Schwuler SPD-Landrat in Bayern: Mir san queer

Von , Regen

27 Jahre alt, evangelisch, schwul und auch noch in der SPD: Deutschlands jüngster Landrat ist eine politische Sensation - er regiert mitten im tiefschwarzen Bayerischen Wald. Nun will er seine Heimat in die Moderne führen. Doch die Provinz tut sich schwer mit dem Wandel.

Michael Adam: Deutschlands jüngster Landrat Fotos
DPA

Wenn die Klischees über das tiefe Bayern stimmen, dann steht Michael Adam vor einem schweren Auftritt. Die Katholische Erwachsenenbildung hat zur Jahresversammlung geladen. Der Verein widmet sich der "Vorbereitung auf den Empfang des Ehesakramentes" und organisiert Bibelgespräche. Im Hinterzimmer vom Restaurant am Rathaus sitzen 15 Katholiken, gleich hält jemand den Vortrag "Der Schöpfung verpflichtet". Adam, 27 Jahre alt und offen schwul, kommt herein und sagt laut: "Servus!"

Michael Adam ist Deutschlands jüngster Landrat. Er ist 27 Jahre alt, schwul, evangelisch und auch noch in der SPD. Adam regiert den Landkreis Regen, tief im Bayerischen Wald nahe der tschechischen Grenze, wo vier von fünf Wählern katholisch sind und das Amt des Landrats 51 Jahre fest in der Hand der CSU war - bis Adam kam.

Seit seinem Wahlsieg im November läuft am Rand der Republik eine kleine politische Revolution. Adams Aufstieg erzählt davon, dass die Zeiten vorbei sind, in denen die CSU die Macht im ländlichen Bayern einfach vererbte. Davon, wie sich moderne Politik den Weg in die Provinz bahnt - und welche Hindernisse dabei warten.

Nun sitzt Adam im grauen Anzug, mit Krawatte und akkurat gegelten Haaren, bei den Katholiken und soll ein Grußwort halten. "Was ihr hier macht, ist sehr, sehr wichtig", sagt er. Viermal wird an diesem Abend herzlich gelacht, dreimal davon in den zwei Minuten, in denen Adam spricht. Er lobt den Verein und die Caritas, der Stadtpfarrrer nickt ihm zu. Später, als sich der Vortrag über die Schöpfung in die Länge zieht, tuscheln die beiden minutenlang. Der Bundestagsabgeordnete, natürlich von der CSU, hat abgesagt, der örtliche CSU-Chef ebenfalls. Adam bleibt bis zum Ende.

Ein schwuler Landrat? Ja mei.

Der Auftritt bei den Katholiken ist dem homosexuellen Sozi gelungen. Warum auch nicht, sagt der Vereinschef Sepp Schlecht, Diakon in Adams Heimatort Bodenmais. Anfangs, erzählt Schlecht, hätten manche in der Heimatgemeinde geraunt, Homosexualität sei doch sündiges Verhalten. Schlecht sagte: Ja mei. Und nun seien alle stolz auf den Michi, auf ihren Landrat. So einfach sei das.

Wer Michael Adam in seiner niederbayrischen Heimat begleitet, muss sich von ein paar Klischees verabschieden. Adam hat sich geoutet, als er 19 war. Er ist seit knapp drei Jahren mit einem Altenpfleger zusammen, zum Fasching gingen sie als Asterix und Obelix. Manche nannten ihn plötzlich "Wald-Wowi", in Anspielung auf Berlins schwulen Regierenden Bürgermeister. Adam sagt: "Das Schwulsein hat nie eine Rolle gespielt."

Das hat auch damit zu tun, dass Adam, wie man in der Lokalpolitik so sagt, gut mit Menschen kann. Mit Pfarrer und Diakon. Mit Schülern am Gymnasium Zwiesel sowieso. Beim Fremdsprachentag liest der zweite Bürgermeister der Stadt vom Blatt ab, dass er "die Grüße der Stadt Zwiesel überbringen darf", dann tritt Adam ans Mikrofon, spricht ein paar Brocken Tschechisch und sagt: "Ach, toll hier zu sein!" Applaus. Er redet mit SPD-Rentnern, die aus Franken ins Landratsamt kommen und nach dem Treffen mit Adam schwärmen: "Ihm liegen die Alten wirklich am Herzen." Adam gibt den Menschen das Gefühl, dass sie wichtig sind. "Ich habe ein gewisses Naturtalent", sagt er selbst.

