Albig im "Bunte"-Interview Eine (vielleicht) verhängnisvolle Homestory

Warum schnitt die SPD in Schleswig-Holstein so schlecht ab? Es lag an einer Homestory über Spitzenkandidat Albig in der "Bunten", unken einige. Was spricht für diese These - und was dagegen?

Torsten Albig (SPD) (links) und Bärbel Boy (rechts) mit ihrem Sohn
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Torsten Albig (SPD) (links) und Bärbel Boy (rechts) mit ihrem Sohn

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Schlechter als 2017 hat die SPD in Schleswig-Holstein nur einmal abgeschnitten. Im Jahr 2009 erreichten die Sozialdemokraten nur rund 25 Prozent. Doch die 27,2 Prozent in diesem Jahr liegen da nur knapp drüber. Woran hat es gelegen?

Am Ministerpräsidenten, meinen sie in der Bundes-SPD, wo man die Pleite natürlich so weit wie möglich vom Kanzlerkandidaten Martin Schulz wegschieben will. Es sei zuletzt im Wahlkampf weniger um Inhalte, "sondern eher um Dinge wie das Privatleben des Ministerpräsidenten" gegangen, betont SPD-Generalsekretärin Katarina Barley.

Die Theorie, die dahintersteckt: In einer Homestory in der Klatschzeitschrift "Bunte" habe sich Ministerpräsident Torsten Albig derart geäußert, dass er für Frauen quasi unwählbar wurde. Wertvolle Stimmen, die am Ende fehlten.

Kann das sein? Hat diese Geschichte Albig tatsächlich politisch erledigt? Die Hintergründe:

Worum geht es genau?

Am 20. April erschien in der Zeitschrift "Bunte" ein Interview mit SPD-Mann Albig und seiner Lebensgefährtin Bärbel Boy. Im Anlauftext heißt es, Albig sei im Januar 2016 bei seiner Ehefrau Gabriele aus- und bei seiner neuen Freundin eingezogen.

Über seine Nochehefrau sagt Albig: "Die Trennung von meiner Frau war für mich ein sehr schwerer Schritt. Mir war diese Ehe wichtig. Wir haben uns ja mal sehr geliebt."

Dann kommt die entscheidende Passage: "Aber leider haben wir beide nicht genügend auf uns aufgepasst. Irgendwann entwickelte sich mein Leben schneller als ihres. Wir hatten nur noch ganz wenige Momente, in denen wir uns auf Augenhöhe ausgetauscht haben. Ich war beruflich ständig unterwegs, meine Frau war in der Rolle als Mutter und Managerin unseres Haushalts gefangen." Dies werfe er, Albig, sich insbesondere selbst vor.

Trotz des Nachsatzes - Albigs Aussagen wurden im Wahlkampf zum Gesprächsthema. Parteifreunde berichteten von Kopfschütteln, Unverständnis und empörten Reaktionen an den Wahlkampfständen. Kommentatoren ließen kein gutes Haar an Albig. Der Ministerpräsident sei "ein selbstgefälliger Macho", hieß es im SPIEGEL.


Was spricht dafür, dass die Geschichte die SPD Stimmen gekostet hat?

Die Sonntagsfragen: Lange lag die SPD in Schleswig-Holstein vorne - nach dem Interview kam der Einbruch. Wie die Übersicht von Wahlrecht.de zeigt, verloren die Sozialdemokraten in den ersten Umfragen nach der Veröffentlichung mehrere Prozentpunkte. Das Wahlergebnis war dann noch mal schlechter.

Die Beliebtheitswerte: Das Umfrageinstitut Infratest Dimap fragte regelmäßig, welcher Kandidat eine Direktwahl gewinnen würde. Hier liegt typischerweise der Amtsinhaber vorn. Auch Albig war lange deutlich beliebter als sein CDU-Gegenkandidat Daniel Günther. Doch kurz vor der Wahl - und kurz nach der Homestory - verlor der Landesvater an Zustimmung; Günther legte zu.

Die Befragungen am Wahltag: Nach Analysen von Infratest Dimap konnte die CDU bei Frauen zwischen 35 und 59 Jahren zulegen - also genau bei jener Gruppe, die sich von vermeintlichen Machosprüchen angegriffen fühlen dürfte. Die SPD fuhr in jenen Altersgruppen Verluste ein.


Was spricht dagegen?

Die Homestory in der "Bunten" ist eine Möglichkeit - doch Albig und die SPD können auch an anderer Stelle verloren haben.

