Schlammschlacht in der NPD "Pampig, cholerisch, von Konkurrenzneid zerfressen"

In der NPD-Führung ist neuer Streit entbrannt. Ein Stellvertreter attackiert Parteichef Apfel wegen angeblicher Absprachen bei der Europawahl. Er wirft ihm Mobbing und Intrigen vor - und wird persönlich.

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Parteichef Apfel: Klima der Missgunst?
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Parteichef Apfel: Klima der Missgunst?


Hamburg - Die E-Mail an die führenden Kameraden hat es in sich: Von "unserem meist pampigen und von Konkurrenzneid zerfressenen Parteivorsitzenden" ist da die Rede; von einem Chef, der spalte, "Leistungsträger wegbeiße'" und bei Auftritten "demonstrativ abseits steht und fortwährend mit pummeligen Fingerchen auf seinem Mobiltelefon herumtippt". Ein entsprechendes Foto hängt dem Schreiben an.

Darauf zu sehen ist Holger Apfel, Chef der NPD. Die E-Mail stammt von seinem Stellvertreter Karl Richter. Dass gerade einer wie er derart gegen den Parteivorsitzenden keilt, spricht Bände über den Zustand der rechtsextremen Partei. Richter, bayerischer Landeschef und bis Ende des Jahres noch Chefredakteur der hochverschuldeten NPD-Zeitung "Deutsche Stimme", galt vielen bisher als pragmatischer Parteisoldat. Als einer, der zwar provoziert, aber nicht öffentlich gegen die eigenen Leute schießt. Damit ist es jetzt vorbei: "Dank Figuren wie Holger Apfel zerlegen wir uns erfolgreich selbst", schreibt er am Ende der dreieinhalb Seiten, die SPIEGEL ONLINE vorliegen.

Anlass für seinen Ärger ist der Verlauf der letzten Vorstandssitzung. Richter will - wie sein Kollege Udo Pastörs - als NPD-Spitzenkandidat bei der Europawahl kandidieren. Die Abstimmung am 25. Mai ist strategisch wichtig für die Rechtsextremen, rechnen sie doch damit, dass das Bundesverfassungsgericht die bereits von fünf auf drei Prozent abgesenkte Hürde noch kippen wird. Ein, vielleicht sogar zwei Mandate, so das Kalkül der NPD, könnten dann für die Partei rausspringen. Um die lukrativen Posten wird jetzt gerangelt. Nach Richters Lesart wurden die Listenplätze, die Anfang 2014 auf einem Parteitag gewählt werden sollen, bereits zwischen Apfel, Pastörs und Generalsekretär Peter Marx ausgehandelt.

"Schädlinge und Spalter"

Die "Clique Marx-Apfel-Pastörs" betreibe nun Mobbing und Intrigen gegen ihn, so Richters Vorwurf. Sie habe jene Vorstandssitzung nach der Bundestagswahl dazu genutzt, um ihn zu demontieren. Ihm seien immer wieder die schlechten Wahlergebnisse in Bayern vorgehalten worden. Die NPD hatte bei der Landtagswahl 0,6 Prozent erhalten - ein Debakel, da die Rechtsextremen damit keine Mittel aus der staatlichen Parteienfinanzierung erhalten. Bei der Bundestagswahl langte es im Freistaat nur zu 0,9 Prozent, ein Minus von 0,5 Prozentpunkten.

Zudem sei seine Art des Wahlkampfs kritisiert worden, sagt Richter. Der Vorsitzende Apfel habe ihm "parteischädigendes Verhalten" vorgeworfen. Als er dann aus Termingründen die Sitzung verlassen habe, hätten Marx und Pastörs sich ausgelassen, "wie ich am besten auszubremsen sei". Apfel habe dem laut Berichten mehrerer Anwesender beigepflichtet. Richter nennt Marx, Apfel und Pastörs in seiner Mail unter anderem "Schädlinge und Spalter".

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE legt Richter nach, sicher auch weil er hofft, die vielen Unzufriedenen in der Partei auf seine Seite ziehen zu können: "Herr Apfel verheizt die Leute." Er verhalte sich wie "ein Gutsherr, launisch, cholerisch". Ein Parteichef führe und integriere, Apfel aber verbarrikadiere sich in Sachsen, wo er Fraktionschef ist.

Auch Einbußen im Nordosten

Richter zeigt sich verbittert darüber, dass er allein für die Fehler bei den Wahlen zur Rechenschaft gezogen werden soll. In zwei Bezirken konnte die NPD wegen fehlender Unterschriften bei der Landtagswahl gar nicht erst antreten. Er habe frühzeitig Hilfe beim Vorstand angemahnt, die sei viel zu spät gekommen. Diese Kritik teilen andere Mitglieder der Partei, auch wenn sie Richter, der bereits als Referent für einen Republikaner im Europaparlament arbeitete, keine großen Chancen bei einer Kampfkandidatur einräumen. Pastörs sei neben Apfel der bundesweit bekannteste Vorstandsvertreter der NPD. Viele glauben zudem, dass sich Apfel und Pastörs längst abgesprochen haben, die Rede ist von einem "Zweckbündnis".

Allerdings lief auch in Pastörs' Heimat Mecklenburg-Vorpommern bei der Bundestagswahl nicht alles rosig: 0,5 Prozentpunkte weniger im Vergleich zur vergangenen Abstimmung erreichten die Rechtsextremen dort - 2,7 Prozent. Dabei lobt sich Pastörs selbst als "guten Wahlkämpfer". Angesichts der rückläufigen Ergebnisse vermutet auch manch einer, dass der Schweriner Fraktionschef sich mit einem möglichen Europaparlamentsmandat für die Zukunft absichern wolle.

"Er soll seine Hausaufgaben machen"

Das wolle auch noch ein zweiter, wie es heißt. Gemeint ist Marx. Der ist auch Mitarbeiter in der NPD-Fraktion von Pastörs. Er gilt als Strippenzieher der Partei, bei vielen ist er deshalb nicht gerade beliebt. Sein Name fällt immer wieder, wenn es um Platz zwei der Europaliste geht. Offiziell will er seine Kandidatur nicht bestätigen: "Ich werde sehen, ob ich mich bewerbe."

Die Vorwürfe von Parteivize Richter weist Marx als "haltlos" zurück. "Ich habe schon einiges erlebt, damit hat sich Herr Richter in der Partei ins Aus gestellt." Der bayerische Landeschef müsse zusehen, dass er sein Stadtratsmandat in München im März für die "Bürgerinitiative Ausländerstopp" wieder gewinne. Diese stuft der Verfassungsschutz als NPD-Tarnliste ein. "Er soll seine Hausaufgaben machen", verlangt Marx.

Der Vorsitzende zeigt sich dagegen - zumindest nach außen - gelassener. Vermutlich weil Apfel weiß, dass die Angriffe zur Unzeit kommen, auch in Sachsen wird das Parlament 2014 neu gewählt. Er teilt schriftlich mit, Richters öffentlich losgetretene Personaldebatte erwecke den Eindruck, als wolle dieser von der Unzufriedenheit in der Partei über das "katastrophale Ergebnis zur Landtagswahl" und "der Frage nach seiner politischen Verantwortlichkeit ablenken". Dieser Meinung ist auch Pastörs, der von einer "Flucht nach vorn" spricht. "Die Punkte von Herrn Richter treffen in keinster Weise zu", sagt er. Jedem Mitglied stehe es frei, auf dem Parteitag zu kandidieren.

"Das werde ich tun", sagt der in Ungnade gefallene Richter - und kündigt an, Parteichef Apfel bei der kommenden Vorstandswahl herausfordern zu wollen.

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