Schröders neuer Job Ein Freund, ein guter Freund

Schröders umstrittenes Engagement beim russischen Staatskonzern Gasprom hat eine lange Vorgeschichte. Alles begann am 15. Juni 2000 mit einem Besuch von Russlands Präsident Putin in Berlin. Seither wuchs zwischen den beiden Machtmenschen eine Freundschaft, die vielen unheimlich ist.

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Berlin - Am 15. Juni 2000 landete Wladimir Putin zusammen mit seiner Ehefrau in Berlin. Es sollte ein zweitägiger Besuch mit Folgen sein: für den deutschen Kanzler, den russischen Präsidenten, für beide Ehepaare. Zum ersten Mal traf Gerhard Schröder den Mann, mit dem er bis dahin nur telefonisch gesprochen hatte.

In diesen Sommertagen wurde in der deutschen Hauptstadt zwischen dem Kanzler und dem russischen Präsidenten eine Männerfreundschaft begründet. Putin spricht fließend Deutsch, was das Kennenlernen erheblich erleichterte - schließlich war er bis 1990 Agent des sowjetischen Geheimdienstes KGB in Dresden gewesen - und würzte seine Gespräche mit Anekdoten. Dem Kanzler gefiel's und auch er geizte nicht mit ironischen Anspielungen. Man sei zwar nicht in der Sauna gewesen, so Schröder in Anspielung an seinen Vorgänger Helmut Kohl und dessen Verhältnis zu Boris Jelzin. Aber man habe ein "herzliches Verhältnis". Ein "Neustart" in den deutsch-russischen Beziehungen sollte es werden - am Ende der Berlin-Visite wurden die Schröders von den Putins zum Weihnachtsfest nach Moskau eingeladen.

 Putin und Schröder: Auf Anhieb verstanden
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Putin und Schröder: Auf Anhieb verstanden

Es war wie im richtigen Leben: Man mochte sich, die Chemie stimmte und die Medien sahen bei den Aufritten zwei Darsteller, die sich interessiert zuhörten und augenscheinlich verstanden. Ein "kenntnisreicher, spannender Typ" sei der Neue aus Russland, hieß es anschließend aus Schröders Entourage über jenen Mann, der kaum ein halbes Jahr zuvor seine Macht von Boris Jelzin geerbt hatte und im Westen ein unbeschriebenes Blatt war.

Kein guter Beginn

Dabei stand die Beziehung nicht von Anfang an unter einem guten Stern: Vergessen ist heute schon fast, dass Putins Auftritt in Berlin diplomatische Spannungen vorausgegangen waren. Denn Schröder hatte zuvor die drei baltischen Staaten besucht. Eine demonstrative Geste, wie sie auch in russischen diplomatischen Kreisen empfunden wurde. Putin konterte, indem er seinen ersten Besuch nicht in Berlin, sondern bei Premier Tony Blair in Großbritannien absolvierte. Die Schlagzeilen damals klingen heute merkwürdig entrückt. "Moskaus Abkehr von Deutschland", schrieb etwa das "Hamburger Abendblatt" und drückte damit jene Kritik an Schröders Stil aus, die doch bald in ihr Gegenteil umschlagen sollte und den Kanzler der Kumpanei zieh.

Gazprom am Anfang und am Ende

Denn Putins erster Besuch bei Schröder endete in jenem Wohlklang, der später zum Markenzeichen des neuen Verhältnisses werden sollte. Im Juni 2000 standen nicht nur politische, sondern auch wirtschaftliche Interessen im Mittelpunkt. Kurz bevor Putin wieder nach Russland abreiste, wurde ein milliardenschweres Geschäft von vier deutschen Unternehmen abgeschlossen - mit Gasprom.

Mehr als fünf Jahre später und nach seinem Abschied als Kanzler und Bundestagsabgeordneter will Schröder ausgerechnet in den Aufsichtsrat jenes russischen Energieriesen einziehen, der mehr oder weniger direkt aus dem Kreml geleitet wird. Im Rückblick scheint sich ein Kreis zu schließen, der in jenen Junitagen in Berlin begann. Glaubte die Öffentlichkeit, diese Freundschaft sei symbolhaft und würde verwehen wie andere Beziehungen in der Politik, so hat sie sich darin wohl gründlich getäuscht. Heute muss die Öffentlichkeit annehmen: Es war alles so ernst gemeint, wie es inszeniert wurde - etwa Putins Geschenk zum 60. Geburtstag des Kanzlers, als er wie ein Nachfahre des russischen Zaren einen Kosakenchor zur Feier ins heimische Hannover einfliegen ließ.

Schröders Stil

Stets hat sich der deutsche Kanzler in der öffentlichen Kritik an der Menschenrechtspolitik in Russland - ob im Falle von Tschetschenien, bei der Zerschlagung des Energiekonzerns Jukos oder bei der Knebelung der Pressefreiheit - zurückgehalten. Wenn er etwas zu monieren hatte, tat er es lieber im Vieraugengespräch. Diese stille Diplomatie hat Putin honoriert. Wenn der Kanzler einen Vertrauten nach Moskau schickte, dann öffneten sich für diesen bei Putin die Türen. Ein anderer hätte gar keinen Termin bekommen, hat einmal ein in solche Diplomatie involvierter Spitzenpolitiker der alten Koalition erzählt. Nur dank Schröder habe er zum russischen Präsidenten gelangen können.


