Schrumpfende Städte: Diät für die Speckgürtel

Von Jochen Bölsche

Jahrzehntelang haben hoch subventionierte Eigenheim-Gürtel rings um die Metropolen zur Verödung der Stadtkerne beigetragen. Benzinpreiserhöhungen und der Stopp der Eigenheimförderung haben jetzt eine Trendwende eingeleitet.

Wenn Stadt- und Regionalplaner zu Kongressen und Symposien zusammenkommen, wird in jüngster Zeit öfter mal ein düsteres Wort von Bert Brecht bemüht: "Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie hindurchging, der Wind."

Bisweilen macht auch eine nicht minder pessimistische Prognose des langjährigen niederländischen EU-Kommissars Frits Bolkestein die Runde: "Aus unseren Städten, die einmal für ihren Wohlstand berühmt waren, werden Zonen der Armut werden."

Eigenheim am Stadtrand: Staatliche Subventionen ließen die Speckgürtel Jahrzehntelang wachsen.
DPA

Eigenheim am Stadtrand: Staatliche Subventionen ließen die Speckgürtel Jahrzehntelang wachsen.

Ungläubiges Kopfschütteln erzeugen solche Unkenrufe bei Menschen, die nur die glitzernden Wirtschaftszentren wie München und Hamburg oder die neuerdings aufblühenden Regionen um Dresden oder Jena kennen.

Weniger verständnislos reagiert, wer die sterbenden Städte in den toten Winkeln Ostdeutschlands kennt - und auch jene westdeutschen Kommunen an Ruhr, Saar und Küste, in denen der Niedergang der klassischen Montan- und Werftindustrie Arbeitslosigkeit und Abwanderung hinterlassen hat.

Auch im bärenstarken Bayern geht's bergab

"Schrumpfende und wachsende Siedlungen heben sich immer kontrastreicher voneinander ab", konstatiert die deutsche Demographie-Koryphäe Herwig Birg: "Verödende Ortskerne in Dörfern und Kleinstädten und Ghettobildungen in Großstädten, Rückbau, Abriss und Wohnungsleerstände auf der einen Seite wechseln sich mit prosperierenden Siedlungen und Regionen ab."

Allerdings dürften sich angesichts der kümmerlichen Geburtenraten auch die Wirtschaftszentren nicht in Sicherheit wiegen. Denn, so der Professor: "Niemand kann heute sagen, ob die Wachstumspole in zwanzig oder dreißig Jahren immer noch auf Kosten der Abwanderungsgebiete profitieren können oder ob die Schrumpfung schließlich auch noch die blühenden Regionen einholen und das ganze Land mit einer lähmenden Tristesse überziehen wird."

Auch im ökonomisch bärenstarken Bayern schwächeln die Städte am Rande des Landes. "Nur noch die Metropolen entwickeln sich", klagt Dieter Döhla, Oberbürgermeister von Hof an der einstigen Zonengrenze. Neidisch blickt er auf die Landeshauptstadt: "In München kocht der Kessel über."

Für Bayern verweist der dortige Städtetag auf finstere Aussichten: "Die Städte verändern ihr Gesicht, wenn kein Kinderlachen mehr auf der Straße zu hören ist, die Spielplätze veröden und in den Schulen die Bänke leer bleiben." Nach einem Bevölkerungsanstieg von 12,4 auf 13 Millionen Einwohnern im Jahre 2020 wird es nach Regierungsstudien bis 2050 auch im Freistaat bergab gehen - auf 11,5 Millionen Menschen.

Wer dem Wähler als erster die Wahrheit sagt...

Dann wird auch die Bayern jener Trend erreicht haben, der in Ostdeutschland ganze Stadtviertel entleert und im Westen etwa das Ruhrgebiet voll erfasst hat. "Die Region Rhein-Ruhr," urteilt der Dortmunder Regionalforscher Hans Heinrich Blotevogel, "ist der Vorreiter für das Demographie-Problem im alten Bundesgebiet."

Nicht viel besser ist es um deindustrialisierte Zonen wie das Saarland oder Teile Niedersachsens bestellt. "Wir reißen in Hannover, Bremen und Braunschweig schon jetzt Wohnungen ab", sagt Wilhelm Gehrke, Geschäftsführer der Norddeutschen Immobiliengesellschaft. In der alten Stahlstadt Salzgitter steht bereits jede siebte Wohnung leer.

