Schills Abgang "Vielleicht werde ich ja Präsident von Uruguay"

Es begann so hoffnungsfroh, doch dann geriet der politische Quereinsteiger in die falschen Kreise, und es ging bergab. Glaubt man Ronald Schill, haben allein die anderen Schuld an seiner fulminanten Wahlniederlage. Jetzt will Schill auswandern. Der Abgesang eines Populisten.

Von Dominik Baur


Populist ohne Glanz: Ronald Schill
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Populist ohne Glanz: Ronald Schill

Hamburg - Endlich ist auch er wieder eingeladen. Nachdem er während des Wahlkampfes von den Podiumsdiskussionen der in der Bürgerschaft vertretenen Parteien ausgeschlossen war, hetzt Ronald Barnabas Schill jetzt von Wahlstudio zu Wahlstudio. Erst ARD, dann ZDF, n-tv, NDR, Phoenix, N24 und zum Schluss noch einmal NDR.

Der mit gut drei Prozent klar am Einzug in die Hamburger Bürgerschaft gescheiterte Rechtspopulist ist noch ein letztes Mal gefragt und darf in den Zwergelefantenrunden mit wechselnder Besetzung seine Wahlniederlage kommentieren. Immerhin: Beim letzten Stelldichein sind auch die Spitzenkandidaten von SPD und Grünen mit vor der Kamera. Nur Bürgermeister Ole von Beust duldete bei Interviews keine anderen Kandidaten neben sich.

Der Niedergang Schills könnte deutlicher nicht sein. Vor zweieinhalb Jahren hatte er mit seiner damaligen Partei Rechtsstaatliche Offensive, den Leuten lediglich als Schillpartei bekannt, noch ein Triumphergebnis von 19,4 Prozent eingefahren und die Hamburger Politik mächtig aufgewirbelt. Und jetzt? Bedeutungslosigkeit.

Richter Gnadenlos hatte ihn der Boulevard wegen seiner strengen Urteile getauft, und er hat den Spitznamen gern getragen. Dann legte er die rasante Karriere als Star vieler vom rot-grünen Filz enttäuschten und um die Sicherheit besorgten Hamburger hin und spielte sich rechts außen ganz nach vorne. Noch schneller jedoch kam der Abstieg, seit ihn von Beust wegen eines Erpressungsversuches feuerte. Jetzt ist der Ex-Richter und Ex-Innensenator auch noch Ex-Bürgerschaftsabgeordneter.

Auch Hoffmanns Millionen halfen nichts

Dabei sah es gegen Ende des Wahlkampfes noch einmal so aus, als könnte der Mann, der vor zwei Jahren von Beust ins Amt gehievt hat, ihn aus selbigem hinauskatapultieren und mit ihm gemeinsam die Oppositionsbank drücken. Vier Prozent hatten ihm Umfragen prophezeit. Da aber Schill-Wähler erfahrungsgemäß ihre Präferenz ungern kundtun, wollte sich niemand darauf verlassen, dass es der unberechenbare Stimmenfänger nicht vielleicht doch wieder ins Parlament schaffen würde.

Aber es kam anders. Das Ergebnis war schlechter als vorhergesagt, auch die Allianz mit Multimillionär und Euroskeptiker Bolko Hoffmann hat Schill da nicht mehr viel geholfen. Diese Allianz, bei der der eine, Hoffmann, sein Geld, und der andere, Schill, seine Popularität in die Waagschale des gemeinsamen Projekts geworfen hat. Am Geld hat's nicht gelegen, Hoffmann ist immer noch reich, doch Schills Stern war einfach zu tief gesunken. Von Beusts Plan, wonach sich der schillernde Rechtspopulist, einmal an der Macht, selbst demontieren würde, war aufgegangen.

Das Sprüchlein, das der Vorsitzende der erst im Wahlendspurt gegründeten Partei "Pro DM/Schill" bei seiner Runde durch die Wahlstudios abgibt, ist jedes Mal dasselbe: "Wenn das Wahlergebnis Bestand hat, ist das Thema Politik für mich erledigt."

