Schüsse am Frankfurter Flughafen Polizei prüft Hinweise auf Terroranschlag

Die US-Armee ist alarmiert, in Deutschland ermittelt jetzt die Bundesanwaltschaft: Viele Details deuten darauf hin, dass die Schüsse auf US-Soldaten vor dem Frankfurter Airport eine Terrorattacke waren. Durch eine Ladehemmung an der Pistole des Attentäters wurde ein noch größeres Blutbad verhindert.

Von und Yassin Musharbash


Berlin/Kairo - Deutsche und amerikanische Sicherheitsbehörden ermitteln mit Hochdruck, ob die Schüsse am Frankfurter Flughafen ein gezielter Terroranschlag gegen die amerikanische Armee waren und ob möglicherweise weitere Attacken auf US-Soldaten in Deutschland drohen.

Der 21-jährige Kosovo-Albaner Arid U. hatte gegen 15.20 Uhr am Mittwochnachmittag mehrere US-Soldaten am Terminal 2 des Airports in einem Bus der US-Armee mit einer Pistole angegriffen. Zwei Soldaten kamen ums Leben, zwei weitere wurden schwer verletzt.

Die Ermittler vermuten, dass es bei den ersten Schüssen eine Ladehemmung an der Pistole gab und der Täter deswegen nicht weiter feuerte. Nachdem der Mann überwältigt worden war, fanden die Beamten bei ihm ein zweites Magazin mit Kugeln, das er offenbar wegen des Defekts an der Waffe nicht mehr einsetzte.

Die Waffe wird derzeit von Experten untersucht. Neben der Pistole hatte Arid U. noch ein Messer bei sich, damit attackierte er bei der Festnahme die Bundespolizisten, konnte aber schnell entwaffnet werden.

Bedrohung weiterer US-Ziele in Deutschand nicht ausgeschlossen

SPIEGEL ONLINE erfuhr aus deutschen Sicherheitskreisen und von den US-Behörden, dass es mittlerweile deutliche Hinweise auf Verbindungen des Angreifers zu islamistischen Zirkeln in Deutschland gibt. In den USA wird sogar befürchtet, dass der Mann Teil einer Terrorzelle sein könnte und nun weitere Anschläge auf US-Ziele in Deutschland drohen. Im Pentagon zeigte man sich sehr besorgt über den Vorfall. Am Donnerstagmorgen schaltete sich die oberste deutsche Fahndungsbehörde ein: Der Generalbundesanwalt, zuständig bei Terrorverfahren, übernahm die Ermittlungen. Damit besteht kein Zweifel mehr an dem Verdacht auf einen Terrorakt.

Auch die USA haben sich direkt in die Ermittlungen eingeschaltet. Schon kurz nach den tödlichen Schüssen auf die US-Soldaten, die in Frankfurt auf dem Weg zu ihrem Einsatz umgestiegen waren, waren Ermittler der amerikanischen Bundespolizei FBI am Tatort erschienen. Zudem machten sich aus den USA mehrere Teams von Ermittlern auf den Weg, um die Hintergründe der Tat und mögliche weitere Gefahren zu recherchieren. "Wir werden alles tun, um den Ermittlern zu helfen und die Verantwortlichen für diesen feigen Angriff ihrer Strafe zuzuführen", sagte der Sprecher des US-Verteidigungsministers Robert Gates SPIEGEL ONLINE am Mittwochabend. Details wollte er nicht nennen.

Mutmaßlicher Täter arbeitete am Flughafen

Die Aussage legt gleichwohl nahe, dass die USA neben dem festgenommenen Tatverdächtigen Arid U. noch weitere Personen oder gar eine Gruppe hinter dem Angriff vermuten. Im Pentagon hieß es, man befürchte, dass eine Zelle von weiteren Tätern möglicherweise noch mehr Anschläge auf die US-Armee oder andere US-Einrichtungen in Deutschland plane.

Fotostrecke

9  Bilder
Frankfurter Flughafen: Tödliche Schüsse vor Terminal 2
Der mutmaßliche Schütze wurde kurz nach der Attacke auf die US-Soldaten im Terminalgebäude des Flughafens von Bundespolizisten überwältigt und am Mittwochnachmittag erstmals verhört. Er soll laut ersten Einsatzberichten viel Munition bei sich gehabt haben.