Dennoch stecken, wie auch die Deutsche Bank beklagt, viele West-Politiker angesichts der Entwicklung weiterhin "den Kopf in den Sand". SPD-Chef Matthias Platzeck erklärt die Verdrängung des Demographie-Dilemmas durch seine Kollegen mit der Erfahrung, Politiker befassten sich nun einmal "am liebsten mit Problemen, für die sie schnelle Lösungen haben", um dann ein bitteres Bonmot zu zitieren: "Wer dem Wähler als erster die Wahrheit sagt, hat verloren."

In vielen Rathäusern herrsche in Sachen Schrumpfung oftmals "Ahnungslosigkeit", urteilt auch der Bundesverband für Wohneigentum und Stadtentwicklung. Manchmal werde noch verlegen von "negativer Dynamik" gesprochen, wenn Schrumpfung gemeint ist.

"Nur noch A-Gruppen: Ausländer, Alte, Asoziale"

Dabei sei, verlautbart der Verband, spätestens 2015 auch "in Westdeutschland mit strukturellen Leerständen in einer Dimension zu rechnen, die denen ostdeutscher Regionen nahe kommt". Schon jetzt, heißt es in einem Verbandsbericht zum Thema "Stadtumbau Ost/West", seien im Ruhrgebiet bis zu 13 Prozent des Wohnraums ungenutzt. In Herne, das binnen zehn Jahren voraussichtlich rund 12.000 Einwohner verlieren wird, müssten nach einer Studie der Uni Bochum jährlich bis zu 270 Wohnungen abgerissen werden, wenn der Markt stabil gehalten werden soll.

Doch Rückbaupolitik ist im Westen mit seinem zersplitterten Grundbesitz schwieriger zu praktizieren als im Osten. Für den "Stadtumbau West" hatte der Bund in den letzten Jahren gerade mal 15 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, zumeist für Forschungszwecke.

Und während im Osten wegen des massenhaften Fortzugs zumeist unmittelbar auf den Leerstand die Verödung folgt, geht das Sterben von Stadtvierteln im Westen mit einem quälenden Prozess einher - Verarmung, Vergreisung, Ghettobildung.

Beispielhaft, so die Verbandsstudie, lasse sich die "negative Selektion" im Zuge des Schrumpfungsprozesses in Duisburg beobachten, dessen Einwohnerzahl binnen 30 Jahren von 650.000 auf 500.000 gesunken ist und wo bis 2016 mit einer weiteren Abnahme auf 450.000 gerechnet wird. In dem Papier heißt es, politisch nicht gerade korrekt, im schrumpelnden Kern der Stadt blieben "nur noch die A-Gruppen: Ausländer, Alte, Asoziale".

Bundesdeutsche, Besserverdiener, Bildungsbürger zieht es unterdessen in ausgewählte, aufgeschickte Stadtteile, wenn nicht hinaus in den Speckgürtel des Umlands. Auch die Bertelsmann-Stiftung, die jüngst ein umfassendes Datenwerk über die Siedlungstrends der kommenden Jahrzehnte vorgestellt hat, bestätigt den zunehmenden Trend zur sozialen Polarisierung. Andere Forscher sprechen von einer Entwicklung zur "Dual City" nach US-Muster, mit scharfer Trennung zwischen "angesagten Vierteln" und "gefährlichen Orten", und erwarten, so der Soziologe Ulrich Beck, eine "Brasilianisierung" der Stadtgesellschaften, in denen eine arme Dienerklasse einer reichen Dienstherrenschicht gegenübersteht.

Kabarettisten-Spott über Speckgürtel mit Aztekenöfen

Beschleunigt worden ist die wachsende räumliche Segregation durch Politiker, die jahrzehntelang die Abwanderung auf die grünen Wiesen rund um die Städte gefördert haben - bis diese Entwicklung in jüngster Zeit zunehmend als fataler Fehler begriffen worden ist.

Während viele Stadtzentren verödeten, setzten sich Millionen vor allem junger Familien in jene Umlandregionen ab, die Planer als Suburbia oder Exurbia bezeichnen - die einzige Siedlungsform, die allerorten stetig wuchs. Während Babyschwund und Binnenwanderung viele Kernstädte ebenso entvölkern wie die Dörfer in der Peripherie, wucherten so die Speckgürtel im Stadtumland, die in den USA "doughnut cities" heißen, nach dem Backwerk mit dem Loch in der Mitte.

