Aufgebauschte Randale Die Schaumschlägerei von Schorndorf

Ausländer, Sex, Gewalt - und das alles in der schwäbischen Provinz. Was war das Volksfest in Schorndorf? Ein neues "Köln"? Wohl eher ein Lehrstück der aktuellen deutschen Hysterie.

Park vor dem Burgschloss in Schorndorf
DPA

Park vor dem Burgschloss in Schorndorf

Eine Kolumne von


Kennen Sie Astrid Lindgren? Halten Sie bloß Ihre Kinder von den Büchern dieser Autorin fern! Schlimme Verherrlichung männlicher Gewalt. Zum Beispiel die Figur Bulten aus Bo: "Ein Mann, der nicht weiß, was er mit seiner Kraft anfangen soll." Aber er ist nicht der einzige: "'Ne ordentliche Schlägerei würde mir jetzt richtig guttun. Wäre mir schon recht, wenn einer anfängt", jammert ein Knecht. Und wenn es losgeht, kommen sie von allen Seiten angerannt, um dabei zu sein. Michel aus Lönneberga beendet die Prügelei, indem er den Hitzköpfen eine kalte Dusche verpasst. Im Buch hat die Sache damit ihr Bewenden. Glückliches Schweden.

Heute wäre das anders. Heute würde es sich von selbst verstehen, dass die Polizei einen Trupp Schwerbewaffneter schickt. Die "taz" würde dozieren: "Wo auch immer Gewalt und Aggressivität in der Öffentlichkeit zum Problem werden: Stets sind es Gruppen junger Männer, die dabei besonders im Mittelpunkt stehen." Und wenn dann noch einer der Prügelnden einen Migrationshintergrund hätte - dann wäre die Sache richtig rund und würde es bis in die "New York Times" schaffen. Kein Witz. So war das neulich in Schorndorf.

Ausländer, Sex, Gewalt - das ist ein toxischer Mix, der den Leuten den Verstand benebelt. Wen kümmert da noch, was Wahrheit ist, was Lüge?

Die Wahrheit von Schorndorf: Es handelt sich um ein beschauliches Städtchen im Schwäbischen, in dem jedes Jahr ein Volksfest gefeiert wird. Jedes Jahr kommt es dabei zu Regelverstößen. Das ist, kurze Erinnerung, beinahe der Sinn eines jeden Festes - geltende Regeln für kurze Zeit zu übertreten. Es gab aber in diesem Jahr in Schorndorf mehr Verstöße als im Vorjahr, soviel ist sicher. Die Polizei hat dazu eine unklare Meldung herausgegeben, eine Nachrichtenagentur hat die Meldung verkürzt - den Rest besorgte dann die Stille Post in den asozialen Medien. Am Ende war Schorndorf für kurze Zeit wie Köln ein Synonym für sexuelle Übergriffe von Ausländern und Staatsversagen, #fickificki, #islam.

Der AfD-Mann Jörg Meuthen hatte Gelegenheit, sich im baden-württembergischen Landtag über diese "Schande für Deutschland" zu erregen. Die gab es auch. Sie liegt aber in der vollkommenen Ruchlosigkeit, mit der Nachrichten, seien sie wahr oder erfunden, für die eigenen Zwecke ausgebeutet werden.

Viele machen dabei mit: Die "Welt am Sonntag" fügte das Geschehen von Schorndorf in einen großen kultur- und migrationskritischen Klagegesang ein: "Selbst harmlose Volksfeste laufen inzwischen aus dem Ruder". Der CDU-Politiker Jens Spahn dröhnte: "Die deutsche Gesellschaft läuft Gefahr, antisemitischer, schwulenfeindlicher, machohafter und gewaltaffiner zu werden, als sie bisher ist." Und Boris Palmer, immer noch ein Grüner Politiker - das muss man bei ihm ausdrücklich dazu sagen - schrieb auf Facebook: "Die Ereignisse folgen Schlag auf Schlag. Schorndorf ist meine alte Heimat. Mir völlig unbekannte Gewalt und Übergriffe bei einem an sich friedlichen Fest. Und wieder sehr junge Asylbewerber mittendrin."

Alle verarbeiten hier ein aufgebauschtes Ereignis als Element einer Erzählung, an der sie ohnehin stricken. Das ist verheerend. Die Dinge dürfen nicht mehr sie selbst sein.

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Schorndorf war aber nicht nur ein Lehrstück über Fake News - sondern auch über den Umgang mit öffentlicher Gewalt. Für unsere Gesellschaft, das hat man schon in der Debatte nach dem G20-Gipfel in Hamburg gesehen, ist die Gewalt ein Tabu. Kein Wunder. Denn Gewalt ist ein Medium junger Männer. Aber Deutschland wird älter - und weiblicher. Nicht zufällig begegnen dieser männlichen "Gewalt und Aggressivität im öffentlichen Raum" gerade Kommentatorinnen mit Furcht - und vielleicht auch etwas Faszination.

Wir tun dabei gerade so, als wäre öffentlich sichtbare Gewalt etwas vollkommen Außerordentliches. Das ist Unsinn. Der Sozialpsychologe und Bestsellerautor Harald Welzer hat im NDR daran erinnert: "Gewalt ist ein Mittel sozialer Praxis."

