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Schwarzers Brief im Wortlaut: "Man weiß nicht, ob man weinen oder lachen soll"

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Feministin Schwarzer: "Mit Bedauern und besten Grüßen"

Sehr geehrte Frau Ministerin!

Sie sind jetzt seit fast einem Jahr im Amt. Seither warte nicht nur ich auf Taten und Zeichen von Ihnen, die die Lage der Familien verbessern und die Gleichberechtigung der Frauen weiter bringen könnten. Zeichen, wie wir sie von Ihrer couragierten Vorgängerin gewohnt waren. Wir warteten bisher allerdings vergebens. Die einzig aufregende Nachricht aus Ihrem Amt war Ihr Namenswechsel von Köhler auf Schröder - was mich persönlich, ehrlich gesagt, bis heute verwirrt.

Dafür haben Sie nun dem SPIEGEL ein aufschlussreiches Interview gegeben. Ein Interview, bei dem man nicht so recht weiß, ob man nun weinen oder lachen soll. Eines jedenfalls ist spätestens jetzt klar: Was immer die Motive der Kanzlerin gewesen sein mögen, ausgerechnet Sie zur Frauen- und Familienministerin zu ernennen - die Kompetenz und Empathie für Frauen kann es nicht gewesen sein.

Mit Ihrem übereifrigen Engagement für Männer - statt Frauen - gehen Sie selbst den beiden SPIEGEL-Interviewern zu weit. Die machen Sie im Gespräch mehrfach ironisch darauf aufmerksam, dass Sie "doch Frauen- und nicht Männerministerin" seien und von 185 Dax-Vorständen noch immer 181 männlich. Doch das kann Sie nicht bremsen.

Als erstes nehmen Sie sich den "frühen Feminismus" vor. Da haben Sie als Jahrgang 1977 zwar die Gnade der späten Geburt, aber nicht das Recht, Stammtisch-Parolen zu reproduzieren. Stammtisch-Parolen aus den 1970er Jahren wohlgemerkt. Denn die Stammtische 2010 sind längst weiter, viel weiter als Sie.

Der "frühe Feminismus" habe "übersehen, dass Partnerschaft und Kinder Glück spenden", für ihn sei die Homosexualität "die Lösung der Benachteiligung der Frau" gewesen, behaupten Sie. Frau Ministerin, ein so billiges Klischee wagen Sie doch nicht allen Ernstes über die folgenreichste soziale Bewegung des 20. Jahrhunderts zu verbreiten? Eine Bewegung, der Sie unter anderem Ihre ganz persönliche Karriere zu verdanken haben. Und die Anstöße gab für eine Welt, in der Frauen endlich davon ausgehen dürfen, dass sie alles können, was Männer können - und umgekehrt (Stichwort Vaterschaftsurlaub). Eine Welt, in der die von Ihnen so wohlfeil im Munde geführte "Partnerschaft" nicht mehr länger reine Theorie sein muss, sondern echte Chancen hat. Weil nur Gleiche Partner sein können.

Sodann bürsten Sie mich ab, klar. Sie hätten zwar "viel gelesen" von mir, aber… Mit Verlaub: Ich kann mir das kaum vorstellen. Sonst würden Sie nicht einen so hanebüchenen Unsinn behaupten wie den: Ich hätte geschrieben, "dass der heterosexuelle Geschlechtsverkehr kaum möglich sei ohne die Unterwerfung der Frau".

Ich vermute, Sie rekurrieren damit auf den 1975 (!) erschienenen "Kleinen Unterschied". Darin wird in der Tat die Funktion von Sexualität und Liebe bei der (Selbst)Unterdrückung von Frauen analysiert. Das ist weltweit ein zentrales feministisches Thema. Denn noch immer verstehen manche Frauen unter Liebe vor allem Selbstaufgabe, und ist Sexualität noch viel zu oft mit Gewalt verbunden.

Aber das war, wie gesagt, 1975, zwei Jahre vor Ihrer Geburt. Seither habe ich schon noch dies und das veröffentlicht. Inzwischen schreiben wir nämlich das Jahr 2010. Doch auch dazu reproduzieren Sie nichts als Klischees.

