Schließung des Flughafens Tempelhof Endstation Wehmut

Die letzten Passagiere verlieren sich in der Abflughalle, die Gepäckbänder stehen still. Nach 85 Jahren Flugbetrieb wird der legendäre Flughafen Tempelhof dichtgemacht. Die Berliner nehmen nur widerwillig Abschied.

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Berlin - Noch stinkt es nach Kerosin. "Saugt die Luft ein, solange ihr könnt", ruft Dieter Nickel seinen ehemaligen Kollegen zu, als sie auf dem Dach des Flughafens Tempelhof ankommen. Er blickt auf das hell erleuchtete Flugfeld. Dort landet ein Rettungshubschrauber. Die Rotoren dröhnen. Nacheinander rollen Sportflieger auf die Startbahn und heben ab.

Pilot Wardin vor seinem "Rosinenbomber": Er wird den Flughafen als letzter verlassen
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Pilot Wardin vor seinem "Rosinenbomber": Er wird den Flughafen als letzter verlassen

Seit 41 Jahren arbeitet Nickel hier. Er war Planungs- und Bauleiter. Seit einigen Jahren führt der mittlerweile 70-Jährige Besucher durch Tempelhof. Es sind Abschiedstouren. Denn an diesem Donnerstag erlöschen in Tempelhof die Pistenlichter.

Damit wird Deutschlands wohl berühmtester Flughafen nach 85 Jahren Flugbetrieb für immer Geschichte sein - trotz Protests der Berliner, trotz prominenter Befürworter wie Bundeskanzlerin Angela Merkel, US-Milliardär Ronald S. Lauder und Sozialdemokraten und Publizist Michael S. Cullen. Damit findet ein quälender Abschied sein Ende, der sich über Jahre vor Gerichten hinzog.

"Unsere Politiker benehmen sich wie in der Provinz"

Immer wieder hieß es: Tempelhof wird geschlossen. Immer wieder haben sich Nickel und seine Kollegen von diesem Ort innerlich verabschiedet, um dann immer wieder zu hören: Es geht doch weiter - vorerst.

Dass das Aus nun unwiederbringlich ist, darüber ist hier niemand erleichtert. Im Gegenteil: Ein Jammer sei die Schließung, sagt ein ehemaliger Bauingenieur. Der Flughafen sei doch eine Chance für Berlin. Viele Geschäftsleute würden Tempelhof nutzen. Und die brächten schließlich das Geld. Ein anderer, der bis zur Rente Verkehrsleiter in Tegel war, ärgert sich: "Berlin hat den Anspruch, eine Weltstadt zu werden. Und unsere Politiker benehmen sich wie in der Provinz."

Tempelhof. Das war einmal der größte und modernste Flughafen der Welt - und das mitten in Berlin. 1923 wurde er eingeweiht, da gab es nur eine kleine Bretterbude. Später flogen hier die Schönen und Reichen ein, Marlene Dietrich, Zarah Leander und die Beatles. Seine heutige Gestalt hat Tempelhof erst in der Nazizeit zwischen 1936 und 1941 nach den Plänen des Architekten Ernst Sagebiel erhalten. Er schuf einen Koloss aus Beton und Muschelkalk mit 13 Treppentürmen, eigenem Wasser- und Heizkraftwerk und einem riesigen Runddach.

Größenwahn sagen manche dazu. Für den Briten Norman Foster ist Tempelhof nichts Geringeres als "die Mutter aller Flughäfen". Allein das Hauptgebäude ist 1,2 Kilometer lang. Es legt sich halbrund um das Flugfeld, seine Form erinnert an einen Kleiderbügel. Vom Dach des Kolosses sehen die Maschinen aus wie kleine Spielflugzeuge.

"Wie im Museum"

16 Uhr nachmittags in der Wartehalle. Das Gepäckband steht still. Der Souvenirladen ist ausgeräumt, in der Gepäckaufbewahrung Leere. Am Check-In sitzt ein einziger Mann.

Zwei Fluggäste warten in den grauen Plastikschalsitzen. "Wie im Museum, und all die Touristen", wundert sich eine 28-Jährige. Manchmal sei es an der Zeit, sich zu trennen. Sie gehört zu den letzten Passagieren, die aus Brüssel gekommen sind. Sie werden künftig erst einmal nach Tegel fliegen müssen.

So will es der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und der rot-rote Senat, so haben es Gerichte angeordnet. Zehn bis 15 Millionen Euro Verlust macht Tempelhof jährlich. Geld, das für den geplanten Flughafen Berlin-Brandenburg International (BBI) gebraucht wird, der am Standort Schönefeld für 2,2 Milliarden Euro entsteht.