Und wie. Man lese dazu die Bilanz der Polizei zu Schorndorf. Eine 33-jährige Frau, die am Marktplatz belästigt wurde, beendete den Übergriff dadurch, dass sie dem Täter prompt eine kräftige Ohrfeige verpasste. Dazu kann man dieser handfesten Person, die sich nicht zum Opfer machen lassen wollte, nur gratulieren. Obwohl es streng genommen auch eine Gewalttat war. Und dann steht da noch, dass die Polizei gegen ein Uhr morgens einen deutschen jungen Mann festnehmen wollte - woraufhin sich Leute mit und ohne Migrationshintergrund gegen die Polizei verbündeten.

Immerhin. Ist das etwa kein Zeichen von Integration?

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insgesamt 184 Beiträge
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Seite 1
leo-k 24.07.2017
1. Wir sind alle friedlich
und fassen uns an den Händen und sind glücklich. Vor allem Herr Augstein sieht nirgendwo Probleme an denen die seit 2015 andauernde Masseneinreisewelle, von nicht nur Asylbewerbern nach UN-Charta, sondern vor allem von Wirtschaftflüchtlingen, die Ursache ist. Versucht die Polizei, zugegbenermaßen etwas dilettantisch, die Probleme zu benennen, erntet sie sogleich den großen Shitstorm. Diese Herren sind sich aufgrund Ihrer Rolle als Buhmann der Nation, bestes Beispiel G20-Gipfel, gewiß sehr unsicher, wie sie die Lage politisch korrekt darstellen sollen.
Rooo 24.07.2017
2. Rechtfertigung?
Warum glauben Sie eigentlich sich für Ihre Haltung in der Migrationspolitik rechtfertigen zu müssen, wenn doch alles super läuft? "Die deutsche Gesellschaft läuft Gefahr, antisemitischer, schwulenfeindlicher, machohafter und gewaltaffiner zu werden, als sie bisher ist." Wer dieser Aussage nicht zustimmt, lebt meiner Meinung nach in einer Traumwelt, von der ein großer Teil der kollektiven deutschen Volkspsyche anscheinend unheilbar eingenommen ist. Vielleicht sollten Sie, Herr Augstein, mal aus ihrem Villenviertel heraustreten und selber (am Besten mit ihrer Tochter) auf diese Volksfeste gehen. Oder einfach mal Nachts vom Hauptbahnhof aus durch St. Georg schlendern und sich dann mal ernsthaft die Frage stellen, ob es eine gute Idee ist, diese Menschen alle aufzunehmen und sie alles machen und tun zu lassen, ohne dass dies irgendwelche wirklich ernsthaften Konsequenzen haben könnte.
zaunreiter35 24.07.2017
3. Sie, Herr Augstein!
Sie sollten gründlicher analysieren und dem geneigten Leser nicht einfach so was hinwerfen! Sie vermengen die Auswüchse der letzten Zeit miteinander, wohlwissend, dass unsere Gesellschaft vor dem turbokapitalistischen Hintergrund am erodieren ist. Man hat nicht mehr den Respekt aus den 1960/1970er Jahren vor dem Pfarrer, dem Bankangestellten und dem Dorfpolizisten. Das ist vorbei. Einerseits, weil wir eine "Geiz-ist-geil-Mentalität" entwickelt haben und jeden Morgen im MoMa erstmal die neuesten Börsenkurse checken. Und andererseits wollen die Kinder der eingewanderten "Gastarbeiter" auch was vom Glück abhaben. Dazu kommen noch die, die bei Marx und Engels gelernt haben, dass man sich das Glück nehmen muss, denn eine Revolution, die fällt nicht einfach so vom Himmel. Die muss man sich nehmen, und wenn sie auch blutig ist und dann Villen requiriert werden. Dafür ist er ja da, der Sozialismus. Dass die, die oben sind, was abgeben vom Mehrwert, den ihnen andere erarbeitet haben. Und dann kippen Sie noch einen Esslöffel Religionskritik hinein in die Suppe. Wenn es nach mir ginge, dann wäre das Reichskonkordat mit Hitler Geschichte und wir wären ein wirklicher säkularer Staat. Das müsste man dann auch den Kindern der Eingewanderten einbleuen, dass wir laizistisch geprägt und kein Gottesstaat sind.
touri 24.07.2017
4. Oh je
Der Meister des Relativierens von Gewaltdelikten, wie schon bei G20, schlägt wieder zu. "Die Wahrheit von Schorndorf: Es handelt sich um ein beschauliches Städtchen im Schwäbischen, in dem jedes Jahr ein Volksfest gefeiert wird. Jedes Jahr kommt es dabei zu Regelverstößen. Das ist, kurze Erinnerung, beinahe der Sinn eines jeden Festes - geltende Regeln für kurze Zeit zu übertreten. Es gab aber in diesem Jahr in Schorndorf mehr Verstöße als im Vorjahr, soviel ist sicher." In wie vielen Vorjahren musste die Poliei sich zurückziehen um in voller Schutzmontur eingreifen zu können? Ich weis ja nicht auf welchen Feiern Sie sich so aufhalten, Herr Augstein, aber selbst in meiner Schülerzeit waren Raufereien eher die Ausnahme als die Regel. Und kein Mensch hätte eine Flasche nach einem Polizisten geschmissen.
deeperman 24.07.2017
5. Vorglühn zum Oktoberfest
Bin mal gespannt, ob die (sexuellen) Gewalttaten, die bald wieder auf dem Oktoberfest Besucher mit "westlichen Werten" (Bayern, Preissn, Italiener, Australier...) begehen, von Springer und AfD ähnlich kommentiert werden
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