Zähneknirschend haben Teile der Grünen und der SPD Schröders Politikstil in Sachen Moskau mitgetragen und seinerzeit so viel Kritik am Kanzler geübt, wie es der Koalitionsfrieden zuließ. Schröders einstiges Bekenntnis - Putin sei ein "lupenreiner Demokrat" - findet in diesen Tagen, da die Grünen als neue Opposition auf Distanz zu gehen suchen, ihre enttäuscht-gehässige Wendung. Von "lupenreiner Vetternwirtschaft" spricht Grünen-Chef Reinhard Bütikofer heute.

"Ich lasse mir diese Erfolgsgeschichte nicht kaputtmachen", hat Schröder einmal zu seinem Verhältnis zu Russland und zu dessen mächtigstem Mann angemerkt. Der gegenseitige Respekt war vielseitig. Putin durfte als erster russischer Präsident im Bundestag sprechen, Schröder nahm mit seiner Frau als erster deutscher Kanzler an der Parade zum 9. Mai in Moskau teil.

Wenn Putin mit Schröder zusammenkommen wollte, dann nahm er - wie vor dem Irak-Krieg - auch schon einmal einen Umweg und landete von einer Reise aus Griechenland kommend in Hannover. Schröders enge Bindung an Putin, vor allem vor dem Angriff der USA auf den Irak, ließ zeitweise Befürchtungen in Washington und London aufkommen, Berlin wende sich vom Westen ab. Doch eine Achse Paris-Berlin-Moskau war nie Realität, eher politisches Feuilleton. Sie diente damals der deutschen Opposition, die nun in Teilen wieder an der Regierung ist, zur innenpolitischen Profilierung.

Eines aber blieb in Schröders Schlussphase augenfällig: So sehr er auch mit symbolischen Gesten - erwähnt sei hier nur seine Anwesenheit bei den polnischen Feierlichkeiten zum Warschauer Aufstand von 1944 - bei den östlichen Nachbarn die Verantwortung der Deutschen am Zweiten Weltkrieg unterstrich, so sehr ließ er sich von ihnen auch nicht in seine konkrete Politik hineinreden. Ungeachtet aller Kritik von Litauen und Polen nahm er an der 750-Jahrfeier der einstigen deutschen Stadt Königsberg, heute Kaliningrad, in der russischen Ostseeenklave teil.

Im Wahlkampf ging so manches unter, was erst jetzt seine Bedeutung erlangt. Das Geschäft des deutschen Energieunternehmens E.on mit Gasprom, das nördlich von St. Petersburg eine Pipeline durch die Ostsee nach Deutschland vorsieht, wurde erst im September bei einem eintägigen Blitzbesuch Putins in Berlin unterschrieben. Beim Abschied sagte Putin über Schröder einen viel sagenden Satz: "Ich werde gute Beziehungen zu ihm beibehalten - ungeachtet dessen, ob er seinen Posten behält oder nicht."



insgesamt 1217 Beiträge
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zauberer1, 12.12.2005
1. Warum nicht?
Schröder kann doch machen was er will. Schließlich ist er jetzt Privatmann. Dafür hat er auch gut vorgesorgt. Ist doch legal. Warum merkst Ihr es jetzt?
rknoche, 12.12.2005
2. Brioni und Cohiba
Zu enge Verbindungen zwischen Politik und Wirtschaft sind in Deutschland leider auch nichts Neues, aber die Groessenordnung des Falls Pipeline-Schroeder haben wir wohl noch nie erlebt. Der Kanzler der Bosse hat eben nicht mit seiner Beamtenpension seinem Lebensabend im Hannoveraner Reihenhaus entgegensehen wollen. Das groesste Problem ist hier aber nicht die Zeitnaehe oder die Hoehe der Entlohnung (wobei 1 Mio Euro pro Jahr wohl eher als Be-lohnung denn als Ent-lohnung zu sehen waere). Das Problem liegt hier vor allem darin, dass die Regierung eines fremden Staates unseren ehemaligen Regierungschef versorgt, und zwar offensichtlich fuer fruehere, waehrend seiner Amtszeit erbrachte, Gegenleistungen. Die Polen und baltischen Laender muessen sich in ihrer Kritik am Pipeline-Deal absolut bestaetigt sehen, da ist es nicht mit rechten Dingen zugegangen.
Saul Paenger, 12.12.2005
3.
---Zitat von sysop--- Ehrenkodex - Was dürfen sich Politiker erlauben? ---Zitatende--- Einfach alles!
bernhard 12.12.2005
4. Politiker, eine korrupte Bande?
Wenn es über Herrn Thiel heisst, "Thiele äußerte den Verdacht, Schröder könnte im Mai vorzeitige Neuwahlen herbeigeführt haben, weil er sein Amt als Bundeskanzler verlieren wollte.", frage ich mich, was ihn zu dem Gedanken geführt haben könnte. a) er kennt Politiker aller Couleur bestens b) er kennt Grundhaltungen Ist dann nicht obiger Schluß zulässig?
Jochen Binikowski 12.12.2005
5.
Bei Arbeitslosen, Hartz IV Empfängern usw. werden Zuverdienste angerechnet. Das sollte auch für Politiker gelten. Von der moralischen Fragwürdigkeit der Politiker-Jobs ganz zu schweigen. Wir haben eben die Politiker, die wir verdienen und unserer Bananenrepublik angemessen sind.
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