Datenanalyse zu Schleswig-Holstein CDU wirbt SPD-Wähler ab - Günther punktet bei 60 plus

Für viele kommt der Wahlsieg der CDU überraschend - besonders für den unterlegenen Ministerpräsidenten Torsten Albig. Dessen Partei verliert viele Wähler an den Kontrahenten.

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Bis vor kurzem wussten viele Wähler in Schleswig-Holstein nicht einmal, wie ihr Spitzenkandidat nun eigentlich richtig heißt: Daniel Günther oder Günther Daniel? Einem Drittel der Wahlberechtigten war er unbekannt. Seit heute ist aber klar: Der CDU-Spitzenkandidat hat der Union einen deutlichen Wahlsieg beschert.

Für die Sozialdemokraten ist es nach der anfänglichen Euphorie um Kanzlerkandidat Martin Schulz bereits der zweite Dämpfer binnen weniger Monate - im Saarland sprachen sich die Wähler für eine Fortsetzung der von der CDU geführten Großen Koalition aus: Bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein votierten die Bürger mehrheitlich für die CDU - und gegen Ministerpräsident Torsten Albig.

Der konnte im Gegensatz zu seinem Kontrahenten nicht so stark von der höheren Wahlbeteiligung profitieren. Die stieg um rund fünf Prozentpunkte auf etwa 65 Prozent. Im Gegenteil: Die SPD verlor dazu noch Wähler an die CDU. Den Konservativen gelang es damit erstmals seit zwölf Jahren wieder, aus der Opposition heraus ein Land zurückzugewinnen.

Im zweitkleinsten Flächenland Deutschlands konnte die CDU 58.000 vorherige Nichtwähler für sich mobilisieren. Zwar profitieren auch die anderen Parteien wie die SPD (30.000) von der gestiegenen Wahlbeteiligung, doch kann keine andere Partei derartige Zuwächse in dieser Gruppe für sich verzeichnen. Die in diesem Bereich sonst so starke AfD liegt in Schleswig-Holstein sogar noch hinter der FDP.

CDU-Spitzenkandidat Günther gegen Ministerpräsident Albig - das galt auch als Duell der Pragmatiker. Beide mögen die leisen Töne, die des 43-jährigen CDU-Kandidaten kamen aber offenbar besser an: Die SPD verlor viele Wähler an die CDU, 28.000 sind es laut Analysen von Infratest Dimap. Auch an die FDP geht ein Teil der SPD-Wählerschaft. Die Liberalen gewinnen allerdings auch Wähler von der CDU hinzu, genau wie die AfD.

Wählerwanderung

Mit Blick auf das Alter der Wähler punktet die CDU vor allem bei der älteren Generation: In der Gruppe 60 plus lässt sie alle anderen Parteien weit hinter sich.

Nur bei den 16 bis 34-Jährigen liegen Sozialdemokraten vor der Union. Ob hier noch ein Schulz-Effekt nachwirkt? Besonders bei den Jüngeren erhielt der SPD-Kanzlerkandidat immer hohe Zustimmungswerte.

Nach den Analysen von Infratest Dimap verliert Albig mit seiner Partei in der Gruppe der Über-60-Jährigen am stärksten, aber auch bei den 35-bis-59-Jährigen muss sie Verluste hinnehmen. Das sind genau die Altersklassen, in denen die CDU mit ihrem Spitzenkandidaten deutlich zulegen konnte.

Der so jung wirkende Wahlsieger der CDU konnte offenbar dort besonders überzeugen - obwohl häufiger gemunkelt worden war, dass er von Wählern nicht ernst genommen wird.

Auch die Grünen könnten von der Schwäche ihres bisherigen Koalitionspartners in dieser Gruppe profitiert haben. Während sie sonst in allen Altersgruppen Einbußen hinnehmen müssen, legen sie bei der Altersgruppe 60 plus deutlich zu.

Weitere Auffälligkeiten: Die FDP kann in allen Altersbereichen Stimmenzuwächse verbuchen, die AfD, die erstmals in den Landtag einzieht, überrascht mit hohen Werten bei den 25-bis-34-Jährigen - eine Entwicklung, die dem Bundestrend entgegenläuft, wie der SPON-Wahltrend zeigt.

Ob Mann oder Frau - beim Blick auf das Wahlverhalten der Geschlechter zeigt sich zumindest auf den ersten Blick, dass die großen Parteien gleichermaßen ankommen.

