Scientology Sechsstöckige Sekten-Dependance in Berlin

Die Berliner Behörden erfuhren es erst aus der Presse: In Berlin will die Sekte Scientology am Wochenende eine sechsstöckige Zweigstelle eröffnen. Experten fürchten ein Schaltzentrum, mit dem Einfluss auf Politik und Kultur genommen werden soll.

Von


Berlin - In der Adventszeit hatten sie ein gelbes Zelt vor dem Berliner Hauptbahnhof aufgeschlagen, drinnen brannten Kerzen. Und bei der Fußball-WM boten auf dem Alexanderplatz Leute in T-Shirts mit der Aufschrift "Ehrenamtliche-Scientology-Geistliche" mit Massage-Angeboten auf Anhängerfang, berichtete die "Welt". Versuche, die Aktionen der umstrittenen Organisation zu verbieten, scheiterten vor Gericht.

Scientology-Haus in Berlin: "Scientology hat relativ erfolglos versucht, Fuß zu fassen"
DPA

Scientology-Haus in Berlin: "Scientology hat relativ erfolglos versucht, Fuß zu fassen"

Statt eines Zelts erregt jetzt ein sechsstöckiges Haus Aufsehen: In der Otto-Suhr-Allee in Berlin-Charlottenburg hat Scientology ein Riesengebäude bezogen - 4.000 Quadratmeter groß. In großen Buchstaben prangt seit Samstag der Namenszug "Scientology Kirche" über dem Eingang. Am nächsten Wochenende soll die Scientology-Dependance in der Hauptstadt eröffnet werden - tausende Gäste werden erwartet. Im Vorfeld hat die Sekte bereits ausgiebig mit Flyern für sich geworben. Man müsse achtsam bleiben, aber die meisten Einwohner stünden den Aktionen gelassen gegenüber, "nur einige wenige fühlen sich gestört oder bedrängt", sagt die Fachfrau für Sekten der Berliner Senatsverwaltung, Reingard Stein, zu SPIEGEL ONLINE.

Eine neue Schaltzentrale, von der die Berliner Behörden nach eigenen Angaben erst durch Medienberichte erfahren haben. "Wenn einer Behörde von Gesetzes wegen untersagt ist, eine Organisation zu beobachten und Daten über sie zu sammeln, dann erhält die Behörde ihre Informationen naturgemäß aus den Medien - wie jeder andere auch", sagt der Berliner Innensenator Ehrhart Körting zu SPIEGEL ONLINE. Körting sieht keinen Handlungsbedarf. "Das ist eine Sekte und hat nichts mit den originären Aufgaben des Verfassungsschutzes zu tun."

Denn anders als in anderen Bundesländern wie Bayern, Hamburg oder Baden-Württemberg, wird die Organisation - die stets betont, dass sie in Gerichtsurteilen als Religionsgemeinschaft anerkannt worden sei - in Berlin nicht vom Verfassungsschutz beobachtet. Auch der Bund vertritt eine andere Auffassung zu Scientology als das Land Berlin: Das Bundesinnenministerium hat festgestellt, es lägen Anhaltspunkte vor, dass Scientology Bestrebungen verfolge, die gegen die "freiheitlich demokratische Grundordnung gerichtet" seien - so steht es im Verfassungsschutzbericht von 2005. Das Bundesinnenministerium glaubt weiter, dass Scientology die Menschenwürde sowie wesentliche Grund- und Menschenrechte außer Kraft setzen oder beschränken wolle. Ein Beispiel: "Alle Kritiker oder Gegner ihrer Ideologie würden als kriminell oder krank diffamiert", heißt es dort.

Keine Gefahr für den "demokratischen Rechtsstaat"

In Berlin ist die Lage anders: Laut einer Entscheidung des Berliner Verwaltungsgerichts aus dem Jahre 2003 darf das Landesamt für Verfassungsschutz Scientology nicht beobachten. Es gebe keine Gefahr für den "demokratischen Rechtsstaat", so die Begründung. Auch V-Leute dürfen nicht eingesetzt werden. Die Beobachtung durch den Bund ist allerdings gewährleistet, so der Staatssekretär der Berliner Innenverwaltung im September 2003 im Verfassungssschutzausschuss.

Für den Berliner Senator für Inneres, Ehrhart Körting, ist die Sache deshalb einfach: "Wo nicht beobachtet werden darf, kann nicht beurteilt werden", sagte Körtings Sprecher Hubertus Benert. Der Senatsverwaltung für Inneres seien die Hände gebunden, sagte Benert im "Tagesspiegel". Es müssten erst "tatsächliche Hinweise auf verfassungsfeindliche Aktivitäten der Organisation" von außen an die Behörde herangetragen werden; dann könnte man erneut prüfen.

