Schröders Memoiren "Gewerkschaftsführer wollten mich zu Fall bringen"

Nur ein Jahr nach der Wahlniederlage stellt Gerhard Schröder seine Memoiren vor. In einem exklusiven Vorabdruck im SPIEGEL erhebt der Altkanzler schwere Vorwürfe gegen einzelne Gewerkschaftsbosse: Sie hätten systematisch auf seinen Sturz hingearbeitet.


Berlin - In seinen Memoiren rekonstruiert Schröder noch einmal die Ereignisse, die zur Neuwahl-Entscheidung im Mai 2005 und damit dem Ende von Rot-Grün geführt haben. Dabei geht er hart mit den Gewerkschaften und den SPD-Linken ins Gericht: Einflussreiche Funktionäre hätten aus Protest gegen den Reformkurs im Frühjahr 2004 "systematisch" seinen Sturz herbeiführen wollen, kritisiert der Altkanzler.

"Dem IG-Metall-Vorsitzenden Jürgen Peters und dem Ver.di-Vorsitzenden Frank Bsirske ging es nicht mehr nur um Änderungen an Details der Agenda 2010, vielmehr wollten sie das Reformprogramm als solches und damit verbunden mich als Bundeskanzler zu Fall bringen", schreibt Schröder.

Die Memoiren mit dem Titel "Entscheidungen - mein Leben in der Politik" werden am Donnerstag im Berliner Willy-Brandt-Haus vorgestellt. Ein Vorabdruck und ein Interview sind bereits im aktuellen SPIEGEL zu lesen. Die Veröffentlichung wird begleitet von zahlreichen Lesungen, Signierstunden und dem 45-minütigen Dokumentarfilm "Kanzlerjahre", der Montag abend in der ARD zu sehen ist.

Ausführlich schildert Schröder in seinem Buch die Kämpfe um die Agenda 2010, die er für das Scheitern seiner Regierung verantwortlich macht. Mit dem Widerstand aus den eigenen Reihen hatte er bereits die Vertrauensfrage im Bundestag gegenüber Bundespräsident Horst Köhler begründet. Nun legt er für die breite Öffentlichkeit noch nach: Die Agenda-Gegner kritisiert er als "jene Gruppe von Funktionären, die Festigkeit in der Politik mit Starrheit im Denken verwechseln". Die SPD-Linke trage eine Mitschuld am Entstehen der Linkspartei, schreibt Schröder.

Der Altkanzler erinnert an die "Konfrontationsstrategie" der Gewerkschaften, die ihn als "asozialen Desperado" brandmarkten und ihn nicht mehr zur zentralen Kundgebung am 1. Mai einluden. Er erinnert an die Unterschriftensammlung in den Betrieben und die so genannten Montagsdemos gegen Hartz IV. "Eine dreiste Vereinnahmung" der DDR-Protestbewegung, findet Schröder. Die Heftigkeit der Proteste habe ihn überrascht, gibt er zu.

Die ersten Anzeichen einer "instabilen Lage" hatte Schröder bereits im November 2003 erkannt. Auf dem SPD-Parteitag in Bochum wurden damals Wirtschaftsminister Wolfgang Clement und Generalsekretär Olaf Scholz mit schlechten Wahlergebnissen abgestraft. Zunehmend wurde Schröder klar: Die meisten Parteifunktionäre waren zwar bereit, den Reform-Kanzler um der Macht willen zu unterstützen. "Sie waren aber nicht davon überzeugt, dass seine Politik auch inhaltlich richtig war". Die Agenda 2010 sei von "lautstarken Minderheiten" öffentlich diffamiert worden. Das habe zur Verunsicherung der SPD-Kernwähler geführt.

Müntefering warnt vor "Abdankung auf Raten"

Schröder trat Anfang 2004 vom Parteivorsitz zurück, um eine "größere emotionale Nähe" zwischen Parteichef und Basis herzustellen. Franz Müntefering habe "fast erschrocken" auf das Angebot reagiert, sein Nachfolger zu werden, schreibt Schröder. Er habe vor dem Eindruck einer "Abdankung auf Raten" gewarnt und es ihm zunächst auszureden versucht.

Müntefering erscheint in den Memoiren als treuester Genosse und bester Freund des Kanzlers in Not. Immer ist der Partei- und Fraktionschef zur Stelle, um Gefahren frühzeitig zu erkennen und strategische Ratschläge zu geben. "Ein solch enges Verhältnis habe ich im politischen Leben zu niemand anderem je entwickeln können", schreibt Schröder.

Auch die Entscheidung, Neuwahlen anzustreben, habe er gemeinsam mit Müntefering getroffen, betont Schröder. Das sei die "historische Wahrheit". Die Entscheidung bereut habe er nie - auch nicht im WM-Sommer 2006, als nostalgische Kommentatoren sich Gedankenspielen hingaben: Was wäre, wenn Schröder nicht hingeschmissen hätte? Die Neuwahlen seien eine "staatspolitisch notwendige Entscheidung" gewesen, bekräftigt Schröder. Ihn jedenfalls plagten keine Zweifel.

Das Jahr 2003 war in Schröders Erinnerung ein "gewaltiger Kraftakt, der an die Substanz ging", 2004 schließlich "das schwierigste Jahr meiner Kanzlerschaft". Gern erinnert er sich hingegen an den Bundestagswahlkampf zurück, in dem Edmund Stoiber und Paul Kirchhof seine "besten Wahlhelfer" gewesen seien. Den Wahlabend habe er mit einer "Mischung aus Euphorie und Genugtuung" erlebt.

Sehr zufrieden zeigt er sich auch mit dem Koalitionsvertrag der Großen Koalition. "Herausgekommen ist ein gemäßigt sozialdemokratisches Programm, das im Großen und Ganzen - mit anderen Akzenten hier und da - auch von einer rot-grünen Bundesregierung hätte getragen werden können", schreibt Schröder. "So ist es doch eine sozialdemokratische Ära geworden, die wir 1998 eingeleitet hatten".

cvo



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