Festnahme von Islamisten "Wir sind alle ziemlich friedlich"

Die Bundesanwaltschaft hat am Morgen zwei Islamisten aus NRW verhaften lassen. Sie sollen in Syrien Mitglieder einer Terrormiliz gewesen sein. Dabei gab sich einer der beiden vor Monaten im SPIEGEL-TV-Interview noch ganz harmlos.

Mutmaßlicher Terror-Unterstützer Sebastian B. (August 2014): "Ich gehe arbeiten"
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Mutmaßlicher Terror-Unterstützer Sebastian B. (August 2014): "Ich gehe arbeiten"

Von und Roman Lehberger


Hamburg - Es ist gar nicht so lange her, da mimte Sebastian B. den braven Bürger. Im Interview mit SPIEGEL TV beteuerte der bärtige Salafist im schwarzen Kapuzenpulli, er sei kein Terrorist. "Ich will hier friedlich leben, ich gehe arbeiten, um meine Familie zu ernähren", so der Konvertit im August 2014. "Wir haben nichts damit zu tun, was 3000 Kilometer entfernt von uns passiert." Doch das war wohl alles andere als die Wahrheit.

Spezialkräfte der Polizei haben den 27-Jährigen an diesem Donnerstagmorgen im ostwestfälischen Herford verhaftet. Die Bundesanwaltschaft wirft B. die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor. Demnach reiste Sebastian B. im Sommer 2013 nach Syrien und schloss sich dort dem Kampfverband "Auswanderer von Aleppo" an. Der wiederum wurde schließlich vom "Islamischen Staat" (IS) übernommen.

Nach Erkenntnissen der Ermittler erhielt B. eine Kampfausbildung und betätigte sich anschließend als Logistiker. So soll er etwa für die Verpflegung der Truppe gesorgt haben. Im November 2013 kehrte B. nach Deutschland zurück, blieb aber in der radikalen Szene aktiv. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen war er wohl im August 2014 an einer gewaltsamen Konfrontation zwischen IS-Anhängern und Jesiden in Herford beteiligt. Mehrere Jesiden wurden bei der Auseinandersetzung in der Innenstadt durch Messerstiche leicht verletzt.

Salafisten aus Tschetschenien

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE verkehrte Sebastian B. in der Herforder Assalam-Moschee. Der Verfassungsschutz hat das Gotteshaus seit einiger Zeit im Visier. Die Moschee gilt als Treffpunkt junger Salafisten aus Tschetschenien - ein Dunstkreis, in dem sich auch der deutsche Konvertit bewegte.

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Die Bundesanwaltschaft ließ zudem am Donnerstagmorgen in Mönchengladbach Mustafa C. verhaften. Der heute 26-Jährige soll zwischen März 2013 und Herbst 2014 im selben Verband wie B. in Syrien gekämpft haben. C. sei zudem für die Propaganda der Einheit zuständig gewesen, teilten die Ermittler mit.

Nach den Anschlägen von Paris gehen die Behörden im gesamten Bundesgebiet zurzeit verstärkt gegen die islamistische Szene vor. In Kassel durchsuchte die Polizei die Wohnungen dreier Salafisten. Die Männer im Alter von 19, 22 und 23 Jahren sollen laut Justiz den Krieg in Syrien von Deutschland aus logistisch unterstützt oder die Absicht gehabt haben, nach Syrien zu reisen, um dort an Kampfhandlungen teilzunehmen. Mögliche Beweismittel wie Computer und Dateien seien sichergestellt worden, hieß es. Die Beschuldigten blieben auf freiem Fuß.

Auch in Offenbach durchsuchten Beamte die Wohnung eines 17-Jährigen wegen einer Todesdrohung gegen einen islamischen Religionspädagogen. Der Salafist soll 2014 den Leiter des Zentrums für islamische Theologie in Münster unter falschem Namen per Mail bedroht haben.

Stetig wachsende Szene

Der Verfassungsschutz beobachtet inzwischen mit großer Sorge die rasant wachsende Szene. Inzwischen zählen die Behörden 7000 Salafisten in Deutschland, 2011 waren es noch 3800. Auch die Zahl der Dschihadisten steigt immer weiter, mehr als 600 Radikale sind von Deutschland aus nach Syrien gereist. 200 von ihnen kehrten bereits zurück. Von denen verfügen wiederum 35 über Kampferfahrung. Sie stellen nach Einschätzung von Sicherheitsexperten die größte Gefahr dar.

Mit Blick auf die Sicherheitslage nach den Terroranschlägen von Paris sagte der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, unlängst in Berlin: "Die Behörden in Bund und Ländern gehen aktuell einer Vielzahl von Hinweisen nach. Wir tun alles, um diese aufzuklären." Maaßen betonte, es gebe eine enge Zusammenarbeit mit internationalen Partnern. "Wir müssen diese Situation mit hoher Professionalität und Augenmaß meistern."

Auf die Frage von SPIEGEL TV, ob er Dschihadisten aus Herford kenne, antwortete Sebastian B. übrigens im vergangenen August: "Ich persönlich habe keine davon als Freunde. Wir alle sind ziemlich friedlich. Wir gehen in die Moschee. Da wird uns auch beigebracht, dass wir respektvoll mit den Menschen umgehen und Benehmen zeigen."

Da war er längst in Syrien gewesen.

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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
DaWE 22.01.2015
1. Verständnislos!
Ich versteh einfach nicht warum diese offensichtlich radikalisierten Islamisten wieder ins Land einreisen lässt? Und wenn hierfür gesetzliche Änderungen nötig wären, warum diese nicht schon längst umgesetzt wurden? 200 radikale Islamisten werden nun unter großen Aufwand vom Verfassungsschutz beobachtet, Ressourcen die an anderer Stelle dringend benötigt werden! Auf was wartet man denn?
cashflow99 22.01.2015
2.
"Ich gehe arbeiten",sagte Ted Bundy auch bei einem Verhör.
lemmy 22.01.2015
3. Konvertiten
Ich finde, dass diese merkwürdigen Konvertiten noch schlimmer bzw. psychopathischer sind als alle anderen. Dieser Eindruck wird mir immer wieder bestätigt, wenn ich Berichte sehe oder lese. Bestes Beispiel ist Christian Emde, den ich persönlich für sehr gefährlich halte, er "agiert" zur Zeit in Syrien und hat dort bei der IS eine Führungsrolle. Selten habe ich jemanden so über Völker- und Massenmord reden hören: seelenruhig, grausam, ohne jede Emotion und Empathie, wirklich geisteskrank.
papierhai 22.01.2015
4. Was stimmt?
Entweder der Verfassungsschutz übertreibt mit der Zahl der Salafisten ganz erheblich (7000 Stück). Oder unsere Politiker reden die Wahrheit klein um das Volk nicht zu beunruhigen.
moulesfrites 22.01.2015
5. Zustimmung
Ich schliesse mich dem Kommentar#1 an. Das ist genau das, was ich nicht verstehe. Ist ja nicht so, dass das groß im Geheimen operierende Gruppen sind , wie beim NSU oder damals der RAF. Warum kassiert man die Bande nicht ein? Ist doch bekannt wo die sich treffen, wie die ticken und was die langfristig vor haben (Terror, NICHT Islamisierung, was auch immer das sein mag...)
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