Scientology auf Anhängerfang "Du siehst so intelligent aus"

Scientologys neue Dependance in Berlin verfolgt eine auffallend aggressive Anwerbe-Strategie. Selbst Schüler werden mit schlichten Sprüchen auf der Straße abgefangen - binnen einer Minute geht es zum Seelenstrip.

Von und Onca Turan


Berlin - "Denken Sie oft über den Sinn des Lebens nach?" ist so ein Spruch. Oder weniger gewichtig: "Wisst ihr eigentlich, was das hier für ein Gebäude ist?" Mit solchen und ähnlichen Worten kommen akkurat frisierte Männer in schwarzen Anzügen auf jeden zu, der an der Berliner Haltestelle Otto-Suhr-Allee/Leibnizstraße auf den Bus wartet.

Scientology-Dependance in Berlin: "Für alle, die mehr wissen wollen – finden Sie es selbst heraus"
DDP

Scientology-Dependance in Berlin: "Für alle, die mehr wissen wollen – finden Sie es selbst heraus"

Die Station liegt direkt vor dem Eingang des neuen Scientology-Domizils. Ob der stockgestützte Rentner, die junge Muslima mit Kinderwagen oder der schlendernde Student: Die hartnäckigen Lockvögel der Sekte machen vor fast niemandem Halt. Nachbarn, Eltern und Lehrer berichten, dass in den vergangenen Tagen selbst Schüler von eifrigen Scientologen angesprochen wurden.

Ehe man sich versieht, hat man einen blassblauen Flyer in der Hand, auf dem die selbsternannte Kirche zum "Tag der offenen Tür" einlädt: "Für alle, die mehr wissen wollen – finden Sie es selbst heraus."

Am Wochenende hat die Organisation ihre Dependance im Westberliner Bezirk Charlottenburg eröffnet. Nun gilt es, möglichst viele Hauptstädter für sich zu gewinnen. Kaum ein Passant geht an der blitzenden Glasfassade vorbei, ohne einen Blick in die Auslagen zu riskieren, die mit warm beleuchteten Lehrpostern und Werbeartikeln dekoriert sind. Über der Drehtür glänzt das schnittige Logo aus Edelstahl. Transparent soll das Haus wirken, modern, jung und offen für alle.

"Wie helfen jedem, der Hilfe braucht"

Scientology setzt auf eine aggressive Anwerbe-Strategie und hat sich einen Standort mit viel Laufpublikum ausgesucht. Der benachbarte Ernst-Reuter-Platz ist von Bürohäusern umringt, in der Nähe sind Theaterhäuser, eine Universität, mehrere Schulen. Linienbusse spülen im Zehn-Minuten-Takt potentielle Anhänger an. Eine Anwohnerin erzählt empört, dass ihr 15-jähriger Sohn vor ein paar Tagen aus dem Bus gestiegen sei, "der wurde sofort am Arm gepackt und ausgequetscht".

Ohne Vorwarnung habe der Scientologe losgelegt: "Du siehst so intelligent aus!" Ob der junge Mann nicht vielleicht einen Begabungstest machen, gar meditieren wolle? Als der Junge verneint, wird der Frager persönlich: Stress in der Schule, in der Familie, mit der Freundin? "Scientology ist bei dir, wenn du Hilfe brauchst", gibt der nette Mensch mit auf den Weg. Das und eine Broschüre.

Bei einigen scheint die Masche zu funktionieren: Hin und wieder lässt sich ein Passant ins Gebäude führen. An einem gewöhnlichen Vormittag findet sich immerhin ein gutes Dutzend Menschen in der Lounge des Gebäudes ein und studiert die bunten Lehrtafeln. Auf riesigen Flatscreens laufen weichgezeichnete Info-Spots über "Wege zum Glücklichsein", unterlegt mit plätschernder Verkaufsfernsehen-Musik.