Zum Beispiel das Klischee, die Überzahl weiblicher Erzieher und Lehrer sei schuld an der Misere der "armen Jungen". Denen wollen Sie sich jetzt mit Ihrem Ministerium vorrangig widmen. Sie gehen dabei so weit, feministischen Pädagoginnen zu unterstellen, sie würden "Jungs bewusst vernachlässigen", was "unmoralisch" sei. Es ist diese Unterstellung, Frau Schröder, bei diesen Frauen, die einen sehr harten, sehr engagierten Job machen, die unmoralisch ist!

Ja, es stimmt, dass wir es mit einer rasanten "Feminisierung" der pädagogischen Berufe zu tun haben. Aber warum? Weil die Männer einfach nicht mehr Kindergärtner oder Lehrer sein wollen! Zu schlecht bezahlt und gesellschaftlich nicht anerkannt. Das ist das Problem.

Nein, es stimmt nicht, dass die Überrepräsentanz weiblicher Pädagogen schuld ist an den Problemen der Jungen. Dafür gibt es, wie Sie als Ministerin wissen sollten, null wissenschaftliche Beweise. "Schuld" ist eher ein verunsichertes Verständnis von "Männlichkeit", eine Männerrolle, bei der es als uncool gilt, zu lernen, und als cool, zu pöbeln - und Pornos zu konsumieren.

"Schuld" ist auch der Zuzug von Menschen aus Kulturen nach Deutschland, die eben leider nicht durch den Feminismus gegangen sind, wie die ex-sozialistischen Militärdiktaturen Osteuropas oder die muslimischen Länder. Deren Söhne geraten nun mit ihrem vormodernen, archaischen Männlichkeitsbild in unsere moderne Welt. Da liegt in der Tat reichlich Konfliktstoff und vieles im Argen.

Es ließe sich noch vieles sagen, Frau Schröder. Aber, darf ich offen sein? Ich halte Sie für einen hoffnungslosen Fall. Schlicht ungeeignet. Zumindest für diesen Posten. Vielleicht sollten Sie Presse-Sprecherin der neuen, alten so medienwirksam agierenden, rechtskonservativen Männerbünde und ihrer Sympathisanten werden.

Mit Bedauern und besten Grüßen

Alice Schwarzer (eine von vielen frühen Feministinnen)