Dass es sich um einen Terroranschlag handelt, wird vor allem durch die ersten Recherchen zum Tatverdächtigen gestützt. Arid U. ist nach Angaben seiner Familie, die in Mitrovica im Kosovo lebt, ein gläubiger Muslim und soll nach Angaben seines Onkels am Flughafen Frankfurt gearbeitet haben. "Allein dass jemand mit einer Waffe am Flughafen erscheint, weist auf eine geplante Tat hin", sagte ein Fahnder, "möglicherweise hatte der Täter die Abläufe beim Transport der US-Soldaten vorher genau beobachtet".

Dschihadistisches Kampflied verlinkt

Zudem untersuchten deutsche Fahnder am Mittwochabend eine Facebook-Seite, die aller Wahrscheinlichkeit nach von U. angelegt worden war. Der junge Mann, der sich dort präsentiert, macht kaum einen Hehl aus seiner islamistischen Gesinnung. Als Motto seiner Facebook-Seite hat er einen Ausspruch des muslimischen Eroberers Khalid Bin Walid ausgewählt: "Mögen die Augen des Feiglings niemals ruhen". Ein hochrangiger Ermittler, der an dem Fall direkt beteiligt ist, sagte am späten Mittwochabend, die Seite weise auf eine radikale Gesinnung U.s hin.

Zu den Web-Seiten, als deren Fan sich U. zu erkennen gibt, gehören islamistisch geprägte Sites, die zum Beispiel "Herrschaft des Islam" heißen. Auf seiner digitalen Pinnwand hat er unter anderem ein dschihadistisches Kampflied verlinkt, einer der Kommentare zum Posting eines Freundes heißt "diese elenden Kuffar (Ungläubigen)". Der letzte Eintrag stammt vom Montagabend. Nicht alle Inhalte deuten auf einen militanten Islamisten hin. Es gibt Postings, die nahezulegen scheinen, dass er ein aktiver Computerspieler war.

In der Gesamtschau aber sind Elemente islamistischer Ideen und Ansichten klar auszumachen. Mit Blick auf die Tat, für die der Mann mutmaßlich verantwortlich war - der Erschießung zweier Menschen aus nächster Nähe - wirkt ein Posting geradezu zynisch: Im August 2010 füllte er offenbar einen Online-Fragebogen aus, welche Waffe wohl am besten zu ihm passe. Die Antwort: das Scharfschützengewehr Barrett M82.

US-Behörden ermitteln im Kosovo

Bisher war Arid U. den Behörden und Terrorfahndern nicht aufgefallen, sein Name fand sich bei einer ersten Recherche nicht in den sogenannten Gefährderlisten der Polizei. Ein Fahnder vermutete, es könne sich trotzdem um eine Person am Rand von bereits beobachteten Gruppen handeln, die bisher noch nicht in den Fokus der Behörden gerückt sei. Bereits Stunden nach der Tat befragte die Polizei deswegen erste Zeugen im Umfeld des Verdächtigen. Die US-Behörden ermitteln im Kosovo, wo die Familie des Schützen lebt.

Wie ernst Washington den Fall nimmt, symbolisierte am Abend ein überraschender Auftritt des US-Präsidenten: Barack Obama erschien unangekündigt während der regulären Pressekonferenz mit seinem Sprecher im Weißen Haus. "Ich bin betrübt und empört über diesen Anschlag, der das Leben von Amerikanern gekostet hat", sagte Obama. Man werde keine Mühe scheuen, um herauszufinden, wie diese abscheuliche Tat zustande kam, und mit den deutschen Behörden zusammenarbeiten.

Ein US-Politiker, der im Ausschuss für die Innere Sicherheit über den Fall unterrichtet worden war, sprach zudem von deutlichen Hinweisen auf einen Terroranschlag. Sowohl Kanzlerin Angela Merkel als auch Außenminister Guido Westerwelle sicherten zu, alles für eine umfassende Aufklärung des Falls zu tun.

