Schweinegrippe Bundesländer wappnen sich für den Ernstfall

Die Schweinegrippe ist nach Einschätzung des Gesundheitsministeriums noch keine direkte Gefahr. Bisher gab es in Deutschland nur Verdachtsfälle, die sich nicht bestätigt haben. Doch die Bundesländer rüsten für den Ernstfall.


Berlin - Seit dem Wochenende wird eifrig konferiert: In direkten Runden, am Telefon oder per Videoschaltung stimmen sich die Vertreter der deutschen Gesundheitsbehörden ab, was zu tun ist, wenn die Schweinegrippe auch Deutschland erreicht. Bisher bestehe keine unmittelbare Gefährdung, versuchte der Sprecher von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), Klaus Vater, am Montag zu beruhigen. Doch auch er weiß: "Es sind nicht alle Fragen gelöst."

Vater meinte damit wohl vor allem die Fragen, die die Wissenschaftler und Mediziner zu lösen haben. Denn darüber hinaus sieht sich die Bundesregierung für einen Ausbruch der Krankheit auch in Deutschland vorbereitet. Derzeit gilt Stufe 3 des sechsstufigen Nationalen Pandemieplans: Ein dichtes nationales und internationales Netzwerk ist damit aktiviert, über das Informationen "bis hin zum einzelnen Arzt" übermittelt werden, wie Schmidts Sprecher berichtete. Bisher gab und gibt es in Deutschland nur einzelne Verdachtsfälle - bestätigt ist die Infektion noch bei keinem Bundesbürger.

Experten gehen jedoch davon aus, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch Deutschland seinen ersten Schweinegrippe-Fall hat, wie ihn zuvor schon Spanien meldete. Als erstes Einfallstor gelten die Flughäfen, vor allem das internationale Drehkreuz Frankfurt am Main: Dort werden aus Mexiko ankommende Passagiere unmittelbar nach der Landung bei Verdachtssymptomen untersucht. Fluggäste, die möglicherweise erkrankt seien, würden noch im Flugzeug von Ärzten des Gesundheitsamtes und der Flughafenklinik untersucht, teilte das Gesundheitsministerium in Wiesbaden am Montag mit. Gegebenenfalls würden sie zur weiteren Untersuchung und Behandlung in die Frankfurter Universitätsklinik gebracht.

Ergebnisse von Tests auf die Krankheit lägen nach sieben Stunden vor. Sollte ein Test positiv sein, erhielten Mitreisende und die Crew umgehend Medikamente, die einen Ausbruch der Krankheit verhindern sollen. Das Ministerium betonte, die Vorräte an antiviralen Medikamenten reichten aus. Hessen habe für rund 20 Prozent der Bevölkerung solche Arzneimittel.

In Nordrhein-Westfalen sollen diese Bestände laut Gesundheitsministerium sogar für rund 30 Prozent der Menschen reichen. Auch hier rief die Behörde die Flughäfen des Landes zu besonderer Wachsamkeit auf. Die Mitarbeiter sollten auf Symptome bei Passagieren achten und sie gegebenenfalls auffordern, einen Arzt aufzusuchen, sagte ein Ministeriumssprecher. "Wichtig ist, dass jeglicher Verdachtsfall sofort ernst genommen wird." Das Flughafenpersonal sei in der Regel so gut geschult, dass es ernsthafte Symptome von einer einfachen Erkältung unterscheiden könne.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

Am Flughafen Düsseldorf warnen seit Montag Plakate vor der Schweinegrippe. Passagiere würden mit Handzetteln auf die Risiken einer Erkrankung hingewiesen, sagte ein Sprecher. Weitere Maßnahmen seien nach Rücksprache mit dem zuständigen Gesundheitsamt zunächst nicht geplant. Am Düsseldorfer Flughafen landen derzeit zweimal, ab Mai noch einmal pro Woche LTU-Maschinen aus Mexiko.

Auch im Südwesten sind Piloten und Flughäfen angewiesen, grippeähnliche Erkrankungen von Reisenden aus den USA oder Mexiko unverzüglich den Gesundheitsämtern zu melden. Flugreisende aus den betreffenden Staaten würden schon beim Abflug über eine drohende Verschleppung der Schweinegrippe informiert, erklärte Baden-Württembergs Gesundheitsministerin Monika Stolz (CDU) in Stuttgart.

Sollten Piloten Erkrankungen melden, würden Flugblätter an alle Passagiere verteilt. Zwar gebe es am Stuttgarter Flughafen keine Direktflüge aus Mexiko, doch gelte das auch für Flüge die indirekt aus Süd oder Nordamerika - etwa über London - kommen, berichtete das Ministerium.

Auch in allen Ankunftsbereichen der Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld achten Mitarbeiter auf Fluggäste mit auffälligen Grippeanzeichen wie hohem Fieber, wie ein Sprecher sagte. Die Gesundheitsbehörden in Berlin bringen derweil die Vorsorgemaßnahmen auf den neuesten Stand. "Ein Krisenstab ist schon am Wochenende aktiviert worden", sagte Regina Kneiding von der Gesundheitssenatsverwaltung am Montag. Derzeit würden Arztpraxen, Krankenhäuser aber auch Betriebe und natürlich der Flughafen mit zusätzlichem Infomaterial im Rahmen des Pandemieplanes versorgt.

Brandenburg sieht sich für einen möglichen Ausbruch der Schweinegrippe gut gerüstet. "Für 20 Prozent der Bevölkerung liegt insbesondere das Grippemittel Tamiflu auf Vorrat", sagte eine Sprecherin des Potsdamer Gesundheitsministeriums. Nach ihren Angaben liegen in Brandenburg 524.000 Einheiten antiviraler Medikamente auf Lager. Die Arzneien seien im Jahr 2005 wegen der damals drohenden Vogelgrippe für rund sechs Millionen Euro angeschafft worden. "Die Medikamente haben eine Haltbarkeit von fünf Jahren und werden ständig vom Hersteller kontrolliert", sagte die Sprecherin.

In Mecklenburg-Vorpommern teilte das Rostocker Landesgesundheitsamt (LAGuS) mit, das Land habe antivirale Medikamente für elf Prozent der Bevölkerung eingelagert. Das sei die Größenordnung, die im Fall einer Pandemie erkranken würde. LAGuS-Direktor Heiko Will sagte am Montag, er rechne in den kommenden Wochen schlimmstenfalls mit Einzelerkrankungen.

In Niedersachsen sind nach Angaben des Sozialministeriums für 11,5 Prozent der Bevölkerung an mehreren geheimen Stellen Grippemittel eingelagert worden, in Hamburg für 11,2 Prozent, genauso viel sind es in Schleswig-Holstein, in Sachsen-Anhalt waren es früheren Angaben zufolge sogar noch weniger.

In Thüringen verwies ein Sprecher des Gesundheitsministeriums auf einen Lagerbestand an Antiviren-Medikamenten in Thüringen in Höhe von rund vier Millionen Euro. Auch Bayerns Gesundheitsministerium teilte mit, es seien ausreichend Medikamente zur Behandlung schwer Erkrankter eingelagert. Die Verteilung sei über Ärzte und Apotheken sichergestellt.

"Wir sind gut aufgestellt", erklärte auch ein Sprecher des Gesundheitsministeriums von Rheinland-Pfalz in Mainz. Auch die Erfahrungen aus einer bundesweiten Übung 2007 gegen eine Grippewelle würden nun helfen. Es gebe "durchdachte Szenarien".

phw/dpa

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