Mit 26 galt er als "Messias"

Im Wahlkampf hat er das ausgespielt. Der CSU-Gegenkandidat ließ sich auf Plakaten mit der Ehefrau abbilden, Adam mit dem Slogan "Mut zur Veränderung". Er investierte mehr als 20.000 Euro aus eigener Tasche in den Wahlkampf, warb auf Facebook, Twitter und abends in den Dorfdiscos, holte Volksmusiksängerin Margot Hellwig nach Regen - zum Freundschaftspreis, wie er sagt. Es war ein Wahlkampf, wie ihn Regen nicht kannte. "Adam hatte regelrechte Fans, er galt schon als Messias", erinnert sich der Redakteur der Lokalzeitung. Der 26-Jährige holte 57 Prozent der Stimmen, gewann in 22 der 24 Gemeinden. "Nur nicht in der Gemeinde meines Gegners", sagt er, "und in der seiner Frau".

Es war eine Neuwahl. Adams Vorgänger, selbstverständlich von der CSU, hatte im August 2011 Selbstmord begangen. Er war spielsüchtig, hatte sich bei Unternehmern Geld geliehen, offenbar im Gegenzug für politische Gefälligkeiten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch wegen Vorteilsgewährung. Es brauchte keinen schwulen Genossen, um das Heile-Welt-Bild der Traditionalisten zu zerkratzen.

Adam will Transparenz in der Provinz verankern

Adam hat die Affäre im Wahlkampf nicht thematisiert, lässt jetzt aber immer wieder durchblicken, dass er alles ganz anders machen will als der Vorgänger. Nun ist der SPD-Mann seit vier Monaten im Amt und ahnt: Das wird nicht so einfach. Er sitzt in seinem Büro, neben dem Marienbild hängt ein Willy-Brandt-Porträt, und versucht ein Wahlversprechen einzulösen. In der großen Politik ist Transparenz angesagt, Adam will sie in der Provinz verankern. Als "gläserner Landrat" will er im Internet seine Einkünfte, Nebenverdienste und Mandate auflisten, hat ein Konzept für die Website geschrieben. Die Mitarbeiter sind skeptisch: Der Geschäftsleiter - schon im Haus, als Adam noch nicht einmal geboren war - findet die Idee gut, warnt aber vor einer Neiddebatte. Adam mahnt: "Weiter bitte, das machen wir."

Der Landrat bleibt freundlich, doch in anderen Momenten bricht seine Ungeduld durch. Dann stöhnt er über Bedenkenträger, Verhinderer und Blockierer. Er will nicht nur sein Amt umkrempeln, sondern am liebsten auch die Mentalität der Bayerwaldler. Die Zeit drängt, sagt er. In der Tat geht es seinem Landkreis für bayerische Verhältnisse nicht besonders gut. Die Geburtenzahlen sind rasant gesunken, im Ort Bayerisch Eisenstein musste die Grundschule dichtmachen. Zuletzt kamen immer weniger Touristen, von Autobahnen und Fernzügen ist der Landkreis abgeschnitten. Adam sagt, viel zu lange hätten die Regener nur geschmollt, wenn die Sportveranstaltungen und Firmen abwanderten. "Das Jammern muss aufhören." Er sagt, er wolle den Landkreis wie ein Unternehmen führen. Links klingt das nicht.

Als Bürgermeister im Heimatort Bodenmais - auch da war er der jüngste Deutschlands - schaffte es Adam, mit einer Marketinggesellschaft wieder mehr Touristen ins Örtchen zu holen, die Verwaltung zu modernisieren, die alten Herren im Gemeinderat für sich zu gewinnen.

Der Landrat will "Großstadtflair" für den Luftkurort

Diese Griffe beherrscht er, als würde er seit Jahrzehnten Politik machen. Gleichzeitig wirkt Adam manchmal wie ein hyperaktiver Junge. In Jeffs Café, auf dem Regener Stadtplatz, trinkt Adam ein Glas Chardonnay zum Döner. Ein paar Meter weiter reißen Bagger das Pflaster auf, der Platz soll schöner werden. Adam ist das nicht genug. Das seien doch nur Schönheitsoperationen. Er zeigt auf die Läden am Platz. Einzelhandel im Stadtkern, das sei doch nicht mehr zeitgemäß, da brauche man Gastronomie. Dann bringt Jeff eine Runde Jägermeister, Adam sagt "Bella Donna!" und kippt den Kräuterschnaps runter.

Der Jeff, der macht das natürlich genau richtig. Der hat richtig Geld in die Hand genommen, aus einem Dönerladen eine Bar gemacht, vorne dreht der Dönerspieß, hinten stehen Espressomaschine und Jägermeister-Zapfanlage. Der hat sogar Tische rausgestellt, ganz dicht an die Straße, genau das braucht Regen doch. So stellt sich Adam das vor. Er sagt: "Wir brauchen Großstadtflair."