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insgesamt 289 Beiträge
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1.
PhilippSchumann 14.03.2006
Zitat von sysopGeburtenschwund, Arbeitslosigkeit, Abwanderung: Den ländlichen Gegenden in Deutschland entvölkern sich, die Menschen zieht es in die Städte. Entwickelt sich - wie Wissenschschaftler warnen - auf dem Lande ein "Ozean von Armut und Demenz"? Was kann gegen den Trend getan werden?
Die Frage ist natürlich auch, MUSS gegen den Trend etwas getan werden? Muß in jeden sich von alleine entwickelnden Vorgang eingegriffen werden? Muß man die Politiker für alles um Hilfe rufen; wenn nicht eigentlich die vielen Verantwortlichkeiten und Monopole des Staates zurückgefahren werden sollten, um den Menschen selber wieder die Möglichkeit und die Notwendigkeit zur Entfaltung Ihrer Fähigkeiten zurückzugeben? Industrie und Landwirtschaft nehmen mit zunehmender Automatisierung an wirtschaftlicher Bedeutung ab werden einen immer geringeren Stellenwert einnehmen. Es ist völlig klar, daß viele Dörfer ausbluten. In 10 bis 20 Jahren indes wird es für den Großteil der 'Bürojobs' und 'Wissensjobs' nicht mehr nötig sein, das Haus zu verlassen (es handelt sich um einen heute geringen, beständig wachsenden Prozentsatz). Dann werden viele Städter schon aus Flucht der überfüllten Städte die Dörfer neu besiedeln. Man höre auf, bei jeder kleinen Veränderung im Land nach dem Staat zu rufen. Die Leute verhalten sich eh schon größtenteils wie Kinder, und auch das liegt m.E. am paternalistischen, dirigistischen Staat.
2. Braucht´s das?
Norbert-FM 14.03.2006
Die Frage ist interessant, aber muß wirklich etwas dagegen getan werden? Es gibt in diesen Landstrichen nichts, es gibt keine Jobs, keine Perspektive, kein kulturelles Leben manchmal sind diese Landstriche nicht einmal touristisch wertvoll. Warum sollten also dort noch Menschen leben? Wer einmal durch z.B. Südschweden gefahren ist findet in den dortigen Dörfern auch kaum mehr Einwohner. Die meisten der dort befindlichen Häuser verschwinden oder werden kurzerhand zu Ferienhäusern. Entweder für die eigene Familie oder Touristen. Vielleicht sollte eher über Renaturierungsprojekte als über die aussichtslose Ansiedlung von Arbeitgebern o.ä. nachgedacht werden. Das grösste Problem dabei sind die Menschen die in realitätsferner Beharrung dort bleiben wollen. Ob das schon ein Beispiel für die "Verdummung" ganzer Landstriche ist? Ich wage darauf keine Antwort zu geben.
3.
Jürgenk1 14.03.2006
Man sieht ja in Halberstadt wie Deutschland in zehn Jahren aussehen wird. Man sollte das einfach akzeptieren. Notfalls kann man die ehemaligen Besatzungsmächte Amerika und Rußland wieder einladen, die meiner Meinung nach viel zu früh abgezogen sind.
4. In der Politik hat man das Thema aber auch schon bemerkt
Majikat 14.03.2006
In der Politik ist diese Situation - entgegen der Aussagen in diesem Artikel - längst ein Thema. Auswirkungen der demographischen und finanziellen Entwicklung in Deutschland in den nächsten Jahren stehen auf der Tagesordnung. In Sachsen-Anhalt hat die SPD eine Reihe von Papieren vorgelegt, in denen genau das analysiert und diskutiert wird. (http://www.zukunftsprogramm.de/files/zukunft8_laendlraeume.pdf) Die Debatte ist längst im Gange. Nur: Patentlösungen hat niemand, und die werden leider auch auf spiegel-online nicht angeboten. Wie wäre es , wenn man - anstatt die Malaise wieder einmal in gefälligem Stil zu beschreiben - konkrete Vorschläge macht? Damit eben nicht die Dementen und die Alten übrigbleiben. Doch selbst der Vorschlag, Wirtschaftsförderung auf die starken Regionen zu konzentrieren, wird in dem Artikel eher negativ bewertet. Was also dann?
5.
E_N 14.03.2006
Na denne, Gute Nacht Deutschland. Der letzte macht das Licht aus... Man kann dieser Entwicklung nicht entgegenwirken. IMHO ist der Point of No Return schon lange erreicht. E_N
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