Die Gefahr, inmitten all der Broschürenstapel, Sinnsprüche und Info-DVDs (auch auf Farsi erhältlich) die Orientierung zu verlieren, ist gering: Schon nach wenigen Sekunden wird der Besucher zu einem der Bildschirme geleitet und darf sich auf der orangefarbenen Couch niederlassen. Sogar das Bedienen des "Play"-Knopfs übernimmt dann ein Scientologe. Es folgt ein leicht verständlicher Abriss über die Scientology-Pseudolehre der "Dianetik". Bilder von angelnden Kindern, einer lachenden Großfamilie und einem Mädchen, das in Zeitlupe über eine Blumenwiese hüpft, werden garniert mit hauseigenen Leitsprüchen. Am Ende steht der Aufruf, an einer Scientology-Session teilzunehmen.

Nach einer Minute zum Seelenstrip

Wer eine Frage stellt, wird die Scientologen nicht mehr los. Was das seltsame Gerät da in der Ecke soll, das einer Küchenwaage mit zwei Metallröhren ähnelt, fragt ein Elektrotechnik-Student. Prompt soll er den sogenannten "E-Meter" testen, das berüchtigte Elektroden-Gerät, das angeblich "Bereiche seelischer Belastung" ausfindig machen kann.

Zaghaft umschließt der Student mit seinen Händen die Metallröhren. Seine mentale Energie scheint überbordend – der Zeiger schnellt bis zum Anschlag und bewegt sich nicht mehr von der Stelle. Der Mitarbeiter dreht irritiert an einem Rädchen herum und fordert den Studenten auf, sich an ein einschneidendes Erlebnis aus der Vergangenheit zu erinnern. Nichts passiert. Der Mitarbeiter untersucht die Hände des Studenten, etwas Fahrradschmiere klebt daran. "Das kann die Messung natürlich beeinflussen", sagt der Angestellte ernsthaft.

Dann will ein junges Mädchen wissen, was genau Scientology ist – Kirche, Religion, Sekte? Unwirsch sagt der Mitarbeiter, er könne das jetzt nicht beantworten, denn er sei gerade "in einem Zyklus". Damit meint er die Untersuchung des Studenten.

Als eine andere Frau an den E-Meter tritt, um ihr Innerstes ausloten zu lassen, übernimmt Kirsten Austinat, die Leiterin des Berliner Scientology-Zentrums, das Ruder. "Ihr Gemütszustand schwingt, das ist ein gutes Zeichen!", sagt sie euphorisch. Ein kurzes Zucken des Zeigers wertet sie jedoch als tiefes Problembekenntnis. Es folgen ein sorgenvoller Blick und die Frage, wo es denn zurzeit nicht so gut läuft.

Bis zum versuchten Seelenstrip samt Scientology-Anwerbung ist nur eine Minute vergangen.

Frischer Kaffee zum Persönlichkeitstest

Eine Sitzgruppe weiter buhlt ein Kollege um das Interesse einer Zehntklässlerin, die schüchtern in den Broschüren blättert. Mit einem Vertreterlächeln geht der Mann auf sie zu und legt los: Warum sie hier sei und was sie denn schon "über Scientology gelesen habe"? Wie alt, welche Schule, Hobbys, Berufswunsch – alles wird in Rekordzeit abgehakt.

Dann klemmt er sich das Mädchen unter den Arm und zeigt ihr den Raum für "Tests und Einschreibungen", in dem frischer Kaffee und ein rosa Persönlichkeits-Fragebogen mit schlappen 200 Ankreuzkästchen wartet: "Sind Sie ein langsamer Esser? Verhalten Sie sich oft impulsiv? Bekommen Sie manchmal ein Zucken in den Muskeln, auch wenn es keinen ersichtlichen Grund dafür gibt?"

Draußen akquiriert ein Angestellter neue Interessenten, fängt unermüdlich jeden Fußgänger ab. Viele bleiben stehen und lassen sich auf einen Plausch ein. Der Inforaum ist in den folgenden Stunden niemals menschenleer.



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