Schülerstreik: Jüdische Ausstellung in Berliner Humboldt-Uni schwer beschädigt

Von , Berlin

Gewalt bei den Großdemonstrationen von Schülern für eine bessere Bildung: In der Berliner Humboldt-Universität beschädigten Teilnehmer der Protestaktion eine Ausstellung zu jüdischen Unternehmen in der NS-Zeit. Zu Randale kam es auch in Hannover und Dresden.

Berlin - "Bildungsblockaden einreißen" hieß das Motto der Aktion, mit der Zehntausende Schüler in zahlreichen deutschen Städten am Mittwoch für eine bessere Bildung demonstrierten. Doch in der Berliner Humboldt-Universität wurden Plakattafeln einer Ausstellung zu jüdischen Unternehmen in der NS-Zeit eingerissen.

In der Hauptstadt hatten sich nach einem Demonstrationszug in Mitte rund 5000 Schüler zu einer Kundgebung versammelt. Von dort drangen bis zu tausend jugendliche Demonstranten in die Universität ein. Bei den gewalttätigen Ausschreitungen seien "Teile des Hauptgebäudes stark in Mitleidenschaft gezogen worden", teilte die Hochschule mit. Die Demonstranten hielten das Gebäude für rund 20 Minuten besetzt (siehe Video). Feuerlöscher wurden von den Wänden gerissen und versprüht, die Schaukästen aufgebrochen, Flyer und Toilettenpapier auf dem Boden verteilt. An eine Wand schrieb jemand: "Mehr Bildung für alle."

Zerstörte Ausstellung in der Humboldt-Universität: Gewalt bei der Schüler-Demo
DDP

Zerstörte Ausstellung in der Humboldt-Universität: Gewalt bei der Schüler-Demo

Die angegriffene Ausstellung zeigt unter dem Namen "Verraten und verkauft" die Geschichte von Berliner Betrieben in der Zeit von 1933 bis 1945. Von den 16 Plakaten wurden fast alle beschädigt. Einige Bilder wurden sogar heruntergerissen. Etwa 13-jährige Schüler hätten die Plakate zerstört, berichten Augenzeugen. "Ich glaube nicht, dass die gewusst haben, was sie da zerstören", sagt einer. "Da ging es nur ums Kaputtmachen."

Die Stimmung war schon zu Beginn der Demonstration aufgeheizt und glich immer mehr einer Partyatmosphäre. Viele Schüler hatten Bierflaschen in der Hand, einige tranken Wodka. Die Demonstration wurde angeführt von vielen Linken, die immer wieder "Antikapitalista" riefen.

Die Randalierer drangen auch in den Senatssitzungssaal im ersten Stock ein, in denen gerade Manager zum Thema Patentschutz an Hochschulen tagten. Manche Eindringlinge trugen Sonnenbrillen und Kapuzen, einige kletterten auf die Fenstersimse. Jemand rief: "Nehmt euch, was euch gehört." Die Demonstranten rissen nach Angaben von Augenzeugen Papiere von den Tischen, zerschlugen Gläser, ein Laptop wurde gestohlen. "Meine Unterlagen sind alle weg", sagt eine Teilnehmerin. "Als es immer voller wurde, hatte ich doch Angst und habe versucht, die Treppe runterzukommen. Aber es war einfach zu voll."

Über die Beschädigungen der Ausstellung zu den Berliner jüdischen Unternehmen in der NS-Zeit war Projektleiter Christoph Kreutzmüller vom Lehrstuhl für Zeitgeschichte der Humboldt Universität betroffen: "Ich musste schon schlucken, als ich das gesehen habe". Er habe nach den Krawallen eine Führung gemacht - man lasse sich nicht unterkriegen. Mit den Besuchern ist er vorbeigegangen an den großen Schwarzweißfotos aus den dreißiger Jahren, die zerstörte jüdischen Geschäfte zeigen. Ob die Randalierer wahrgenommen haben, dass es um die Verfolgung von Juden geht? "Ich hoffe nicht", sagt Kreutzmüller. Er wolle das nicht vergleichen. Aber "gespenstisch" sei es schon, sagt eine Mitarbeiterin der Ausstellung.

Inzwischen ist die Ausstellung notdürftig wieder hergerichtet. Die Risse sind mit Klebefilm zusammengehalten, ein weiß-rotes Plastikband verhindert das Betreten der Ausstellung.

Randale auch in Hannover und Dresden

Zu Randale kam es auch in Hannover und in Dresden. In Hannover durchbrachen Hunderte Demonstranten die Bannmeile um den niedersächsischen Landtag. Einige Steine flogen, eine Scheibe wurde eingeworfen. In Dresden gab es am Rande einer Demonstration tumultartige Szenen, als rund 150 Autonome versuchten, in den Landtag zu gelangen. Die Polizei konnte das verhindern. In Erfurt besetzten rund hundert Schüler kurzzeitig das Schulamt. In anderen Städten verlief der Protest friedlich.

Die Demonstrationen richteten sich gegen Unterrichtsausfall, zu volle Klassen, Prüfungsstress und "überhaupt alles, was allgemein Bildungsmisere genannt wird", hieß es auf der Internet-Seite von "schulaction", dem Veranstalterbündnis.

Einige Ministerien oder Schulbehörden hatten ausdrücklich verboten, den Unterricht für die Teilnahme an Demonstrationen zu schwänzen. Der Sprecher des Schulministeriums in Düsseldorf, Thomas Breuer, sagte: "Die Schüler können sich nicht einfach vom Unterricht entfernen." Nach Schulschluss bleibe genügend Zeit für Kundgebungen.

Viele Schüler berichteten hingegen, dass ihre Lehrer und Eltern die Aktion unterstützten. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) begrüßte die Proteste. Schüler wie Lehrer benötigten "gute Schulen und gute Lernbedingungen", erklärte die Vize-Vorsitzende Marianne Demmer. Sie appellierte an Bildungsministerien und Schulleitungen, keine Strafen gegen schwänzende Schüler zu verhängen.

In Stuttgart riefen die Schüler: "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut." In Kiel schrieben sich einige Demonstranten die Forderung "Gegen G-8" mit Schminke ins Gesicht - als Protest gegen die Verkürzung der Gymnasialbildung von neun auf acht Jahre. In Gießen hieß es auf Transparenten: "Unterricht in Riesen-Klassen können wir uns nicht gefallen lassen".

In Hannover durchbrachen Schüler die Bannmeile, die vor dem Landtag für Demonstrationen gilt, und wurden von der Polizei zurückgehalten. Es kam zu Festnahmen unter den 3500 Beteiligten der Demonstration.

Neben Berlin mit 10.000 Teilnehmern gab es in Hamburg die größten Proteste. Dort beteiligten sich über 6000 Schüler an den Protesten.

Mitarbeit Sandra Sperber, außerdem mit Material von dpa, ddp, AP

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