S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Ich hätte da noch ein paar Fragen

Schon wieder geht ein Jahr zu Ende, Zeit sein politisches Wissen zu testen. Zu gewinnen gibt es außer zehn Hörbüchern des Autors die Erkenntnis, dass die politischen Extreme näher zusammenliegen, als man vermuten sollte.

Eine Kolumne von


Zum Jahresende testen die Zeitungen gerne die Bildung ihrer Leser. In der "FAS" musste man am vergangenen Sonntag zum Beispiel wissen, mit welchem Schwarzenegger-Zitat sich Hans-Peter Friedrich aus seinem Amt verabschiedet hat ("ich komme wieder"). Beim "Süddeutsche Zeitung Magazin" sollten die Leser entscheiden, was Wolfgang Schäuble zu Angela Merkel sagte, als er dieser nach ihrem Skiunfall begegnete (sagte er: "Ich kann Ihnen meinen Rollstuhl anbieten", oder: "Wer als Erster beim Kabinettstisch ist"?).

Auch ich möchte einen Test machen. Man will ja als Autor hin und wieder wissen, wie der Kenntnisstand seines Publikums aussieht. Keine Sorge, wenn Sie 2014 nicht so genau aufgepasst haben: Es reicht die politische Intuition, um ihn zu bestehen.

Frage 1: Zwei Tage vor Weihnachten versammelten sich in Bonn ein paar Hundert Menschen, um für ihre Anliegen zu demonstrieren. Die erste der für diesen Tag angekündigten RednerInnen hatte den Demonstranten Folgendes mitzuteilen:

"Wir haben die Kontrolle über unser Leben verloren. Zum Beispiel setzt die EU uns genmanipuliertes Essen vor, bei solchen Dingen fängt das schon an. Wir dürfen nicht mehr sagen, was wir denken, dann werden wir stigmatisiert. Vom BND und anderen Organisationen gelenkte Massenmedien halten das Volk dumm und still. Wir sind der totalen Überwachung ausgesetzt. Über die Steuern werden unsere Gehälter gekürzt, und wir finanzieren damit einen Haufen Verbrecher. Sie rauben uns unsere identitären Fixpunkte, unsere Grenzen und unsere Selbstbestimmung. Die EU bestimmt über Deutschland. Die Nato bestimmt über unsere Soldaten. Darum gehen wir auf die Straße für Volksabstimmung. Wir wollen endlich wieder mitreden. Wir wollen diese verlogenen parlamentarische Demokratie nicht, sondern eine direkte Demokratie, in der die Politiker dem Volke dienen und nicht umgekehrt. Wir sind nicht die privaten Finanziers irgendeiner Politkaste, die uns von vorne bis hinten verarscht und diffamiert."

Von wem stammt die Rede?

A: Sahra Wagenknecht
B: Inge Höger
C: Diether Dehm

Widerstand gegen Nato, Genfood und die NSA? Das kenne ich doch, wird sich der eine oder andere jetzt vermutlich sagen. Doch wenn Sie auf einen der drei Abgeordneten von der Linkspartei getippt haben, liegen Sie leider falsch. Die Rede, deren Anfang ich zitiert habe, stammt von Melanie Dittmer, einer ehemaligen Angehörigen der "Jungen Nationaldemokraten", die heute den Bonner Ableger von Pegida organisiert.

Der Irrtum sei entschuldigt, man kann das wirklich leicht verwechseln. Es folgte dann bei Frau Dittmer noch einiges über Ausländer und warum es strengere Asylgesetze braucht, aber mindestens 50 Prozent der Forderungen kann man so oder so ähnlich auch bei Vertretern der Partei "Die Linke" finden. Woraus sich die Frage ergibt, warum deren Mitglieder eigentlich auf Seite der Gegendemonstranten standen, als Bogida ihre Versammlung in Bonn abhielt. Aber das müssen wir ein anderes Mal klären, dazu ist ein Quiz nicht der richtige Ort.

Frage 2: Von wem stammt der folgende Wortbeitrag, der Mitte Oktober, zwei Monate vor der Wahl von Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten in Thüringen, in der "FAZ" abgedruckt wurde?

"Medien, Öffentlichkeit und viele Politiker betrachten den Aufstieg der vermeintlichen Partei "Die Linke" mit einer seltsamen Mischung aus Faszination, Verstörtheit und schulterzuckender Ignoranz. Wächst dort am linken Rand des Spektrums gerade eine Konkurrenz für die SPD heran? Etabliert sich in unserem Land gerade eine linkspopulistische Dagegen-Partei, wie es sie in Frankreich, Dänemark oder Italien längst gibt? Mich stört vor allem die Ignoranz, mit der auf die Wahlerfolge der Linken reagiert wird. Diese Anti-Parteien-Partei wird nahezu ausschließlich als Problem für die Parteien gesehen - und der Kampf gegen den kaum verhohlenen Linkspopulismus soll allein uns überlassen bleiben.

Ich wünsche mir ein breites gesellschaftliches Bündnis, von der SPD und anderen politischen Parteien, über die Gewerkschaften, die Kirchen, Industrie- und Sozialverbände, Stiftungen und NGOs, das der Linken klar entgegentritt. Denn unser Land ist zu wichtig, als dass wir es diesen Demagogen im Schlafrock überlassen sollten. Wir wollen keinen abermaligen deutschen Sonderweg, der leichtfertig das Friedens- und Freiheitsprojekt Europas gefährdet, für das Brandt, Adenauer, Schmidt, Genscher und Kohl gekämpft haben.

