"Seebrücke"-Demos in Großstädten Tausende fordern Solidarität mit Seenotrettern

"Stoppt das Sterben im Mittelmeer": In mehreren deutschen Städten sind Unterstützer des Bündnisses "Seebrücke" auf die Straßen gegangen. Sie forderten sichere Fluchtwege und Entkriminalisierung der Seenotrettung.

DPA

Angesichts des harten Vorgehens von EU-Staaten gegen zivile Seenotretter und zahlreicher Todesfälle bei Fluchtversuchen über das Mittelmeer haben in mehreren deutschen Städten Tausende Menschen für Solidarität mit Seenotrettern und sichere Fluchtwege demonstriert.

Nach Angaben des Bündnisses "Seebrücke" beteiligten sich an der größten Kundgebung am Samstag in Berlin 12.000 Menschen, die bei ihrem Marsch durch die Hauptstadt unter anderem Rettungswesten in die Höhe hielten.

In Hannover demonstrierten demnach 2000 Menschen, im Bremen rund tausend. Weitere Demonstrationen fanden unter anderem in Frankfurt am Main, Heidelberg, Leipzig und München statt. Auf Transparenten hieß es: "Stoppt das Sterben im Mittelmeer", "Stell dir vor, in den Booten säße deine Familie" oder "Seebrücke statt Seehofer". Auch auf Malta gab es Aktionen.

Das Bündnis "Seebrücke" wird nach eigenen Angaben von verschiedenen Bündnissen und Akteuren der Zivilgesellschaft getragen. Die Initiative entstand spontan, als das Flüchtlingshilfsschiff "Lifeline" mit 234 Menschen an Bord am Einlaufen in einen Hafen gehindert worden war.(Ein Rekonstruktion der Irrfahrt lesen Sie hier.)

Die Bewegung rief dazu auf, als Zeichen der Solidarität bei den Protestaktionen die Farbe Orange zu tragen. Von der deutschen und der europäischen Politik fordert das Bündnis sichere Fluchtwege, eine Entkriminalisierung der Seenotrettung und eine menschenwürdige Aufnahme von Menschen, die fliehen mussten.

Laut Internationaler Organisation für Migration (IOM) kamen seit 19. Juni auf der zentralen Route Richtung Italien 483 Migranten ums Leben. Es müssten wieder mehr Rettungsschiffe unterwegs sein, um noch mehr Tote zu verhindern, twitterte IOM-Sprecher Flavio Di Giacomo.

Flüchtlingsroute ändert sich

Vor allem die populistische italienische Regierung fährt seit ihrem Amtsantritt vor einem Monat eine harte Linie gegen Migranten und lässt keine NGOs mehr in ihren Häfen anlegen. Spanien hatte daraufhin der "Aquarius" von Ärzte ohne Grenzen und SOS Méditerranée und der "Open Arms" der spanischen Organisation Proactiva Open Arms erlaubt, spanische Häfen anzulaufen. Die "Lifeline" der deutschen Organisation Mission Lifeline durfte nach langem Ausharren nach Malta.

Bislang war der weitaus größte Teil der Menschen, die über das Mittelmeer kamen, in Italien angelandet. Spanien rangierte hinter Griechenland nur auf dem dritten Platz. Italien zeigt sich seit dem Antritt von Innenminister Matteo Salvini von der fremdenfeindlichen Lega fest entschlossen, die Flüchtlingsroute über das Mittelmeer zu schließen.

Die neuesten Zahlen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zeigen, dass die Trendwende längst eingesetzt hat: Waren im ersten Halbjahr 2017 noch rund 85.000 Migranten in Italien und nur 6500 in Spanien angekommen, so waren es im gleichen Zeitraum 2018 in Italien nur noch 16.700 - und in Spanien bereits 15.600.

Die Gesamtzahl der Flüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Europa kamen, lag der IOM-Statistik zufolge aber im ersten Halbjahr nur noch bei knapp 46.500. Sie hat sich somit mehr als halbiert.

abl/dpa

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