NSA-Ausschuss Ruf nach Schreibmaschine löst Spott und Kritik aus

"Grotesk", "lächerlich", "absurd": Der Chef des NSA-Ausschusses im Bundestag zieht mit einer ungewöhnlichen Idee Unmut auf sich. CDU-Mann Patrick Sensburg hatte ein Comeback der Schreibmaschine gefordert - um Spione abzuwehren.

Patrick Sensburg, Chef des NSA-Ausschusses: Comeback der Schreibmaschine?
REUTERS

Patrick Sensburg, Chef des NSA-Ausschusses: Comeback der Schreibmaschine?


Berlin - Die gute alte Schreibmaschine: Soll ausgerechnet sie das Mittel gegen Überwachung und Spionage sein? Diesen Eindruck erweckt der Vorsitzende des NSA-Ausschusses im Bundestag, Patrick Sensburg (CDU). Das Gremium wolle künftig auch auf klassische Kommunikation setzen, um sich vor Lauschangriffen zu schützen, kündigte er am Montag an. Der Ausschuss erwäge den Einsatz mechanischer Schreibmaschinen, um geheime Dokumente zu verfassen, sagte Sensburg in der ARD.

Dort klang es nicht so, als habe Sensburg einen Witz gemacht. "Haben Sie schon über Schreibmaschinen nachgedacht?", sagte die Moderatorin hörbar ironisch. "Das haben wir tatsächlich, und zwar nicht elektronische", antwortete Sensburg. "Wirklich?" - "Ja, kein Scherz."

Droht nach der Spähaffäre nun das Comeback der Schreibmaschine im Bundestag? Wohl kaum. Im Ausschuss sorgt die Äußerung des eigenen Vorsitzenden für Unbehagen. "Bevor ich Schreibmaschine nutze, Zettelchen nach dem Lesen verbrenne, schaffe ich lieber die Geheimdienste ab", twitterte die Linken-Obfrau im Gremium, Martina Renner. Linken-Fraktionsvize Sahra Wagenknecht bezeichnete die Idee als "grotesk".

Der SPD-Obmann im Ausschuss, Christian Flisek, kritisierte Sensburg für dessen Äußerung. "Mit der Forderung nach mechanischen Schreibmaschinen wird unsere Arbeit eher ins Lächerliche gezogen. Wir leben im 21. Jahrhundert, viele Menschen kommunizieren weitgehend digital. Wirksame Spionageabwehr funktioniert ebenfalls digital. Die Vorstellung, sich mit einem Rückzug an die Schreibmaschine vor Überwachung schützen zu können, ist absurd. Gerade jetzt geht es darum, verloren gegangenes Vertrauen in digitale Infrastruktur wiederherzustellen", sagte Flisek SPIEGEL ONLINE.

Alle Mitglieder sollen Telefone checken lassen

Der NSA-Untersuchungsausschuss im Bundestag wurde im Frühjahr eingesetzt, um die US-Spähaffäre aufzuklären. Hunderte Aktenordner liegen zur Sichtung bereit, als Zeugen sollen amtierende und frühere Bundesminister angehört werden, dazu die Kanzlerin, Experten, Geheimdienstchefs und Vertreter der IT-Wirtschaft.

Vor wenigen Tagen waren die Fälle von zwei mutmaßlichen Spitzeln beim Bundesnachrichtendienst und im Verteidigungsministerium bekannt geworden, die Informationen an US-Geheimdienstler geliefert haben sollen. Es gibt den Verdacht, dass auch der Untersuchungsausschuss Ziel von Spähaktionen sein könnte.

Der SPIEGEL berichtet in seiner aktuellen Ausgabe, dass das Handy des Unions-Obmanns im Ausschuss, Roderich Kiesewetter (CDU), abgehört worden sein könnte. Ein ähnlicher Verdacht besteht bei dem früheren Linken-Abgeordneten Steffen Bockhahn, der in der vergangenen Legislaturperiode dem für die Geheimdienste zuständigen Parlamentarischen Kontrollgremium angehört hatte. Sensburg kündigte am Montag an, er werde alle Ausschussmitglieder darum bitten, ihre Mobiltelefone gründlich überprüfen zu lassen.

Laut SPD-Obmann Flisek wird das nicht reichen. "Die Bundestagsverwaltung tut kaum etwas dafür, die NSA-Aufklärer adäquat zu schützen. Eigentlich müsste der Bundestag sicherstellen, dass Abgeordnete vertraulich kommunizieren können. Vor allem jene, die sich mit Geheimdiensten und der Spähaffäre beschäftigen. Doch nichts dergleichen passiert, es sei denn, man kümmert sich privat darum", sagte er weiter. "Das kann nicht sein, wir brauchen mehr Unterstützung. Ich habe den Eindruck, das Ausmaß der Überwachung ist in vielen Köpfen noch nicht angekommen."