Mit einer Mischung aus Kapitalismuskritik, fein austarierten fremdenfeindlichen Äußerungen* und tumbem Populismus haben Gregor Gysi und seine Unterstützer die Linke zu einem Sammelbecken für Protestwähler gemacht. Sie kopieren die Taschenspielertricks, die wir von Rechtspopulisten kennen. Getreu dem Motto, "man wird doch noch mal sagen dürfen", hetzt die Linke dabei kaum verhohlen gegen Israel, gegen Mittelständler, gegen die Opfer der SED-Diktatur - gegen alles, was nicht der von ihr diktierten Norm entspricht. Kritik bügelt sie gerne mit dem Hinweis ab, sie komme nur aus dem Block der etablierten Parteien und Medien, der um Einfluss und Pfründe bange.

Wer gegen die Linke aufbegehrt, wer klar benennt, was hinter der glatt polierten Fassade an Ressentiments schimmelt, muss mit Anfeindungen rechnen. Das erlebe ich im Netz täglich selbst. Wer belegt, wie groß das linksextreme Potential in der Linken vielerorts ist, der muss die Rache der Linken-Spitze fürchten. Mehrere Linken-Politiker mit offenliegender Stasi-Vergangenheit dürfen hingegen in die Landtage einziehen."

* "Der Staat ist verpflichtet zu verhindern, dass Familienväter und Frauen arbeitslos werden, weil Fremdarbeiter ihnen zu Billiglöhnen die Arbeitsplätze wegnehmen." Oskar Lafontaine am 14. Juni 2005 in Chemnitz

Okay, hier habe ich ein wenig geschummelt, um die Sache etwas anspruchsvoller zu machen. Der Text stammt von der SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi. Roland Tichy verdanke ich die Idee, überall dort, wo im Original "AfD" stand, das Wort "Linke" einzusetzen beziehungsweise an bestimmten Stellen einfach die Terminologie der Linkspartei zu verwenden. Wer den Originalbeitrag zum Vergleich lesen will, findet ihn hier. Ansonsten bleibt auch bei diesem Quiz nicht viel übrig außer vielleicht der Erkenntnis, dass sich die Extreme am Ende des politischen Spektrums näher sind, als man vermuten sollte.

P.S.: Die Zuweisung der Prämien findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die ersten zehn Leser, die unter jan_fleischhauer@spiegel.de ihre Adresse hinterlassen, erhalten das Hörbuch "Unter Linken" als Dankeschön.

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insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
Nr43587 30.12.2014
1. Ein Hauch von Weimar
Wieder sehr gut herausgearbeitet von Fleischauer. Die Populisten/Extremisten sind auf dem Vormarsch und dabei sind sich links und rechts einig in der Verachtung der Mitte/Ablehnung des Systems. Vorschlag: Listenwahlsystem abschaffen. Nur noch Direktmandate. Und der Grundsatz Mehrheit ist Mehrheit. Damit wären AfD, FDP, Grüne (bis auf ein Mandat) und Linke weitgehend erledigt. Die Union hätte eine stabile Mehrheit und die Spezialdemokraten könnten das soziale Korrektiv geben.
marthaimschnee 30.12.2014
2.
Offensichtlich haben Sie auch noch viel mehr gemogelt. zB als Gott die Hirne verteilt hat und am Ende fragte, ob jeder eins hat, haben Sie einfach "Ja" gelogen. Im übrigen sind die Flügel-Extreme nur Folgen von anderen Extremen. Leider ist die Masse nichmal im Stande - Sie eingeschlossen, Herzlichen Glühstrumpf dazu - die Extreme der sogenannten "Mitte" als solche zu erkennen!
P.Delalande 30.12.2014
3.
Hat Herr Fleischhauer die Feiertage also nicht so gut überstanden, oder was soll dieser Kommentar dem Leser nun eigentlich mitteilen? Dass der Unsinn der ersten Rede eigentlich von nur von Pegida-Protagonisten oder anderen rechtsradikalen kommen kann, ist doch zu offensichtlich und was nun die Abänderung des FAZ-Kommentars soll, wissen wohl Herr Fleischhauer und sein Geisteskumpel selbst Tichy nicht wirklich.
franz.v.trotta 30.12.2014
4. Perfekt
Zitat von Nr43587Wieder sehr gut herausgearbeitet von Fleischauer. Die Populisten/Extremisten sind auf dem Vormarsch und dabei sind sich links und rechts einig in der Verachtung der Mitte/Ablehnung des Systems. Vorschlag: Listenwahlsystem abschaffen. Nur noch Direktmandate. Und der Grundsatz Mehrheit ist Mehrheit. Damit wären AfD, FDP, Grüne (bis auf ein Mandat) und Linke weitgehend erledigt. Die Union hätte eine stabile Mehrheit und die Spezialdemokraten könnten das soziale Korrektiv geben.
Sinnvoll wäre es sicher, auch die SPD zu eliminieren. Dann wär' sie wieder da, die gute alte Zeit.
kalle blomquist 30.12.2014
5. Lechts und rinks
Die Extreme berühren sich, das ist klar. In Frankreich ist Madame Le Pen unterwegs mit einem bei den Linken abgeschriebenen Programm, gegen die multinationalen Konzerne, die Finanzmafia, den neoliberalen Kapitalismus, die Amerikaner, Israel, kurzum: das ganze linke Ressentiment-Arsenal. Die linksliberalen Medien hyperventilieren vor Wut, können aber nicht recht erklären, was an diesen Le Pen-Tiraden so falsch sein soll, da man solchen Argumenten in den üblichen linkskritischen Belehrungssendungen ja bislang beifälligst breiten Raum eingeräumt hatte.
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