Die mangelnde Präsenz von Albig: Der Ministerpräsident selbst legte nicht den besten Wahlkampf hin. Ihm wurde vorgeworfen, zu wenig selbst vor Ort zu sein und zu häufig SPD-Vize Ralf Stegner vorgeschickt zu haben. Ein Landesvater, der sich nicht zeigt? Auch ohne Homestory kostet das Stimmen.

Die SPD hat inhaltlich nicht überzeugt: Während CDU-Mann Günther mit Versprechen punktete, das Turboabitur abzuschaffen und den Straßenausbau voranzutreiben, gab es von Albig nur ein Weiter-so. Die Leute seien doch zufrieden mit der Regierung, hieß es von den Sozialdemokraten. Doch sie konnten nicht deutlich machen, was sie in den nächsten fünf Jahren vorhatten.

Der Bundestrend: Der viel zitierte "Schulz-Effekt" ließ die SPD Anfang des Jahres bundesweit, aber auch in den Ländern zulegen - im Bund um rund zehn Prozentpunkte. Doch die Strahlkraft von Schulz ließ im Laufe der Zeit nach, im April verlor die Partei wieder einige Prozentpunkte. Das könnte auch die Genossen im Norden mit nach unten gezogen haben.

Guter Endspurt der CDU: Die Beliebtheitsfragen von Infratest Dimap (siehe oben) zeigen auch: CDU-Spitzenkandidat Günther legte offenbar einen guten Wahlkampfendspurt hin. Von Ende April bis Anfang Mai stiegen seine Zustimmungswerte von 27 auf 39 Prozent. Erst im Oktober 2016 zum Spitzenkandidaten geworden, war der ehemalige CDU-Landesgeschäftsführer vielen Wählern unbekannt - jetzt wird er voraussichtlich ihr Ministerpräsident.


Fazit: Ob die missratene Homestory wahlentscheidend war, kann nicht bewiesen werden. Am Ende spielen viele Faktoren eine Rolle. Allerdings gibt es nachvollziehbare Hinweise darauf, dass die Veröffentlichung der Geschichte nur zwei Wochen vor dem Wahltermin Albig tatsächlich geschadet und Stimmen gekostet hat.

Grafiken: Guido Grigat



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Grammatikfreund 08.05.2017
1. Stegner nicht vergessen
Bisher habe ich bei der Suche nach den Gründen für die Niederlage nirgendwo den Namen Stegner gelesen. Der Mann war überregional viel präsenter als Albig, geht mir als Schleswig-Holsteiner furchtbar auf die Nerven und war ein wichtiger Grund, warum ich dieses Mal nicht SPD gewählt habe.
Crom 08.05.2017
2.
Geholfen hat so etwas sicher nicht, sagen wir's so. Heute wird ja jedes Wort auf die Goldwaage gelegt und da kommt so etwas nicht gut an, auch wenn die privaten Entscheidungen von Herrn Albig eigentlich im Wahlkampf nix zu suchen zu haben. Er hätte sich das Interview schlicht sparen sollen. Wahlkampf in der Bunten kommt nie gut.
asdf01 08.05.2017
3. ...
Verglichen mit den Sprüchen, die Trump am Fließband gebracht hat und damit gewählt wurde, ist das doch Kindergarten. Sicherlich kann man nicht ausschließen, dass die Aussagen vielleicht ein paar Stimmen gekostet haben, aber dass es der entscheidende Grund war, darf man doch bezweifeln.
Sonia 08.05.2017
4. Er warf sich dem Boulevard zu Füßen
und da die SPD die meisten Stimmen bei Frauen verlor, ist es schon ziemlich naheliegend, dass auch!! das eine Rolle spielte. Wer seine Freundin damit präsentiert, dass er sich mit dieser eher auf Augenhöhe unterhalten kann als mit seiner Ehefrau ...das wars, Herr Albig. Er wäre nicht der erste Politiker, der seinen Job durch den Boulevard verliert bzw. das ziemlich beschleunigend wirkte. Sagen wir mal so: Merkel wäre das nie passiert ....
53er 08.05.2017
5. Die Saarland-Wahl
fand am 26.03.17 statt, ein paar Tage vorher, kurz vorvdem Zeitpunkt, als die SPD in S-H in der Gunst der Bürger fiel und sie im Saarland zum ersten Mal eine negative Wahlprognose erhielten, machte Schulz die entscheidende Aussage. Mit der SPD, so sagte er, gäbe es keine Steuerersenkung, sinnvoller seien Investitionen in Bildung und Infrastruktur. Dass dieser Satz bei den Wählern nicht gut ankam, kann sich jeder ausmalen, außer die Verantwortlichen in der SPD. Na dann viel Spaß in NRW.
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