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Fall Edathy: Niedere Instinkte

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Früherer Abgeordneter Edathy: Zwischen Recht und Selbstgerechtigkeit

Sebastian Edathy hat sich wegen des Besitzes von Kinderpornografie verantworten müssen. Er zahlte Geld, das Verfahren wurde eingestellt. Doch beendet ist der Fall damit nicht. Denn der Volkszorn giert nach Reue.

Hätte er es doch nur gesagt.

"Es tut mir leid./ Ich habe nicht ausreichend nachgedacht." Am besten noch etwas wie: "Ich weiß, dass ich viele Menschen enttäuscht/ verletzt/ verraten habe." Und, drittens, ganz wichtig:" Ich werde es künftig besser machen/ an meinem Problem arbeiten/ über eine Therapie nachdenken." Das ist der Dreiklang der öffentlichen Reue: entschuldigen, Empathie zeigen, Besserung geloben.

Hat Edathy aber nicht.

Muss er auch nicht. Auch wenn es vielleicht klug gewesen wäre.

Vor Gericht ließ Edathy seinen Verteidiger Christian Noll eine Erklärung verlesen: "Die Vorwürfe treffen zu" und "Ich bereue, was ich getan habe". Die Glaubwürdigkeit der Einlassung hatte eine kurze Halbwertzeit. Sie war dahin, als Edathy sich beeilte, nur Stunden später auf Facebook zu betonen, wie er seine Einlassung verstanden wissen will: "Ich weise darauf hin, dass ein 'Geständnis' ausweislich meiner heutigen Erklärung nicht vorliegt."

Sebastian Edathy verwehrt der Öffentlichkeit die Reue, nach der sie giert. Der Fall Edathy zeigt prototypisch die Dynamik eines Skandals: Es gibt einen Normverstoß, die Gesellschaft wird zurückgeworfen auf das, was sie ausmacht, auf ihre Werte, auf den Konsens darüber, was in Ordnung ist und was nicht.

Kinderpornografie? Ganz sicher nicht in Ordnung. Um den Normverstoß zu heilen, verlangt die Öffentlichkeit nach Wiedergutmachung. Der Normverstoß muss als solcher benannt und vor allem, ganz wichtig, bereut werden. Je schwerer der Vorwurf, desto mehr Reue braucht es. Ob die öffentlich zur Schau gestellte Reue auch so gemeint ist, ist dabei erst einmal nachrangig - und entzieht sich ohnehin der öffentlichen Bewertung. Es geht um das Symbol.

Ein Anflug von Genugtuung

Es ist Sebastian Edathys gutes Recht, keine öffentliche Reue zu zeigen. Und doch ist es nachvollziehbar, dass die Öffentlichkeit diese Reue erwartet. Darin besteht der Widerspruch, und der ist schwer zu ertragen, wie die vergangenen Tage gezeigt haben. Der Kinderschutzbund Niedersachsen lehnt das Geld, das Edathy zahlen muss, ab - und die Entscheidung erfährt große Zustimmung.

Endlich, so die Reaktion, zeigt dem Edathy mal einer die Grenzen auf. Die Justiz hat versagt, gegen Moral ist der frühere Politiker immun, aber immerhin auf den Kinderschutzbund ist Verlass. Die brüske Zurückweisung ist zwar keine Strafe, aber sie sorgt für einen Anflug von Genugtuung.

Ein Motiv für das Verlangen nach Reue mag Voyeurismus sein: der tiefe Fall, den es zu beschauen und kommentieren gibt; der Sünder, der sich zu seiner Schuld bekennt.

Doch der Skandal ist mehr als das. Mehr als das Gefühl des Einzelnen, erhaben zu sein. Er ist Teil einer Selbstvergewisserung: Wie tickt die Gesellschaft, was ist richtig, was falsch, was wird geahndet, was toleriert, was honoriert?

Der Skandal als Korrektiv

Er ist Indikator dafür, dass etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Damit das Gefüge wieder ins Lot gerät, braucht es die Reue als symbolischen Akt. Der Skandal ist immer auch ein Korrektiv.

Jenseits der Fakten, jenseits der Feststellung, was das Recht erlaubt, gibt es das Rechtsempfinden. Das kann und muss den Gerichten egal sein, dem dürfen sie sich nicht beugen. Aber es erklärt das Ausmaß der Empörung.

Nur 5000 Euro für die Bilder nackter Kinder und Jugendlicher? Und am Ende statt Recht auch noch Selbstgerechtigkeit? Für Edathy ist das offenbar eine ausschließlich juristische Frage, zu beantworten in ausschließlich juristischen Kategorien.

Für die Öffentlichkeit ist sein Facebook-Eintrag eine Ohrfeige. Edathy verweigert die Wiedergutmachung. Er streckt nicht die Hand aus, sondern die Zunge heraus.

Reue als Frage der Macht

Auch das ist verständlich, und auch das ist Teil des Skandals. Seit Bekanntwerden der Ermittlungen gegen Edathy wurde intensiv berichtet, auch auf SPIEGEL ONLINE. Das war berechtigt, und es erzeugt Druck. Und möglicherweise Trotz. Wie im Falle Josef Ackermanns, der vor Beginn des Mannesmann-Prozesses die Hand zum Victory-Zeichen erhob. Arroganz statt Reue.

Das verstärkt die Empörung und den Skandal. Verständlich ist es als Ausdruck des Empfindens, in die Ecke gedrängt worden zu sein.

Die Öffentlichkeit hatte im Fall Edathy die Moral auf ihrer Seite: Kaum etwas gilt als so verwerflich wie Kinderpornografie. Die Reue hätte daran nichts geändert, sie wäre bloß ein Zeichen gewesen, aber ein bedeutsames.

Welchen Spielraum hatte Edathy? Er verließ das Land, er war bestraft, ohne verurteilt worden zu sein. Was ihm bleibt, ist die Weigerung, der Öffentlichkeit zu geben, wonach sie verlangt. Und die Illusion, so die Hoheit über die Selbstdeutung zu behalten, obwohl sie längst verloren ist. Die Frage nach öffentlich gezeigter Reue ist eben auch: eine Machtfrage.

Zur Autorin
DER SPIEGEL/ Iris Carstensen
Barbara Hans ist stellvertretende Chefredakteurin von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Barbara.Hans@spiegel.de

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