Eine Kolumne von Jan Fleischhauer
Jetzt sucht man also auch in der CDU nach einer "Erzählung", die man den Wählern anbieten kann, damit sie wieder Gefallen an christdemokratischer Politik finden. Der baden-württembergische CDU-Vorsitzende Thomas Strobl empfahl seiner Partei übers Wochenende, "die erfolgreiche wirtschaftspolitische Erzählung zu verbinden mit einer Erzählung von Ökologie, Emanzipation und Gleichberechtigung". Ich habe keine Ahnung, wann der Unsinn angefangen hat, dass Politiker sich für Poesie interessieren, aber wie man sieht, macht dieser Quatsch selbst vor braven Juristen in der Union nicht halt.
Leute, die Politik mit einem literaturwissenschaftlichen Seminar verwechseln, haben leider auch Probleme, Freund und Feind auseinanderzuhalten respektive das Richtige vom Verhängnisvollen. Nur so lässt sich erklären, dass nicht wenige in der CDU glauben, ihre Partei müsse sich den grünen Ideen zuwenden oder, Strobl-Deutsch gesprochen, an die Erzähltradition von "Ökologie, Emanzipation und Gleichberechtigung" anknüpfen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Die ganz Verwegenen träumen sogar schon von einem Bündnis nach der Bundestagswahl. Seit die Mitglieder der grünen Partei neben dem ehemaligen Maoisten Trittin auch die freundliche Frau Göring-Eckardt zur Spitzenkandidatin erkoren haben, scheinen ihnen die Vertreter der Ökopartei als bürgerliche und mithin respektable Alternative zu den lästigen Freidemokraten.
Wer aus der Tatsache, dass jemand Präses in der Synode der Evangelischen Kirche ist, auf eine konservative Grundhaltung im klassischen Sinne schließt, hat lange keinen evangelischen Kirchentag mehr besucht. Oder einen Gottesdienst in einer beliebigen Gemeinde der ehemals Nordelbischen Kirche. Alles, was den Grünen am Herzen liegt, findet hier seinen Platz und Segen, vom Tränenpazifismus über die etwas angejahrte Dritte-Welt-Romantik bis zu den Vorstellungen einer Wirtschaftsordnung, in der immer die anderen das Geld verdienen, das wir dann alle gemeinsam ausgeben.
Zwischen Biotheke und Yoga-Retreat
Tatsächlich verdankt sich die Idee, auch die Union müsse sich nun der grünen Lebenswelt öffnen, einem Missverständnis des Begriffs "bürgerlich". Nur weil jemand klassische Musik schätzt und seine Kinder auf eine Privatschule schickt, heißt das noch nicht, dass er auch die Grundbestandteile der bürgerlichen Werteordnung akzeptiert. Im Gegenteil: In den Großstadtvierteln, auf die einige in der CDU nun mit der Bewunderung des Besuchers aus der ewigen Provinz schielen, hat sich ein Milieu etabliert, das Konsumlust und modischen Antikapitalismus mühelos unter einen Hut bringt.
Die Grünen sind die richtige Partei für alle, die ihre Schäfchen im Trockenen haben. Wenn sie über den Postmaterialismus als kommende Gesellschaftsform dozieren, haben sie keinen Einkommensverzicht im Sinn, jedenfalls nicht für die eigene Klientel. Wie auch? Irgendwie muss das Leben zwischen Biotheke und Yoga-Retreat ja weitergehen. Gemeint ist vielmehr eine Welt, in der man sich über die Bedingungen der Wohlstandsproduktion keine Gedanken mehr macht beziehungsweise die lästigen Begleiterscheinungen so weit ausgelagert sind, dass sie nicht mehr in Erscheinung treten.
In dieser Welt kommt alles Gute von oben also vom Staat, wo praktischerweise ein Großteil der grünen Anhänger auch in der einen oder auch anderen Weise angestellt ist. Für die Finanzierung sorgen in dem Modell vorzugsweise diejenigen, die nicht das Glück hatten, beizeiten eine Lebenszeitanstellung mit dynamisiertem Rentenanspruch zu erwerben. Wer das für billige Polemik hält, sollte sich einmal die Steuerpläne ansehen, die der designierte grüne Finanzminister Trittin für den Fall der Regierungsnahme ausgearbeitet hat: Er möchte die Erbschaftsteuer verdoppeln, den Spitzensteuersatz erhöhen, eine Vermögensteuer einführen.
Wirklichkeit nicht aus den Augen verlieren
Die Grünen hatten immer schon den Bogen raus, den Leuten weiszumachen, dass ihr Lebensmodell nicht die Ausnahme sondern gesellschaftliche Normalität sei. Man muss nur lesen, was die jetzt als Kontaktbereichsbeamtin gefeierte EKD-Synodale Göring-Eckardt für die Familienwirklichkeit in Deutschland hält, um eine Ahnung zu bekommen, wie weit sich die Grünen vom Leben der Mehrheit entfernt haben. Ihr Loblied auf die "Regenbogenfamilie" und "moderne Familienrealitäten" liegt himmelweit neben der statistisch abgesicherten Wirklichkeit. Zum Glück für das gesellschaftliche Miteinander ist die Alleinerziehende nicht der Regelfall in deutschen Beziehungen und die Ehe keine vor dem Aussterben stehende Vertragsform. Laut den letzten verfügbaren Daten des Mikrozensus sind von den etwa 20 Millionen Paaren rund 90 Prozent verheiratet.
Auch die jüngsten Erfolge der Grünen sind bei genauer Betrachtung nicht ganz so spektakulär, wie es die Kommentatoren gerne hätten. Gemessen an der Zahl der Wahlberechtigten haben nicht einmal 16 Prozent der Baden-Württemberger für Winfried Kretschmann als Ministerpräsident votiert. 16 Prozent sind angesichts dessen, was die Grünen normalerweise erreichen, immer noch ein schönes Ergebnis - aber daraus gleich ein Mandat für einen Politikwechsel in Deutschland abzuleiten, ist vielleicht doch etwas vermessen.
Die 53 Prozent, die Fritz Kuhn den Einzug ins Stuttgarter Rathaus sicherten, schrumpfen ebenfalls auf die Hälfte, wenn man die Zahl der Leute einbezieht, die bei dieser Wahl zu Hause blieben. Dass Kuhn als Sieger durchs Rennen ging, verdankt er weniger seinem charismatischen Auftreten als vielmehr dem Unvermögen der Gegenseite, sich für den Werbefachmann Sebastian Turner zu begeistern.
Vielleicht ist die CDU gut beraten, sich mehr um die Leute zu kümmern, die ihr nahestehen, als nach denjenigen Ausschau zu halten, für die die Christdemokraten nicht einmal eine Alternative sein werden, wenn sie nach Energiewende und Mindestlohn auch das Umverteilungsglück für sich entdecken. Man muss sich nur das Schicksal der SPD anschauen, um eine Vorstellung zu bekommen, was von einer Partei übrig bleibt, der die Zustimmung einer als Leitmilieu empfundener Minderheit wichtiger ist als das ihrer angestammten Wählerschaft.
Apropos Normalität: Nur 15 Prozent der Wahlberechtigten leben in Städten mit mehr als 400.000 Einwohner, also dem, was gemeinhin als richtige Großstadt gilt. Manchmal lohnt es sich, die Wirklichkeit nicht über die Erzählung aus den Augen zu verlieren.
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