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 77 Beiträge
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1. Titellos glücklich!
kjartan75 08.11.2010
Zitat von sysophttp://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,727976,00.html
Ich würde mal sagen, dass wir aus Effizienzgründen, den gesamten Kommentarverlauf von dem Schröder-Interview-Forum hierher kopieren und dann hat sich jeder viel Arbeit und Zeit gespart. ;))
2. ----
taiga, 08.11.2010
Zitat von sysophttp://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,727976,00.html
Diese Penthesilia ist die Rache der 68er. Zu ihrem Punkt »Erzieherinnen« vs. »Erzieher«: Erzieher in Kitas geht GAR NICHT, da sie unter dem Generalverdacht stehen, im geringsten Fall Kinder zu betatschen oder schlimmeres.
3. nö, kein Titel
geishapunk, 08.11.2010
Zitat von kjartan75Ich würde mal sagen, dass wir aus Effizienzgründen, den gesamten Kommentarverlauf von dem Schröder-Interview-Forum hierher kopieren und dann hat sich jeder viel Arbeit und Zeit gespart. ;))
Word! ;-)
4. Zwei Ebenen
Brand-Redner 08.11.2010
Das Problem, um das es hier geht, hat zwei Ebenen: Zunächst die wahrlich notorische Inkompetenz dieser Familienministerin ohne Familie oder einschlägige Ideen. Hierzu kann ich nur sagen: Nichts Neues, Frau Schwarzer! Das war mir relativ frühzeitig klar! Zum anderen nutzt A. Schwarzer die günstige Gelegenheit, ihr feministisches Gesamktkonzept zu rekapitulieren. Warum nicht?! Nur sollte sie achtgeben, dass sich dabei nicht allzu viele Peinlichkeiten einschleichen. Kostprobe: ---Zitat--- "Schuld" ist auch der Zuzug von Menschen aus Kulturen nach Deutschland, die eben leider nicht durch den Feminismus gegangen sind, wie die ex-sozialistischen Militärdiktaturen Osteuropas oder die muslimischen Länder. ---Zitatende--- Vielleicht bin ich begriffsstutzig, aber mir will beim besten Willen nicht einfallen, welche *Militärdiktaturen* sie meint: Am Ende gar die DDR? Mit Verlaub, Frau Schwarzer, die war in Sachen Gleichberechtigung ein ganzes Stück weiter, als sie sich damals erst träumen ließen...
5. Kann sich jemand mit dem hahnebüchenden Unsinn von Frau Schwarzer identifizieren?
bauagent 08.11.2010
In unserer arbeitsteiligen Wissenschaft ist das ja so eine Sache. Da kommen Biologen nicht vom Fleck, weil sie geifernd fakultätsübergreifende Themen aus Physik und Philosophie ablehnen; natürlich auch umgekehrt. Nun wird die Bewegung der Feministinnen gerne von Frau Schwarzer in die Flanke der Wissenschaft gestellt, um ihre kruden Thesen der " Befreiung " jedem der es will oder auch nicht, aufzudrängen. Hat die Zeit der letzten 30 Jahre zwar gezeigt, dass diese Bewegungen mittlerweile einen völlig, leider vor allem monetären Selbstzweck dienen, so ist dennoch heute davon auszugehen, dass dieser "Wirtschaftfaktor" zu Lasten derer, die diese Gesellschaft noch einigermaßen tragen nur noch erduldet wird. Da geht es längst nicht mehr um Gleichberechtigung, wie wir es in den 70igern verstanden. Heute geht es um Budgets in der EU zur Realisierung des Gender mainstreaming, um Buchauflagen und Zeitschriftenverkäufe. Es geht auch um die Anerkennung von Gleichgeschlechtlichkeit und eben nicht Gleichberechtigung, die in vielen Bereichen bereits erreicht ist. In einer Gesellschaft die sich Frau Schwarzer vorstellt, ist die Natur der Dinge abgeschaltet. Dass Frauen heute durch Dreifachbelastung in Haushalt, Beruf und Nachwuchs völlig überfordert sind stört sie nicht. In ihrem behandlungsbedürftigen Hass gegen alles was mit Sexualität zu tun hat, treibt sie eine ganze Generation von Frauen in eine falsch verstandene Freiheit und damit in ein wenig glückliches Dasein. Die daraus gewollte Gleichgeschlechtlichkeit führt zu dem was wir heute bereits ansatzweise sehen: Zerstörung von langfristigen Partnerschaften zugunsten des " schnellen Kicks ", explosionsartige Zunahme von psychischen Krankheiten auch bei den Kindern, Verunsicherung beider Geschlechter unter Zerstörung einer erfüllenden Lebensplatform, die selbstverständlich auch homosexuell sein kann. Das vorläufige Ergebnis sind Konsumroboter mit geringster Neigung auf Nachwuchs und Kinder, die jetzt bereits nach 1 Jahr in Kitas abgeschoben werden sollen, damit die Industrie ausreichend Faktor Arbeit zur Verfügung hat. Verehrte Frau Schwarzer für ihr Sexualproblem kann keiner was. Verschonen sie bitte insofern die anderen BürgerInnen ( so wird s nach gender main ja jetzt geschrieben? )mit ihrem ganz persönlich Sexualproblem.
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Zur Person
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Alice Schwarzer, 1942 in Wuppertal geboren, gilt als bekannteste und auch umstrittenste Vertreterin der Frauenbewegung in Deutschland. Aufsehen erregte sie 1971 mit ihrer Initiative "Ich habe abgetrieben" im "Stern". Sie ist die Gründerin und Herausgeberin der Frauenzeitschrift "Emma" und lebt in Köln. Mehr auf der Themenseite...


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