeiten für eine Privatklinik ausgeführt.

Der 59-jährige Rechtsanwalt ist parteilos. Er wurde von Innensenator Schill eingestellt, den er vorher erfolgreich vor Gericht verteidigt hatte. Schill stand trotz der seit dem Frühsommer erhobenen Vorwürfe weiter hinter seinem Staatsrat und hatte mit dem Ende der Koalition aus CDU, Schill-Partei und FDP gedroht.

Schill will aus Politik aussteigen

 Hamburger Justizsenator Roger Kusch: Unvermittelt im Brennpunkt einer "affaire de moeurs"
DPA

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Offen ist derzeit, welche Auswirkungen die Entlassung Schills auf die Regierungskoalition hat. Bausenator Mario Mettbach, Vorsitzender der Schill-Partei, ging davon aus, dass die Koalition mit CDU und FDP in Hamburg fortgesetzt werde. Mettbach kündigte an, die Situation werde nun in der Fraktion der Schill-Partei und mit den verbliebenen Senatoren beraten.

Schill selbst sagte, er sei von der Situation völlig überrascht worden. Er könne noch nicht sagen, ob "eine Überlebenschance für die Koalition" bestehe. Er empfehle seiner Partei die Fortsetzung der Koalition. Für sich selbst kündigte Schill an, der Politik den Rücken kehren zu wollen.

Zumindest darin sind sich Beust und Schill einig. "Meine Hoffnung ist, dass sich die Partei Rechtsstaatlicher Offensive von Herrn Schill trennt" sagte Beust. "Umso mehr, als ich mit den Senatoren der Partei und den Abgeordneten eine menschlich und fachlich hervorragende Zusammenarbeit schätzen gelernt habe." Vom charakterlichen Fehlverhalten Schills sei er erschüttert.

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