Schwarz-Grün Ein Hoch auf das neue Bürgertum!

Alles redet vom Linksruck. Doch stattdessen könnte sich klammheimlich eine andere Mehrheit finden: Denn die Protestzeiten der Grünen sind vorbei - sie bilden jetzt die neue bürgerliche Elite. Eine Koalition mit der CDU wäre die Wiedervereinigung des deutschen Bürgertums.

Von Franz Walter


Das Wort des Monats Februar 2008 dürfte "Linksruck" gewesen sein. Nach den Hessen-Wahlen geisterte es jedenfalls durch etliche Kommentare in der Journaille der Republik. Und Indizien für die Berechtigung des wertenden Begriffs schien es in der Tat zu Hauf zu geben: Die Meinungsforscher belegten, dass sich die Deutschen seit einiger Zeit selber stärker links verorten. Zeitdiagnostiker stellen fest, dass die Themen des öffentlichen Diskurses während der letzten Monate unisono um die soziale Frage rankten: eben um Managergehälter, Steuerhinterziehung, Kinderarmut, drohendes Altersprekariat etc.

Christa Götsch und Ole von Beust am Wahlabend in Hamburg: Bildungsbürgerlicher Elitismus
DDP

Christa Götsch und Ole von Beust am Wahlabend in Hamburg: Bildungsbürgerlicher Elitismus

Und schließlich zeigten zudem die Landtagswahlen des Februars 2008, dass altbürgerliche Mehrheiten aus CDU und FDP durch die neue parlamentarische Präsenz der "Linken" nun auch im Westen zunehmend weniger möglich sind. Den Anfang setzte bereits die Bundestagswahl 2005; der Prozess dürfte auch in den nächsten Jahren weitergehen. Die großen Jahrzehnte des bürgerlichen Lagers, als Union und Liberale gemeinsam weit über 50 Prozent der Wählerstimmen erreichten, sind seit den neunziger Jahren passé.

Indes: Es ist keineswegs sicher, dass die Kolonne sich wirklich nach links in Marsch setzt. Während alle vom Linksrutsch schwadronieren, könnte es sein, dass sich klammheimlich fast eine Renaissance und Festigung neubürgerlicher Mehrheiten vollzieht. Die Erosion bürgerlicher Hegemonie in der deutschen Republik lag schließlich nicht im Vorstoß von Proletarität und sozialistischer Kampfverbände begründet. Der Verlust altbürgerlicher Mehrheiten war vielmehr Folge der innerbürgerlichen Generations- und Kulturkonflikte in den sechziger bis achtziger Jahren, an deren Ende die Parteibildung der Grünen stand.

Auch die Grünen waren von Beginn an Gewächs aus bürgerlichen Quartieren, eine Organisation der Absolventen höherer Qualifikationsstätten, gewissermaßen Geschöpf und Gewinner der expandierenden Bildungsstrukturen jener Jahre. In Vielen war der Konflikt dieser Zeit im deutschen Bürgertum weniger politisch, sondern mehr moralisch, kulturell und lebensweltlich fundiert. Aus diesem Grund spielten seinerzeit habituelle Differenzen eine so emotionale, identitätsstiftende und abgrenzende Rolle. Latzhose und Schlabbershirt gegen Anzug und Krawatte, das brachte christdemokratische Eltern und grünalternative Töchter wie Söhne hocherregt gegeneinander auf.

Ordentliche Grüne

Doch dies ist längst vorbei. Die Grünen sind mittlerweile ordentlich gekleidete Menschen. Sie sind nach der kurzen Zeit jugendlicher Bohème-Attitüden in die Familie des wohletablierten Bürgertums zurückgekehrt. Mehr noch: Sie bilden jetzt die bürgerliche Elite schlechthin. Ihre Wähler verfügen über die höchsten Bildungszertifikate, verdienen das meiste Geld, leisten sich die teuersten Urlaube. Anders als die eher in der Mitte nivellierte Anhängerschaft der weithin kleinbürgerlichen CDU legen die Sympathisanten der Grünen viel Wert auf Abgrenzung durch einen exklusiven Lebensstil, auf Distinktion durch Sprache, Codes, Zeichen. Insofern ist in den grünen Lebenswelten ein Stück des fast schon überwunden geglaubten bildungsbürgerlichen Elitismus der Jahrzehnte vor 1933 wiederauferstanden.

Die Lebensstilforschung liefert eine Fülle von Beispielen, dass in dieser Gruppe sogenannter "Postmaterialisten" der frühere Protest und die anfängliche Gesellschaftskritik fast gänzlich verflogen sind; geblieben ist allein eine verächtliche Distanzierung von den Lebensweisen des "Mainstreams", besonders vom hedonistischen "Konsummaterialismus" der unteren Schichten. Insofern ist politisch wie sozialstrukturell keine Partei in Deutschland von Arbeitern und Arbeitslosen derart weit entfernt wie eben die Grünen.