Zulegen kann die CDU aber nach genaueren Analysen von Infratest Dimap bei Frauen zwischen 35 und 59 Jahren - im Gegensatz zur SPD: Die fährt genau in jenen Altersgruppen Verluste ein, besonders viele Wählerinnen verliert sie aber bei den Frauen, die 60 und älter sind.

Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich bei den Männern: Auch dort können die CDU und Günther bei den 35-Jährigen bis 60 plus hinzugewinnen, die SPD verliert in diesen Bereichen.

Auffällig: Die Grünen sind besonders bei Frauen beliebt - FDP und AfD bei den Männern.

Das starke Abschneiden bei den über 60-jährigen Wählern korrespondiert auch mit Aufschlüsselung der Tätigkeiten: Bei den Rentnern liegt die CDU deutlich vor SPD, Grünen und der FDP.

Auch bei den Selbstständigen und Beamten kann die Union überzeugen. Nur bei Arbeitern und Angestellten kommen die Sozialdemokraten in etwa an die Zahlen der CDU heran - bei den Arbeitslosen liegt die SPD dagegen deutlich vor allen anderen Parteien.

Ihr stärkstes Ergebnis erreichen die Liberalen in ihrer Kernklientel der Selbstständigen. Die Grünen hingegen sind besonders bei Beamten und Angestellten beliebt - werden aber fast konstant durch alle Berufsgruppen gewählt.

Diese Tendenzen lassen sich auch in den unterschiedlichen Bildungsgraden ablesen. Die CDU erhält hohe Zustimmungsraten bei den höheren Bildungsschichten. Aber auch bei den mittleren und unteren Bildungsschichten liegt die Union vorn.

insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
ernstmoritzarndt 07.05.2017
1. Völlig klar:
... wenn ich mir als Beamter oder Angestellter im Öffentlichen Dienst keine Gedanken über meine berufliche Zukunft machen muß, kann ich völlig gefahrlos Grün oder Rot wählen.
Klausinspace 08.05.2017
2. Monika Heinold
Wird jetzt MP...
Franziskus 08.05.2017
3. Gleiche Taktik
Es hat in den Niederlanden, im Saarland und jetzt auch in Schleswig-Holstein funktioniert. Kurz vor der Wahl werden konservative Positionen medienwirksam verbreitet. In Saarland hat Frau Kannengießer verkündet, dass sie keine politischen Auftritte von türkischen Vertreter der AKP erlauben würde. Es war auch keiner geplant. Kurz vor der Wahl in Schleswig-Holstein verkündet die CDU durch Innerminister de Maiziere, Thesen über die deutsche Leitkultur. In allen Fällen führt das dazu, dass sich die Umfrage- und Wahlergebnisse von heut auf morgen gravierend verändern. Das mag vorübergehend funktionieren, aber ohne entsprechende Realisierung kann das ein Bumerang werden. Ich wünsche mir eine direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild, egal welche Partei das realisiert. l
a.knieling 08.05.2017
4.
Egal welchen Kandidaten die SPD auffährt: Seit der Schweinerei um den Sozialabbau unter Schröder, Clement und andere "Sozialdemokraten" kommt die SPD kaum höher als 25 Prozent. Dabei wäre es ein tolles Ergebnis bei der nächsten Bundestagswahl, wenn trotz oder gerade wegen Schulz der Clouwshaufen überhaupt noch wahrgenommen wird. Erfreulich ist das Abschneiden der AfD, die weder in Schleswig-Holstein noch auf Bundesebene eine Alternative darstellt. Gut, dass sich die braunlackierten Demokraten selbst demaskieren.
a.knieling 08.05.2017
5.
Egal welchen Kandidaten die SPD auffährt: Seit der Schweinerei um den Sozialabbau unter Schröder, Clement und andere "Sozialdemokraten" kommt die SPD kaum höher als 25 Prozent. Dabei wäre es ein tolles Ergebnis bei der nächsten Bundestagswahl, wenn trotz oder gerade wegen Schulz der Clouwshaufen überhaupt noch wahrgenommen wird. Erfreulich ist das Abschneiden der AfD, die weder in Schleswig-Holstein noch auf Bundesebene eine Alternative darstellt. Gut, dass sich die braunlackierten Demokraten selbst demaskieren.
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