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Schills Erpressungsversuch: Outing zur Prime Time

Es lebe die Mediendemokratie: Der ehemalige Innensenator Ronald Schill wollte den Hamburger Bürgermeister Ole von Beust in einer Aufsehen erregenden Aktion als Homosexuellen outen - im Fernsehen zur Hauptsendezeit.

Saubermann: Ronald Schill mit Herpes
DPA

Saubermann: Ronald Schill mit Herpes

Hamburg - Zu dem Vorgang, der schließlich zur Entlassung Schills führte, erklärte der Hamburger Bürgermeister in der Illustrierten "Focus": "Ich habe Herrn Schill gefragt, ob er das ernst meint. Da sagte der: Heute Abend, Prime Time, bundesweit im Fernsehen."

Schills Entlassung sei für ihn "eine Frage der Ehre" gewesen, sagte Beust. Er sei mit seiner Entscheidung ein hohes Risiko für das Hamburger Regierungsbündnis aus CDU, Schill-Partei und FDP eingegangen. CDU-Chefin Angela Merkel habe ihn gefragt, "ob das bedeuten kann, dass der Laden auseinander fliegt" und er habe das nicht ausschließen können.

Laut Informationen des "Focus" kann Schill seine Behauptung, Beust und Justizsenator Roger Kusch hätten ein Verhältnis, nicht belegen. Schill räumte in dem Magazin ein, dass er mit den Zeugen, auf die er verwiesen hatte, nicht gesprochen habe. Einer der möglichen Zeugen, ein Bewohner des Hauses in dem Kusch wohnt, dementierte gegenüber dem Magazin, etwas von einer Affäre mitbekommen zu haben.

Unterdessen mehren sich die Rufe nach Neuwahlen in Hamburg. SPD-Fraktionschef Müntefering unterstützte in der "Bild am Sonntag" eine entsprechende Forderung des Hamburger Landesvorsitzenden Olaf Scholz. "Die Schill-Partei hat jede Glaubwürdigkeit verspielt", sagte Müntefering dem Blatt.

Auch der mögliche SPD-Spitzenkandidat für die nächste Bürgerschaftswahl, Thomas Mirow, äußerte sich skeptische über die Zukunft der bürgerlichen Regierungskoalition. "Ich glaube nicht, dass diese Regierung die Kraft haben wird, die kommenden zwei Jahre erfolgreich regieren zu können", sagte der Politiker der "Welt am Sonntag".

In Meinungsumfragen erlitt die Schill-Partei in der Wählergunst massive Einbrüche. Während eine am Freitag veröffentlichte Emnid-Erhebung im Auftrag der Zeitungen "Bild" und "Welt" der rechtsliberalen Koalition weiter eine Mehrheit bescheinigte, wenn am nächsten Sonntag Wahlen wären, ergab eine Umfrage des Instituts NFO-Infratest im Auftrag des "Spiegels" eine knappe Mehrheit für ein rot-grünes Bündnis.

Laut der SPIEGEL-Umfrage würde die CDU zwar als stärkste Partei 40 Prozent erreichen, allerdings würde die Schill-Partei von knapp 20 Prozent auf 5 Prozent abstürzen und die FDP sogar an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern. SPD und Grüne kämen auf 37 beziehungsweise 11 Prozent und hätten damit eine regierungsfähige Mehrheit.

Kein Probleme haben die Hamburger allen Umfragen zufolge mit einem homosexuellen Bürgermeister. Der Junggeselle Beust hatte indirekt eingeräumt, homosexuell zu sein. "Ich halte Homosexualität wie andere sexuelle Spielarten für eine völlig unkomplizierte Sache", sagte er dem "Focus". Sein Privatleben wolle er auch künftig aus der Politik heraushalten, zudem bedürfe Normalität keiner öffentlichen Diskussion.

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