Eine Koalition dieser Partei mit den Christdemokraten in Hamburg würde also die Wiedervereinigung des deutschen Bürgertums bedeuten. Und wenn Frau Merkel so schlau bleibt, wie sie bislang immer war, dann wird sie in Hessen ebenfalls für einen neuen, manierlicheren CDU-Kandidaten sorgen, der mit den Grünen ins Geschäft kommt. Und wenn ihr Machtinstinkt sie auch danach nicht verlässt, wird sie im Mai 2009 eine bewährte, aber politisch nicht mehr allzu exponierte Dame aus dem grünen Lager für das Amt des Bundespräsidenten vorschlagen - und durchsetzen.

Das wäre dann das Signal für eine neue bürgerliche Koalition im Herbst 2009 mit einer dann wieder bürgerlichen Mehrheit von weit über fünfzig Prozent, ganz wie zu den glorreichen Zeiten Adenauers. Allerdings müsste 2009 überdies der FDP-Partei- und Fraktionschef mit einbezogen werden. Dessen mittlerweile dogmatisierte Abneigung gegen die bürgerlichen Schwestern und Brüder aus dem grünen Segment seiner Generation ist sicher die Schwachstelle einer bürgerlichen Renaissance neuen Zuschnitts.

Solange Westerwelle seine rhetorischen Kreise zieht, solange wird die Formel vom "Linksruck" nicht verschwinden - und solange werden es die Grünen schwer haben, unbekümmert die neuen Koalitionslieder zu singen, ohne dass ihnen das Echo des Verrats an den Losungen aus der eigenen Gründerzeit entgegenhallt.



Forum - Schwarz-Grün - Chance oder Risiko?
insgesamt 1194 Beiträge
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Seite 1
freqnasty, 26.02.2008
1.
das hängt wohl vom jeweiligen CDU-landesverband ab. in hamburg ist so etwas evtl vorstellbar, in bayern in 100 jahren nicht.
BillBrook 26.02.2008
2.
Zitat von freqnastydas hängt wohl vom jeweiligen CDU-landesverband ab. in hamburg ist so etwas evtl vorstellbar, in bayern in 100 jahren nicht.
Stimmt, da es die CDU dort nicht gibt. Aber im Ernst, abgesehen davon, dass die CSU auf absehbare Zeit keinen koalitionspartner brauchen wird, könnte ich es mir auch dort vorstellen. Die CSU ist im Zweifel flexibler als man glaubt.
Rasmuss 26.02.2008
3.
ich glaube die Parteien fügen sich beide durch diese Farbenlehre schweren Schaden zu. Man sollte die Mitglieder befragen, mehrheitlich wird es da nur Ablehnung geben außer es sind wohlhabende Großstadturbaner mit einer sentimentalität für grüne Herzensthemen.. Wo liegen die Gemeinsamkeiten? Gibt es sie überhaupt? Das Thema der CDU ist Wirtschaft. Grüne Themen sind Umwelt, Bildung, Familie, Energie, Nachhhaltigkeit. Oder sehe ich zu sehr schwarzgrün.. ;) Aber sollen sie nur machen, SG geht vielleicht 2 Jahre gut danach gibt es Neuwahlen, die werden dann die GAL vergeigen so mit 5,5 % und die CDU mit 37%. Dann gibt es nur noch eine Option Rot/Rot/Grün.
Klo, 26.02.2008
4.
Zitat von freqnastydas hängt wohl vom jeweiligen CDU-landesverband ab. in hamburg ist so etwas evtl vorstellbar, in bayern in 100 jahren nicht.
Das ist aus heutiger Sicht sicher richtig. Aber warten wir mal ab, bis die Bayern es nötig haben. Dann werden die Karten nämlich neu gemischt. Man darf sich schon heute auf den Tag freuen, an dem die CSU mal einen Koalitionspartner sucht.
perpendicle, 26.02.2008
5.
meine Visionen habe ich ja bereits gestern beschrieben. Diese verbindung ist aber nun wirklich etwas, was man nur als so etwas wie Mittel der Machterhaltung um jeden Preis beider Parteien bezeichnen kann, nachdem sich nun ja auch in Hamburg 5 Parteien ergeben haben und damit auch die Chancen jeder einzelnen Partei schwinden eine absolute Mehrheit zu bekommen. Wenigstens hat die CSU hier in München nunmehr ihr Wahlplakat entfernt, auf dem sie " mehr geschlossene Einrichtungen für gewaltbereite Jugendliche(!) verspricht. Derselbe Kandidat wirbt jetzt- nach alter CSU Manier wieder für die "starke Wirtschaft sichere Arbeitsplätze" .Das eine ist- so weit ich es zu beurteilen vermag nicht mehr- das andere immer noch nicht und schon gar nicht bundesweit vorhanden.
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