In diesen Momenten ahnt man, dass der 12.000-Einwohner-Luftkurort ihm zu klein werden könnte. Mit seinem politischen Talent und Tatendrang scheint Adam ohnehin zu Höherem berufen. 2013 will die Bayern-SPD endlich die CSU ablösen, die Chancen stehen gut wie nie, Politik-Sensationen wie Adam könnte dabei helfen, die Bundestagswahl steht auch an.

Adam sagt, einem Ruf nach München würde er nicht folgen. "Als Abgeordneter oder Minister kann ich doch nichts selbst entscheiden", sagt er. Er will seine Heimat umbauen, sechs Jahre Landrat bleiben, sich 2017 zur Wiederwahl stellen. Doch auch aus Bodenmais ging Adam, als das höhere Amt Landrat frei wurde. 2017 wäre er 33 Jahre alt. In der Politik ist das ein gutes Alter für den Sprung aus der Provinz.

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1. Ob das wohl ein "Gemetzel"
friedenspfeife 13.04.2012
Zitat von sysop27 Jahre alt, evangelisch, schwul und auch noch in der SPD: Deutschlands jüngster Landrat ist eine politische Sensation - er regiert mitten im tiefschwarzen Bayerischen Wald. Nun will er seine Heimat in die Moderne führen. Doch die Provinz tut sich schwer mit dem Wandel. Schwuler SPD-Landrat in Bayern: Mir san queer - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,825796,00.html)
gibt, wenn die tiefschwarzen Bayern erstmal anfangen auf ihn draufzuhauen? Bin mal gespannt.
2.
eduardschulz 13.04.2012
Zitat von sysop27 Jahre alt, evangelisch, schwul und auch noch in der SPD: Deutschlands jüngster Landrat ist eine politische Sensation - er regiert mitten im tiefschwarzen Bayerischen Wald. Nun will er seine Heimat in die Moderne führen. Doch die Provinz tut sich schwer mit dem Wandel. Schwuler SPD-Landrat in Bayern: Mir san queer - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,825796,00.html)
Jetzt frag ich mich abschließend, warum man die Region - gar nicht so sehr versteckt im Artikel - als hinterwälderisch betrachtet, wenn das Wahlvolk so wie geschehen abgestimmt hat.
3.
eduardschulz 13.04.2012
Zitat von friedenspfeifegibt, wenn die tiefschwarzen Bayern erstmal anfangen auf ihn draufzuhauen? Bin mal gespannt.
Die "tiefschwarzen" Bayern haben ihn gewählt. Warum sollten sie jetzt anfangen auf ihn draufzuhauen? Weil er der SPD angehört? Wussten sie vorher. Weil er schwul ist? Wussten sie vorher? Weil er evangelisch ist? Auch das war bekannt. Wenn er jetzt aber Mist baut und die Hoffnungen, die er geweckt hat, nicht bedient, dann wird er abgestraft werden. Aber das, werter Forist, hat nichts mit dem "tiefschwarzen" Bayern zu tun, das geht jedem Mandatsträger in D so.
4.
glen13 13.04.2012
Zitat von sysop27 Jahre alt, evangelisch, schwul und auch noch in der SPD: Deutschlands jüngster Landrat ist eine politische Sensation - er regiert mitten im tiefschwarzen Bayerischen Wald. Schwuler SPD-Landrat in Bayern: Mir san queer - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,825796,00.html)
Meine Güte, was sagt das über Bayern, wenn das immer noch eine Sensation ist? Hat Amnesty International da eine Filiale?
5. Leider nicht so wie es scheint.
basti313 13.04.2012
Zitat von eduardschulzJetzt frag ich mich abschließend, warum man die Region - gar nicht so sehr versteckt im Artikel - als hinterwälderisch betrachtet, wenn das Wahlvolk so wie geschehen abgestimmt hat.
Leider hat das "Wahlvolk" eben nicht besonders "modern" oder "fortschritlich" abgestimmt (auch wenn es heute nun wahrlich nichts relevantes mehr ist wenn jemand schwul ist). Nach dem Katastrophen-Landrat von der CSU war klar, dass ein politischer Wechsel kommt und gemessen am blassen Auftreten des CSU Kandidaten war die Zahl der Stimmen für den Adam eher kläglich. Diese ganze Geschichte ist in meinen Augen nichts anderes als ein Armutszeugnis für die deutsche Parteienlandschaft. Nach nem Partybürgermeister in Berlin hat man nun einen Partylandrat ohne Qualifikation, Erfahrung und Programm, dessen Wahlkampf nur aus Party und "ich mach alles anders" bestand. Dazu noch das Verhalten des Vorgängers...
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