Anders sehen das Politiker von CDU, FDP, Grünen und PDS. Sie finden, dass die Innenverwaltung "genauer hinschauen sollte", was Scientology tut. "Der Innensenator ist dringend aufgefordert, alle rechtlichen Möglichkeiten zu überprüfen, damit der Verfassungsschutz wieder aktiv werden kann", sagt der Berliner CDU-Innenexperten Frank Henkel. Es sei ein Skandal, dass Scientology eine neue Repräsentanz bezogen habe, ohne dass die Behörde es bemerkte.

Was aber will Scientology mit der neuen Zweigstelle an der Otto-Suhr-Allee bezwecken? Die Organisation selbst sieht in dem großen Haus ein Symbol für das "internationale Wachstum" von Scientology. Zwar bestreitet ein Scientology-Sprecher, dass es sich bei der Dependance an der Otto-Suhr-Allee um die neue Deutschland-Zentrale handle. Man wolle lediglich "im sozialen Bereich helfen, etwa im Kampf gegen Drogenmissbrauch und bei der Gewalt unter Jugendlichen, " sagt er.

"Scientologisierung ganz Europas"

Dass das riesige Haus nur für die etwa 200 Berliner Scientology-Mitglieder gedacht ist, ist aber mehr als unwahrscheinlich. Ursula Caberta von der Innenverwaltung des Hamburger Senats, die dort die Arbeitsgruppe Scientology leitet, fürchtet, dass Berlin zur Anlaufstelle von Scientologen aus vielen Ländern werde. Berlin sei Teil einer Kampagne zur Scientologisierung ganz Europas, sagte sie dem "Tagesspiegel". "Die lassen nie nach, Scientologen sehen sich immer im Kampf gegen die böse Welt", zitiert die "Berliner Morgenpost" die Sektenexpertin aus Hamburg. Ursula Caperta glaubt, dass Scientology mit der Repräsentanz in der Hauptstadt "mehr Nähe und damit Einfluss auf die deutsche Kultur und Politik erlangen" wolle.

Auch in anderen europäischen Hauptstädten ist Scientology mächtig aufgestellt: In Madrid steht eine große Zweigstelle, in Brüssel wurde 2003 eine Scientology-Zentrale eröffnet, in London im Herbst 2006.

Nachdem die Organisation in den neunziger Jahren im Zentrum der Aufmerksamkeit stand und in der Öffentlichkeit bekämpft wurde, breitet sich Scientology offenbar wieder mehr aus. Und immer öfter wird auch die Befürchtung geäußert, dass Scientology versucht, politisch Einfluss zu nehmen. Der "taz" sagt der Scientology-Kenner Frank Nordhausen: "Es sieht so aus, als würde die Sekte ihre Aktivitäten in Deutschland wieder verstärken". Er glaubt, dass sich Scientology in Berlin ansiedeln will, um stärker politische Lobbyarbeit zu betreiben. "Durch die massive Aufklärung sind die Scientologen in den 90er-Jahren stark in die Defensive geraten. Jetzt wollen sie ihr ramponiertes Image aufbessern."

Und auch Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen sagt zu SPIEGEL ONLINE: "Es ist ein Signal, dass sich Scientology gerade in Berlin, dort wo Politik und Kultur ansässig sind, ansiedelt". Mit dem unangemessen großen Gebäude wolle die Organisation Aufmerksamkeit erregen und sich als seriöse Religionsgemeinschaft in repräsentativer Lage darstellen, glaubt er.

Michael Utsch warnt aber vor Hysterie. Scientology habe seit Jahren in Deutschland relativ erfolglos versucht, Fuß zu fassen. Die Deutschen seien aber "besonders hellhörig", wenn es um ideologische Versprechen gehe und recht gut über das System Scientology informiert. "Andererseits muss man sagen, dass die Scientologen sehr geschult in Gesprächsführung sind, gute Juristen und eine gute PR-Abteilung haben." Es hätte nicht geschadet, wenn die Berliner Innenbehörde sich etwas genauer informiert hätte, wie man in anderen Ländern mit der Organisation umgehe, so Utsch zu SPIEGEL ONLINE.

Seit 1970 hat sich Scientology - in den 50er Jahren in den USA durch L. Ron Hubbard gegründet - auch in Deutschland niedergelassen. Wichtige Repräsentanzen gibt es in Hamburg und München. Experten schätzen, dass es grob 5000 bis 8000 Scientologen in Deutschland gibt - die meisten von ihnen in wirtschaftlich starken Regionen - denn "Scientology ist zuerst ein Wirtschaftsunternehmen", so Michael Utsch zu SPIEGEL ONLINE.

mit Material von dpa



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.