Zahlen aus dem Innenministerium Hasskriminalität gegen Schwule und Lesben nimmt zu

Die Behörden registrieren mehr politisch motivierte Übergriffe gegen Schwule, Lesben und Transsexuelle: Nach SPIEGEL-Informationen stieg die Zahl der homo- und transphoben Straftaten im ersten Halbjahr 2017 deutlich an.

Christopher Street Day in Berlin
REUTERS

Christopher Street Day in Berlin


Straftaten, die sich gegen die sexuelle Orientierung eines Opfers richten, haben nach Angaben des Bundesinnenministeriums erneut zugenommen. Demnach zählte die Bundesregierung im ersten Halbjahr dieses Jahres rund 27 Prozent mehr solcher Straftaten als im ersten Halbjahr 2016.

Die Zahlen gehen aus der Antwort auf eine schriftliche Anfrage des Grünen-Abgeordneten Volker Beck hervor. Sein Büro wollte vom Innenministerium wissen, wie viele homo- und transphob motivierte Straf- und Gewalttaten in den ersten sechs Monaten 2017 erfasst wurden.

Die Zahlen im Detail:

  • Vom 1. Januar bis 28. Juli 2017 seien insgesamt 130 politisch motivierte Straftaten "mit der Nennung des Unterthemas 'Sexuelle Orientierung' gemeldet" worden, heißt es in der Antwort. In vielen Fällen verliefen die Ermittlungen erfolglos: Zu den entsprechenden Taten konnten nach Angaben des Ministeriums 70 Tatverdächtige ermittelt werden.
  • Im selben Zeitraum des Jahres 2016 wurden insgesamt 102 politisch motivierte Straftaten mit einem homo- oder transphobem Hintergrund registriert. Dazu wurden 58 Tatverdächtige festgestellt.
  • Am häufigsten waren Gewaltdelikte (insgesamt 33, darunter Körperverletzung, Raub und Erpressung), Volksverhetzung (25), Propagandadelikte (6), Nötigung und Bedrohung (7), Sachbeschädigungen (5), sowie sonstige, in der Statistik nicht näher definierte Straftaten (54).
  • Der Anstieg vom ersten Halbjahr 2016 im Vergleich zum ersten Halbjahr 2017 beträgt 27,45 Prozent, also etwas mehr als ein Viertel. Schon im Gesamtjahr 2016 hatte Deutschland einen Anstieg dieser Straftaten verzeichnet.

In der Kategorie "Sexuelle Orientierung" erfassen die Behörden Straftaten, die sich konkret gegen die sexuelle Ausrichtung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans- und Intersexuellen richten.

"Homo- und Transphobie muss angegangen werden", sagte Beck dem SPIEGEL. "Unabhängig davon, ob sie islamistisch oder völkisch-national, religiös, politisch oder mackerhaft patriarchal daherkommt und begründet wird."

Mit Blick auf Eheschließungen, die ab Oktober auch für gleichgeschlechtliche Paare möglich sein wird, sagte Beck: "Wir haben jetzt gleiche Rechte, aber keine gleichen Entfaltungsmöglichkeiten. Letzteres setzt die Freiheit von Angst vor Gewalt und Diskriminierung voraus."

Die Zahlen aus dem Innenministerium können nur einen Teil des Gesamtbildes wiedergeben. Die Dunkelziffer ist in diesem Bereich laut Experten hoch, weil viele Opfer Stigmatisierung und Diskriminierung fürchten.

Denkbar ist auch, dass grundsätzlich die Bereitschaft wächst, homo- und transphobe Straftaten anzuzeigen. Hintergründe darüber kann eine Statistik allein nicht liefern. In der Hauptstadt Berlin erreichte die Erfassung von homo- und transfeindlichen Straftaten zuletzt einen neuen Rekord.

amz

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