Schwarz-gelbe Wende: Merkel klemmt sieben Reaktoren ab - vorerst

Deutschland will sämtliche Kernkraftwerke im Land überprüfen - dafür sollen nun sieben Meiler vorübergehend abgeschaltet werden, kündigte Kanzlerin Merkel an. Betroffen sind alle Anlagen, die vor 1980 in Betrieb genommenen wurden.

REUTERS

Berlin - Die Bundesregierung zieht Konsequenzen aus dem schweren Atomunfall in Japan. Am Montag kündigte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) eine dreimonatige Aussetzung der AKW-Laufzeitenverlängerung an - jetzt nannte die Regierungschefin nach einem Gespräch mit den Ministerpräsidenten der Länder, in denen es AKW gibt, weitere Schritte: Merkel verständigte sich mit den Ländern darauf, dass die sieben vor 1980 gebauten Kernkraftwerke vorübergehend abgeschaltet werden.

Dies betreffe die drei Monate, in denen die Laufzeitverlängerung ausgesetzt wird, sagte Merkel am Dienstag in Berlin. "Sicherheit hat in allen unseren Betrachtungen Vorrang."

Bei den älteren Meilern handelt es sich um Biblis A und B, Neckarwestheim, Brunsbüttel, Isar 1, Unterweser und Philippsburg 1. Die anderen deutschen AKW sollen während der Sicherheitsüberprüfung in den kommenden Monaten am Netz bleiben.

Leistung älterer deutscher Kernkraftwerke
Kraftwerk Betriebs-
start
Defekte Netto-
leistung
in MW
Brunsbüttel 1977 80 771
Isar 1 1979 44 878
Neckarwestheim 1 1976 47 785
Philippsburg 1 1980 39 890
Biblis A 1974 66 1167
Biblis B 1976 78 1240
Unterweser 1978 49 1345
Gesamt 7076
Quelle: Bundesumweltministerium, Bundesamt für Strahlenschutz, IAEA - Power Reactor Information System, Informationskreis KernEnergie
Merkel sagte, bei den Vorgängen in Japan handele es sich um "eine Zäsur in der Geschichte der technisierten Welt". Der Austritt von Radioaktivität in Folge des Erdbebens und des Tsunamis habe gezeigt, dass die "Auslegung des Kraftwerks auf die Naturgewalten nicht ausreichend war". Dies sei der Grund für die aktuellen Entscheidungen. Unabhängig von bevorstehenden Wahlen gehe es hier um Verantwortung in einer Situation, die es so noch nie gegeben habe.

Die vorübergehende Abschaltung der sieben Atomkraftwerke werde rechtlich als "staatliche Anordnung aus Sicherheitsgründen" umgesetzt, sagte Merkel. Diesen Weg werde die Regierung gehen. Wegen des Umfangs seien die Überprüfungen zudem am besten in einer Nichtbetriebsphase der Kraftwerke zu gewährleisten.

Bis zum 15. Juni sollen alle Sicherheitsfragen beantwortet werden, teilte die Kanzlerin mit. An dem Treffen nahmen auch die Bundesminister für Umwelt und Wirtschaft, Norbert Röttgen und Rainer Brüderle, teil. Röttgen sagte, das geltende Atomgesetz decke die vorübergehende Abschaltung der Meiler ab. Brüderle betonte, es gebe auch ohne die sieben Anlagen eine hinreichende Versorgungssicherheit in Deutschland.

Röttgen sagte, die Abschaltung erfolge vorsorglich. Ob alle oder einzelne der sieben Atomkraftwerke nach der Abschaltung und Überprüfung wieder ans Netz gehen, sei offen.

Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Peter-Harry Carstensen (CDU) kündigte an, er werde die zurzeit stillgelegten Meiler Krümmel und Brunsbüttel vorerst nicht wieder anlaufen lassen und auch darauf dringen, "dass die Betreiber auf das Wiederanfahren verzichten".

Merkel, CSU-Chef Horst Seehofer und der baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus wiesen Vorwürfe zurück, die Laufzeitverlängerung werde nur ausgesetzt, damit die CDU die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg gut besteht.