Zumindest für die oberen Etagen im Bundestag scheint dieser Eindruck nicht ganz falsch zu sein. Erst kürzlich hatte Parlamentspräsident Norbert Lammert mit einer flapsigen Äußerung zur NSA-Spähaffäre Unmut ausgelöst. "Das trage ich mit Fassung", kommentierte Lammert die Überwachung durch US-Geheimdienste.

amz

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 107 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Hans58 14.07.2014
1.
Zitat von sysopREUTERS"Grotesk", "lächerlich", "absurd": Der Chef des NSA-Ausschusses im Bundestag zieht mit einer ungewöhnlichen Idee Unmut auf sich. CDU-Mann Patrick Sensburg hatte ein Comeback der Schreibmaschine gefordert - um Spione abzuwehren. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/schreibmaschine-chef-von-nsa-ausschuss-wird-fuer-appell-geruegt-a-980969.html
Wer sich als Geheimnisträger noch daran erinnern kann, welche Vorsichtsmaßnahmen beim Tippen von Verschlusssachen zu beachten waren, der ahnt, was auf den Ausschuss zukommt, z.B. Kohlepapier und Farbband einstufen und als Zwischenmaterial im Panzerschrank lagern bis es vernichtet werden kann. Bei elektrischen Schreibmaschinen musste u.a. das Stromkabel gesichert sein. Viel Spaß im Büro des Jahres 1967!
AllesKlar2014 14.07.2014
2. Schreibmaschine.. sehr richtig!
absolut richtig und wichtig. Wichtige Dokumente raus aus dem Netz. Keinerlei Online Kommunikation. Weiss doch bzw. sollte doch jeder wissen - nur der BND und irgendwelche Twitter Politiker nicht.
bibabuzelmann 14.07.2014
3. Tja ...
... das mag einerseits im 21. Jhd. lächerlich wirken, andererseits erscheint der Anspruch, sich in Sachen Digitalität gegen die NSA zur Wehr setzen zu können in Anbetracht aller bekannten Abhördetails aber auch mehr als naiv. Von daher muss gelten: 100% garantierte Sicherheit für den Ausschuss und die bekommt man nur mit analogen Techniken, so bitter das klingen mag, es ist die Realität im 21. Jahrhundert.
canUCme 14.07.2014
4. So dumm ...
... ist das nicht. Natürlich ist es mit mechanischen Schreibmaschinen unbequemer und langsamer, aber man hat alles besser unter Kontrolle. Ebenso analoge Sprach- oder Videoaufzeichnungen ohne Netzanbindung. Oder wir konstruieren eine neue ENIGMA, daran haben sich die Alliierten damals lange die Zähne ausgebissen - deutsche Ingenieurskunst eben. Wir sind einfach nicht so dreist wie die Amis. Wenn wir wollten, könnten wir auf dem Gebiet den Spieß herumdrehen. Aber uns fehlt da der Ehrgeiz. Ist ja eigentlich auch gut so. Nur die 'Gegenseite' muss noch davon überzeugt werden, dass sie auf dem Holzweg ist ....
rainer_unsinn 14.07.2014
5. ...
Zitat von sysopREUTERS"Grotesk", "lächerlich", "absurd": Der Chef des NSA-Ausschusses im Bundestag zieht mit einer ungewöhnlichen Idee Unmut auf sich. CDU-Mann Patrick Sensburg hatte ein Comeback der Schreibmaschine gefordert - um Spione abzuwehren. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/schreibmaschine-chef-von-nsa-ausschuss-wird-fuer-appell-geruegt-a-980969.html
Der FSB hat schon vor 1-2 Jahren in seinem Hauptarchiv auf Schreibmaschinen umgestellt. Wer die Geheimnisse von Mütterchen Russland kennen will muss sie physikalisch vor Ort in Moskau Putins blutigen Händen entreißen. Das ist einfach nur schlau. In Deutschland regt man sich lieber künstlich auf und jammert über den Amerikaner. Das bringt zwar nichts, hat aber den Vorteil das man selber auch nichts tun muss. Darin und im Fußball sind wir ja Weltmeister. Ich habe auch wieder angefangen Dinge auf Papier aufzuschreiben die ich unbedingt geheim halten will. Meinen Rechner behandle ich nicht mehr als privaten Raum, sondern eher so wie den Schreibtisch im Büro. Der große Bruder liest halt mit. Das ist für Privatpersonen sowieso die einzige Möglichkeit.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.