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Debatte über inneren Frieden bei Gauck: Was schiefläuft im Land

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Präsident Gauck mit Gästen: Was läuft schief in diesem Land?

Deutschland, im Januar 2015: Fremdenfeinde demonstrieren, die Angst vor islamistischen Anschlägen geht um. Juden fühlen sich besonders bedroht. Grund genug für Bundespräsident Gauck, sich das mal erklären zu lassen.

Berlin - Es gibt Kaffee aus feinem Porzellan, regelmäßig huschen beflissene Kellner um den Tisch herum, es geht gewohnt gediegen zu an diesem Nachmittag in Schloss Bellevue.

Aber es ist alles andere als ein präsidialer Kaffeeklatsch, zu dem Joachim Gauck in den Großen Saal geladen hat. "'Eselficker'", sagt einer der Redner, "ich muss dieses Wort leider hier so deutlich ansprechen": Es handele sich dabei um einen Begriff der Pegida-Bewegung, um Muslime abzuwerten. Der Rechtsextremismus-Fachmann Olaf Sundermeyer ist einer von rund 50 Menschen, die Gauck an diesem Mittwoch um sich hat. Jeder von ihnen bringt eine Spielart von verbaler und physischer Gewalt, von Diskriminierung und Ausgrenzung mit ins Schloss.

Das Staatsoberhaupt hat zu einer Art Anti-Gewalt-Seminar geladen. Unter dem Motto "ZusammenHALTen - gegen Gewalt, für Dialog" sitzen seine Gäste unter funkelnden Kronleuchtern zusammen. Gauck macht sich Notizen. Er will heute vor allem zuhören und lernen.

Aktueller könnte das Thema nicht sein

Am Abend wollen in Leipzig wieder Tausende gegen den Islam demonstrieren, in Dresden geschieht das seit Wochen jeden Montag. Sie fühlen sich durch die Anschläge von Paris bestätigt. Zuletzt gab es eine Anschlagsdrohung gegen den bisherigen Pegida-Anführer Lutz Bachmann, die Angst vor islamistischem Terror geht im ganzen Land um. Aber auch der Antisemitismus hat Konjunktur. Und fast hat man schon wieder die Aufmärsche gewaltbereiter Hooligans gegen Salafisten vergessen.

"Als wir diese Veranstaltung planten, ahnten wir nicht, wie tagesaktuell unser Thema sein würde", sagt Gauck zur Begrüßung. "Die Polarisierung schwächt, was unser Land stabil und berechenbar gemacht hat", sagt das Staatsoberhaupt. "Wir alle sind Deutschland."

Offenbar sehen das aber viele anders. Was also läuft schief in Deutschland, will der Präsident von seinen Gästen wissen? Und was kann man dagegen tun?

  • Als Erste referiert Yasemin Shooman, Forscherin am Jüdischen Museum in Berlin, zum Thema Islamfeindlichkeit. Diese sei ein Phänomen der Mitte der Gesellschaft, nicht nur in Deutschland, sondern überall in Europa. Islamfeindlichkeit habe in vielen Fällen die alte Parole "Ausländer raus" abgelöst, Islamfeinde würden das Thema Israel und Juden zur Untermauerung ihrer Thesen missbrauchen.

    Shooman macht deutlich, dass von der Ausgrenzung nicht nur praktizierende Muslime betroffen seien, sondern auch solche, "die wegen ihres Aussehens oder ihres Namens als Muslime markiert sind, egal ob sie sich so fühlen".

  • Die Islamwissenschaftlerin und Religionslehrerin Lamya Kaddor spricht über die Radikalisierung von Jugendlichen. Fünf ihrer Schüler sind in den Dschihad nach Syrien gereist. Die Mechanismen und Gründe für das Abrutschen in den Salafismus seien eins zu eins übertragbar auch auf den Rechts- oder Linksextremismus, erklärt Kaddor. Hauptursachen für die Radikalisierung Jugendlicher seien Probleme in der Familie, sprachliche Defizite, Diskriminierungserfahrungen und die Suche nach Halt.

    Der Salafismus bedrohe muslimische und nicht-muslimische Jugendliche gleichermaßen. Kaddor warnt davor, aus Angst vor Islamfeindlichkeit den Salafismus zu verharmlosen - beides sei eng miteinander verknüpft.

  • Dann tritt der Psychologe Ahmad Mansour ans Rednerpult, ein arabischer Israeli, der in Berlin seit Jahren mit muslimischen Jugendlichen arbeitet. Sein Thema: Antisemitismus. Mansour, der im aktuellen SPIEGEL in einem Essay eine Reform des Islam fordert, spricht auch über seine eigene Geschichte: "Ich war Antisemit." Mansour wollte das in Deutschland hinter sich lassen - mit jedem Schulbesuch habe er dann gemerkt, wie verbreitet auch hier Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen sei.

    Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen stehe oft mit dem Nahostkonflikt in Verbindung - die Juden seien dabei immer die Schuldigen, die Araber die Opfer. Außerdem kursierten Verschwörungstheorien. Mansour fordert neue pädagogische Konzepte.

  • Bernd Wagner, Polizist und Gründer des Neonazi-Aussteiger-Programms "Exit-Deutschland", spricht über Rechtsextremismus. Wagner unterscheidet drei wesentliche Strömungen: klassische, gewaltbereite Neonazis, dann Gruppierungen und Parteien, die rechtsradikale und politische Positionen besetzen, aber nicht verfassungsfeindlich sind, und schließlich Gruppen, die ein nationalistisch völkisches Gedankengut hätten, aber nicht militant seien - wie Pegida.

    Wagner appelliert dazu, auch mit Extremisten den Dialog zu suchen. "Man muss mit ideologisch geprägten Menschen reden und ihre Gewissheiten angreifen", sagt er.

  • Schließlich referiert Journalist Sundermeyer über die Verbindungen zwischen Pegida und gewaltbereiten Hooligans. Diese hätten von Anfang an zum Konzept von Pegida gehört. Die Hooligans agierten für die Öffentlichkeit nahezu unbemerkt, da diese Gruppe weder mit Presse noch mit Wissenschaftlern rede, weshalb sie auch in den Studien über die Demonstranten von Dresden nicht auftauchten.

Das ist schon eine ganze Menge Input für den Bundespräsidenten - aber es ist noch lange nicht vorbei. Denn nach den Mini-Referaten melden sich viele weitere Gäste zu Wort: Ob es richtig sei, Radikalisierung bei Jugendlichen nur auf soziale und familiäre Gründe zu reduzieren, fragt jemand. Es geht um die Rolle der Medien - und die Verantwortung der etablierten Parteien.

Es könnte vermutlich ewig so weitergehen, doch mehr als drei Stunden sind diesmal nicht vorgesehen. Der Präsident scheint mehr erfahren zu wollen: Er könne sich, sagt Gauck, "durchaus vorstellen, solche oder ähnliche Runden weiter fortzusetzen".

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