Wenn das Ergebnis Bestand hat? Die Journalisten horchen auf. Klar doch, erklärt der Politiker, als kommentiere er gerade das Wahlergebnis von Weißrussland oder Iran, schließlich sei die Wahl unter "derart undemokratischen Umständen" abgelaufen, dass seine Partei jetzt prüfen müsse, ob sie das Ergebnis anfechte. Der Grund für den von Schill vermuteten Wahlbetrug: Der Erste Bürgermeister habe gesagt, dass er sich über jedes Schill-Plakat freue, dass er nicht sehen müsse. 90 Prozent seiner Plakate seien deshalb zerstört worden. Richtige Trupps seien da unterwegs gewesen, behauptet der Politiker an einer Stelle sogar. Vor Übertreibungen schreckt der Populist ohnehin nicht zurück: "Mir geht es dabei gar nicht so sehr um meine Partei als um die Demokratie in Deutschland."

"Ich lass' mich von Beust nicht umrennen"

Die Schuldigen für seine Niederlage hat Schill schnell zur Hand: die Medien und der politische Gegner, die eine "beispiellose Diffamierungskampagne" gegen ihn gefahren hätten. Und natürlich seine früheren Weggefährten der Partei Rechtsstaatliche Offensive.

Einst von Schill ins Amt gehievt, jetzt Regent mit absoluter Mehrheit: Bürgermeister Beust
AP

Einst von Schill ins Amt gehievt, jetzt Regent mit absoluter Mehrheit: Bürgermeister Beust

Das ist denn auch seine größte Genugtuung an diesem Abend: Die Menschen, die nur durch ihn zu Macht und Posten gekommen waren, sich dann aber erdreistet haben, ihn aus seiner eigenen Partei - der Partei, die ganz auf seine Person zugeschnitten war und die jedermann nur als Schillpartei kannte - zu werfen, die sind nun politisch weg vom Fenster. Gerade einmal 0,3 Prozent der Stimmen konnte die Regierungspartei PRO für sich verbuchen.

Der einzige Fehler, den sich Schill selbst zuschreibt: sich mit den falschen Leuten umgeben zu haben. "Ich hatte nicht die richtige Truppe zusammen. Dieser Verrat hat sich gerächt."

Einmal - Schill witzelt gerade über das Ticket nach Madagaskar, das die SPD angeblich für ihn habe kaufen wollen, da muss er weichen. CDU-Bürgermeister Ole von Beust kommt mit einem Riesentross von Kamerateams und Journalisten die Treppe hoch, an deren oberen Ende Schill steht. Doch selbst diese unbedeutende, obgleich symbolische Szene kann Schill sich nicht eingestehen. Er habe dem Bürgermeister nicht den Weg frei machen müssen, behauptet er später. "Ich lass' mich doch von Beust nicht umrennen."

Am Ende allein

Wie kurz die Halbwertszeit von Rechtspopulisten sein kann, wird an diesem Abend besonders deutlich. Während der gut anderthalb Stunden, die Schill zwischen den Fernsehauftritten im Hamburger Congress Centrum pendelt, lässt das Interesse an dem gefallenen Politiker bereits deutlich nach. Zieht er zu Anfang noch einen Pulk von Kamerateams mit sich, steht er am Ende, während er auf das letzte Interview wartet, unbeachtet am Eingang des NDR-Wahlstudios. An seiner Seite ist nur noch Katrin Freund, seine frühere Lebensgefährtin und eine seiner wenigen verbliebenen Weggefährten,

Aus der Politik will sich Schill nun zurückziehen, aber nicht nur das. Seine Enttäuschung ist so groß, dass er auswandern will - höchstwahrscheinlich nach Südamerika. "Vielleicht werde ich ja Präsident von Uruguay." Der ZDF-Moderator Knut Terjung wünscht ihm vor laufenden Kameras sogar noch eine "gute Reise". Doch unabhängig davon, für welches Land sich Schill schließlich entscheidet, die Wähler haben ihm ein eindeutiges Ziel vorgegeben: die Wüste.

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