Schwedt an der Oder Eine Stadt schrumpft sich gesund

Mit dem Abbruch ganzer Plattenbau-Viertel will Schwedt an der Oder seine Zukunft sichern. Doch die Strategie des kontrollierten Schrumpfens, die als Vorbild für viele deutsche Städte gilt, kuriert nur Symptome. Die Probleme bleiben.

Von Moritz Küpper, Schwedt/Oder


Schwedt an der Oder - Einzig zwei kleine Löcher sind auf der grünen Platte noch zu erkennen. "Hier stand mein Elternhaus", sagt Ramona Grünke. "Ich habe es eigenhändig abgerissen." Die kleine, eher schmächtige Frau steht vor einem Glaskasten, der oben offen ist. Zentimeterkleine, weiße Häuser stehen darin, auch Straßen sind originalgetreu modelliert: Schwedt im Maßstab 1:1000. Am Stadtrand franst das Papier aus, unzählige Löcher markieren die Entwicklung. "Ich muss das Modell ständig aktualisieren", erklärt die 41-jährige Frau. Die Häuschen rauszurupfen, sei jedes Mal ein "komisches Gefühl".

Bereits viermal hat Grünke den Abriss am eigenen Leib erfahren: Zwei ihrer ehemaligen Wohnungen, ihr Elternhaus und ihre Grundschule stehen nicht mehr, die Eltern mussten deswegen umziehen. Es ist diese Vergangenheit, die Grünke für die Stadt Schwedt so wertvoll macht. Ihre Aufgabe als Leiterin des Stadtteilbüros "Am Waldrand" ist es, den Menschen zu vermitteln, dass ihre Heimat abgerissen wird.

Seit 1997 wird die 36.000-Einwohner-Stadt Schwedt systematisch geschrumpft - ein bundesweit einmaliger Vorgang. Weil die Menschen die Industriestadt im äußersten Norden Brandenburgs verlassen und die Bevölkerungszahl seit der Wende um ein Drittel zurückgegangen ist, musste die Stadtführung reagieren. Sie beschloss, ganze Viertel einzustampfen, um die Stadt vor der Verwahrlosung zu bewahren. Jetzt schrumpft Schwedt von außen nach innen: Knapp 5000 Wohnungen sind bereits verschwunden, mehrere tausend Menschen wurden umgesiedelt. Auf der Straße trifft man fast nur Menschen, die in den letzten Jahren ihre Wohnung wechselten.

Schwedt ist Vorbild

Wegen der kompromisslosen, mutigen Vorgehensweise ist Schwedt zum Vorbild geworden. Das Bundesbauministerium hat sich informiert, das amerikanische Magazin "Newsweek" hat der Stadt eine Geschichte gewidmet. Eine japanische Delegation war bereits da, im Oktober kommt eine weitere. Auch westdeutsche Städte interessieren sich für das Konzept. Bürgermeister Jürgen Polzehl wurde als Redner auf einen Kongress in Münster eingeladen. Nach seinen Ausführungen kamen Kollegen aus dem Ruhrgebiet auf ihn zu, die ähnliche Probleme haben. "Aber die meisten haben Angst, es der Bevölkerung zu sagen", sagt der 53-Jährige.

Polzehl steht in seinem Büro im Rathaus und zeigt eine Folie. Weil kein Monitor da ist, schiebt er schnell ein weißes Papier darunter. Dunkelgrüne Balken erscheinen, eine rote Linie schlängelt sich darüber. Das Diagramm beginnt 1992. 52.000 Menschen wohnten damals in Schwedt - und gut ein Prozent der Wohnungen standen leer. "1997 kam die Einsicht, dass es so nicht weitergehen konnte", erklärt Polzehl. Auf der Folie werden die dunkelgrünen Balken immer größer. Sie zeigen bis zu 15 Prozent Leerstand. Auch die rote Linie steigt an, sie zeigt den Trend. Es sieht schlimm aus. Doch Polzehls Finger fährt weiter und ab 2003 auch wieder nach unten. "Das Dramatische haben wir hinter uns", sagt er, "der Sockel ist weg, jetzt müssen wir uns der demographischen Entwicklung anpassen."

Seit neun Monaten ist Polzehl im Amt, die Umbaupläne hat er von Anfang an begleitet, erst als Wirtschaftförderer, dann als Beigeordneter. Der gelernte Verfahrenstechniker hat ein ruhiges Gemüt, doch wenn es um Schwedt geht, macht er kaum eine Pause.