Schon während der ersten Ermittlungen waren die Fahnder auf Hinweise gestoßen, die auf einen islamistischen Anschlag hindeuten. Zeugen sagten demnach aus, der Täter habe unmittelbar vor den Schüssen laut "Allahu akbar" gerufen, die arabische Formulierung für "Gott ist groß". Diese wird von Muslimen weltweit in fast jedem denkbaren Zusammenhang verwendet, aber von islamistisch inspirierten Terroristen auch als Schlachtruf benutzt. Fahnder sagten SPIEGEL ONLINE, der Ausruf sei einer der Hinweise, dem man intensiv nachgehe.

Einzeltäter oder Mitglied einer Zelle?

Am Airport herrschte nach den Schüssen zunächst Terroralarm. Mit dem Code-Wort "Das Café Rundblick wurde geöffnet" wurden alle Polizisten im Flughafen alarmiert, den Code hatten die Sicherheitsbehörden zuvor als Warnhinweis vereinbart. Nach den Schüssen war der Mann ins Gebäude des Terminal 2 geflohen. Dort wurde er von Bundespolizisten festgenommen, da er durch sein nervöses Herumlaufen auffiel.

"Allein dass sich jemand mit einer Waffe in der Nähe des Flughafens aufhält, ist sicher kein Zufall", sagte ein Ermittler, der an dem Fall arbeitet. "Es kann sich um einen verwirrten Einzeltäter handeln, aber durchaus auch um ein Mitglied einer organisierten Gruppe". Der Bus mit den Soldaten sei leicht als Fahrzeug der US-Armee zu erkennen gewesen.

Die US-Armee benutzt trotz der Reduzierung ihrer Truppen in Deutschland den Frankfurter Flughafen als Drehkreuz für den Transport ihrer Soldaten nach Afghanistan und in den Irak, Tausende Soldaten werden jedes Jahr über Deutschland in die Kampfeinsätze geschleust. Bisher ist nicht bekannt, ob die Armee nach dem Angriff ihre Sicherheitsvorkehrungen in Deutschland erhöht hat.

Dass Dschihadisten aus Deutschland die US-Armee als mögliches Ziel ausgemacht haben, ist für die Fahnder nichts Neues. Schon die sogenannte Sauerland-Zelle wollte US-Armeeeinrichtungen oder Ziele, in denen sich US-Soldaten aufhalten, mit selbstgebauten Bomben angreifen. Der Plan wurde jedoch von den Ermittlungsbehörden früh aufgedeckt und verhindert.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 187 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
christoph. 03.03.2011
1. Terror
Mich interessiert das nicht, ob der Mann eine Oma hat, die mal bei bin Laden gekocht hat, oder ob er sich auf irgendwelchen Websiten herumgetrieben hat. Das sind Nachrichten von null Relevanz in diesem Stadium, das dient nur dazu, die Ticker zu füllen. Die Behörden sollen lieber ihren Job machen, anstatt so etwas herumzuposaunen.
punkorrekt 03.03.2011
2. Die Vermutung, daß es sich bei diesem Anschlag....
...um einen islami(sti)schen Terroranschlag handeln könnte, ist in den Augen der Herrn Bahners und Seidl(FAZ Feuilleton) sowie Herrn Steinfeld (SZ) sicher nur ein Zeichen bürgerlicher Islamophobie.
matthias_b. 03.03.2011
3. Da stellt sich die Frage...
... ja was denn sonst?
thomas bode 03.03.2011
4. Panne?
Wenn der Typ sich schon im Internet als Islamist geoutet hat und am Frankfurter Flughafen arbeitet, dann hat man den wohl übersehen...
Barath 03.03.2011
5. So ändern sich die Zeiten...
Zitat von sysopDie US-Armee ist alarmiert, in Deutschland ermittelt eine Sonderkommission: Immer mehr Details deuten darauf hin, dass die Schüsse auf US-Soldaten vor dem Frankfurter Airport eine Terrorattacke waren. Die USA haben Fahnder nach Deutschland entsandt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,748748,00.html
Und niemand fragt sich mehr ob er Killerspiele gespielt hat...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.