Kritisch äußerte sich Jürgen Großmann, Chef des Energiekonzerns RWE: Großmann warnte davor, dass ein Ausstieg aus der Atomenergie Deutschland teuer zu stehen kommen könne. Die Gesellschaft müsse anerkennen, dass in einem Industrieland nicht einfach so auf Kohle und Atomenergie verzichten werden könne, wenn Wohlstand und Versorgungssicherheit erhalten bleiben sollten, sagte Großmann der "Zeit". Es sei zwar richtig, auf erneuerbare Energien zu setzen und diese auszubauen, "aber man muss wissen, welchen Preis man dafür bezahlen will". Billige Energie und zugleich ein kompletter Umbau der Stromversorgung seien "eine Illusion". RWE werde sich trotz der Katastrophe in Japan nicht von sich aus aus der Atomenergie zurückziehen, hob Grossmann hervor.

hen/dpa/Reuters

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1. Mehr Informationen bitte ...
Michael Giertz 15.03.2011
Zitat von sysopDeutschland will nach dem verheerenden Atomunfall in Japan sämtliche Kernkraftwerke im Land überprüfen - dafür sollen sieben Meiler vorübergebend abgeschaltet werden, kündigte Kanzlerin Merkel. Betroffen sind alle Anlagen, die vor 1980 in Betrieb genommenen wurden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,751039,00.html
Es ist zweifelsohne nicht zuviel verlangt, die Namen und Standorte der zur Disposition stehenden sieben Kernkraftwerke zu nennen, oder? Mich würde jedenfalls interessieren, welche Meiler gemeint sind, wann sie gebaut wurden und welchen Typs sie angehören.
2. Richtig hinhören!
Caiman 15.03.2011
Zitat von sysopDeutschland will nach dem verheerenden Atomunfall in Japan sämtliche Kernkraftwerke im Land überprüfen - dafür sollen sieben Meiler vorübergebend abgeschaltet werden, kündigte Kanzlerin Merkel. Betroffen sind alle Anlagen, die vor 1980 in Betrieb genommenen wurden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,751039,00.html
Das entscheidende Wort heisst "vorübergehend". Im Klartext: man will sich irgendwie durch die bevorstehenden Wahlen eiern, und wenn die halbwegs glimpflich überstanden sind, dann werden die Schrottmeiler wieder ans Netz gebracht. Im Normaldeutsch nennt man das arglistige Täuschung, im Politikerdeutsch Moratorium...
3. ...und noch was...
shadock 15.03.2011
....am 18 März findet eine Abstimmung im Bundesrat statt....dabei wird das bisherige Reinheitsgebot für Saatgut in Sachen gentechnische Verunreinigung in Frage gestellt - das heisst, obwohl die Bundesbürger mehrheitlich gegen den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen sind, wird hier eine Hintertür für einen Anbau im grossen Stil aufgestossen, weil, ist das Kind dann eh schon im Brunnen und eine Durchmischung vollzogen, braucht man auf den Rest auch keine Rücksicht mehr zu nehmen und kann in grossem Stil ran - das bekommt derzeit kein Mensch mit, auch Tsunamis und Reaktorkatastrophen haben ihre positiven Seiten......wer dennoch etwas tun will, kann seinen jeweiligen Ministerpräsidenten oder Landwirtschaftminister auffordern dagegen zu stimmen - das wird zwar die selbe Wirkung haben, wie wenn man einen Ochsen ins Horn kneift, aber nützt es nichts, schadet es auch nicht.....gerade die Baden-Württemberger können auf die Wahl am 27. März verweisen.....ausgerechnet der Mappus will plötzlich einen Reaktor vom Netz nehmem - Zeichen und Wunder?!?
4. ruhe erkaufen
DerÜblicheVerdächtige 15.03.2011
Da erkauft sich Frau merkel etwas machtpolitische Ruhe... bleibt zu hoffen, dass dieses durchsichtige Manöver durchschaut wird. "ohhhh... wir schalten jetzt welche ab. Immerhin haben wir ein Memorandum" ... danach kann man sie wieder einschalten oder was?
5. Merkelmurks..
Baikal 15.03.2011
Zitat von sysopDeutschland will nach dem verheerenden Atomunfall in Japan sämtliche Kernkraftwerke im Land überprüfen - dafür sollen sieben Meiler vorübergebend abgeschaltet werden, kündigte Kanzlerin Merkel. Betroffen sind alle Anlagen, die vor 1980 in Betrieb genommenen wurden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,751039,00.html
.. in Neuauflage: drei Monate abklemmen und schon sind sie wieder sicher. Wie wär's, wenn die Pastorentochter selbst ins AKW einzieht, zumindest für drei Monate, am besten aber gleich ins Abklingbecken.
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