Er redet von der "Kunst des Schrumpfens". Er holt ein großes Luftbild von Schwedt. Es nimmt fast den ganzen Tisch ein. Dann zeigt er auf die ausgelöschten Wohnungsquartiere. Insgesamt werden wohl in der ersten Phase 6000 Wohnungen abgerissen werden. Doch dabei soll es nicht bleiben. Die Einwohnerzahl sinkt weiter. "Mittlerweile haben wir eine Hochrechnung, die uns zeigen soll, wie viele Wohnungen noch abgerissen werden müssen", sagt Polzehl. Bei 30.000 Einwohnern soll sich die Bevölkerungszahl einpendeln. Polzehl spricht von "Schwedt 2015" und sagt, dass ab 2008 wohl wieder Wohnungen abgerissen werden müssen.

Kampf um Einwohner und Arbeitsplätze

Für sein Handeln bekommt Polzehl Zustimmung, denn der Abriss ist alternativlos. "Baupolitisch war es der richtige Weg", sagt Eckehard Tattermusch, "aber es löst die Probleme auch nicht." Der 68-Jährige kam 1963 nach Schwedt, von 1966 bis 1990 war er offizieller Stadtarchitekt. Unter seiner Ägide wuchs die Stadt. Der Niedergang schmerzt ihn. Zwei seiner drei Kinder sind bereits weggezogen, auch er würde noch mal weggehen, "aber meine Frau möchte nicht".

Schwedt hat eine Arbeitslosenquote von 24 Prozent. Einer der Arbeitslosen ist Uwe Thiel. Der bullige Mann sitzt in "Klausi's Bierpavillon", nur ein paar hundert Meter hinter der Uckermark Passage, in der sich das Stadtteilbüro befindet. Er kommt für sein Bier extra aus der Innenstadt, der alten Zeiten willen. Vor einigen Jahren war die Kneipe noch der Mittelpunkt eines Viertels, nun liegt auf einer Seite grüne Wiese - und auf einer anderen wird weiter abgerissen. Deutlich sind die Presslufthammer zu hören. "Dahinten habe ich gewohnt", sagt Thiel. Zusammen mit Peter Saternus sitzt er nachmittags in der Kneipe, trinkt Bier und Schnaps.

Thiel ist 45 Jahre alt, Saternus fünf Jahre älter. Beide sind seit Jahren arbeitslos, die Hoffnung auf einen neuen Job ist gering. "Während der DDR war es hier brechend voll, in D-Mark-Zeiten war hier einiges los und seitdem es den Euro gibt, ist keiner mehr da", sagt Thiel, "die Leute haben kein Geld mehr." Sie gehen weg, weil sich ja eh nichts ändert, sagt er, "und wenn ein Unternehmer eine neue Firma aufbauen will, geht er doch lieber direkt nach Polen". Die Grenze ist nur rund drei Kilometer entfernt.

Der Bürgermeister weiß von der ungünstigen geographischen Lage, er kennt die wirtschaftlichen Probleme und den Frust der Bürger. Daher spricht er von "wachsen, schrumpfen, erhalten", wenn er von der Zukunft seiner Stadt redet. So wirksam und einleuchtend dieser Dreiklang klingt, so schwierig ist er. Vor allem das Wirtschaftswachstum und der Erhalt von Kultur- und Freizeiteinrichtungen sind ein Problem. Die Infrastruktur ist auf eine größere Stadt ausgelegt, kürzlich wurde bereits das Kino geschlossen. Um das Theater, das Schwimmbad und die beiden Einkaufszentren zu halten, müssen Menschen aus dem Umland gelockt werden.

Eine wichtige Rolle in dem Umbauprozess spielt das Stadtteilbüro, in dem die Menschen mit Grünke über ihre Situation reden können. Ende der Neunziger kamen hundert Bewohner pro Woche, jetzt kommen noch rund 40 Bürger wöchentlich in dem beigen Backsteinbau vorbei. "Am Anfang wurde in einer Schulhalle das Programm verkündet", berichtet sie, "danach wurden dann Einzelgespräche geführt."

Vor allem Vertrauen und Verlässlichkeit seien in so einer Situation wichtig: "Es muss ein offenes Spiel mit dem Bürger sein", sagt Grünke. Deswegen wurden erst einige Ausweichviertel saniert: Aus Plattenbauten wurden Aufgänge heraus gebrochen, Aufzüge angebracht, Wohnungen saniert und die Häuser mit bunten Farben gestrichen. "Danach wurden sie den Menschen angeboten", sagt Grünke. "natürlich gab es auch Einzelfälle, aber trotz dieses harten Einschnitts ist die grundsätzliche Akzeptanz da."



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