"Wenigstens bis zur Eröffnung des neuen Großflughafens hätte Tempelhof offen bleiben müssen", seufzt Besucherführer Nickel. Deshalb habe er beim Volksentscheid Ende April für den Erhalt gestimmt, auch wenn er die Argumente für eine Schließung des innerstädtischen Flughafens - die Belastung durch Dreck und Lärm - verstehe. Trotz solider Mehrheit hatte der Volksentscheid keine Wirkung: Die Stimmbeteiligung war zu niedrig.

Mit dem Rosinenbomber auf Nostalgietour

"Ein Irrsinn, den ersten Verkehrsflughafen der Welt schließen zu wollen. Ich könnte heulen", sagt Manfred Roseneit. Der 69-Jährige steht in Lederjacke und Jeans in der ehemaligen Offizierslounge des Flughafens, Swing dudelt aus den Lautsprechern.

Er ist auf Nostalgietour, möchte sich in die Zeit der Berliner Blockade 1948/1949 rückversetzen. Damals schnitten die Russen den Westberlinern alle Versorgungswege ab. Die Amerikaner starteten die sogenannte "Luftbrücke". Tag und Nacht landete damals einer der "Rosinenbomber" in Tempelhof, die lebenswichtige Güter, Kaffee, Kohlen und Süßigkeiten transportierten.

In einem dieser Bomber will Roseneit in wenigen Minuten abheben, doch der Rundflug fällt kurzfristig aus: Zylinderschaden. Roseneit wird noch einmal durch die Haupthalle gehen und dann nach Hause - "das war's dann für mich".

Auch stillgelegt kostet Tempelhof Millionen

Für die meisten, die Nickel durch Tempelhof rumführt, ist die Anlage ein riesiges anonymes Labyrinth aus Gängen, Bunkern, Räumen und Zahlen. 4,5 Kilometer sind allein die unterirdischen Versorgungsnetze lang, mehr als 290.000 Quadratmeter beträgt die Geschossfläche groß. 40 Fußballfelder soll sie fassen.

Das übersteige die Vorstellungskraft, aber sei "einfach faszinierend", sagt Nickel. Während er spricht, sucht er nach dem Schlüssel, der die nächste Tür öffnet: Dahinter liegen der Raum für die ehemalige Bowlingbahn der Amerikaner, der Basketballplatz und noch mehr braun getäfelte Flure.

"Und wie geht es nun weiter?", fragt einer der Kollegen. Ernste Gesichter. "Das ist eine Frage", sagt Nickel. Bisher stehe nur eins fest: Die Führungen laufen weiter. Der leere Flughafen steht unter Denkmalschutz, muss deshalb weiter beheizt und bewacht werden. 38 Mitarbeiter und neun Feuerwehrleute werden noch in Tempelhof beschäftigt sein. Eine Million Euro werde das im Monat verschlingen, geht aus einer FDP-Anfrage an das Bundesfinanzministerium hervor. Die Last muss der Berliner Steuerzahler übernehmen.

Darüber hinaus? Nickel zuckt mit den Schultern. Das Bausenat ruft nach Ideen, einen sogenannten "call for ideas" hat man ausgeschrieben für den Flughafen und das 365 Hektar große Flugfeld. Die Rede ist von einer Bundesgartenschau, einem Park, Öko-Häuser. Ein weiterer Filmstandort wäre möglich, ein Museum für Luftfahrt. Konkret ist nichts.

Letzter Abflug kurz vor Mitternacht

"Die sogenannte Zukunft" nennt Steffen Wardin das. Er ist Geschäftsführer der "Air Service Berlin", die die Rundflüge mit dem Rosinenbomber anbietet. Wardin weiß, was mit Flughäfen geschieht, die ihre Funktion verlieren. In Leipzig-Mockau etwa würden nur noch die Abfertigungshalle und viel Unkraut stehen. Traurig. Wardin wird um 23.55 Uhr als letzter von Tempelhof in seinem Rosinenbomber starten, zeitgleich mit einer JU 52. Vorher wird um 21.50 Uhr die letzte Linienmaschine, eine Dornier 328 von Cirrus, nach Mannheim abheben.

Die Haupthalle wird dann für die Abschiedsparty gesperrt sein, reinkommen werden nur die geladenen 800 Gäste. Die Gegner der Schließung müssen draußen bleiben. Sie werden vor der Tür demonstrieren, ein letztes Mal ihr Unverständnis zeigen. Wenige Meter weiter am Platz der Luftbrücke ist eine Lichterkette geplant.

Wardin wird davon nichts mehr mitbekommen. Er landet in der sogenannten Zukunft - in Schönefeld.



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