Nockherberg Seehofers U-40-Party

Seit mehr als 50 Jahren hat es das in Bayern nicht gegeben: Bei der Kommunalwahl schafft es die zuletzt erfolgsverwöhnte CSU nicht mal über 40 Prozent. Ausgerechnet jetzt musste Horst Seehofer auf Feierlaune machen - am Nockherberg, beim traditionellen Starkbieranstich.

DPA

Von , München


Vorn an Tisch 5 sitzt Horst Seehofer und schaut zu, wie es oben auf der Bühne ruppig wird: Angela Ascher als Ilse Aigner holt mit ihrem roten Lederstiefel wie eine Kickboxerin zu einem mächtigen Tritt gegen Christoph Zrenner aus, und der verkörpert hier eben Horst Seehofer. "Meine Rache, die wird süß", sagt die Bühnen-Aigner dazu.

Gelächter im Festsaal. Seehofer, der echte, wirkt amüsiert. Aigner, die echte, die nicht weit vom bayerischen Regierungschef sitzt, hat ganz große Augen. Mittwochabend, das traditionelle Singspiel beim alljährlichen Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg.

Das politische Bayern hat sich mal wieder in der Paulaner-Brauerei versammelt, wo der legendäre Salvator ausgeschenkt wird, der einst von Mönchen gebraut wurde - ein untergäriger Doppelbock, 7,5 Prozent Alkohol, "18,3 Prozent Stammwürze, hopfenbitter im Abgang", wie Brauerei-Geschäftsführer Andreas Steinfatt den mehr als 500 Gästen am Mittwochabend erklärt.

Auf Knopfdruck der Bayerische Defiliermarsch

Zum Derblecken sind sie hierhergekommen, so nennt man das, wenn in der Fastenpredigt und dem Singspiel den Politikern auf kabarettistische Weise der Spiegel vorgehalten wird. Es ist ein Event in der bayerischen Landeshauptstadt: Viel Sicherheitspersonal am Nockherberg, die Gäste schreiten über roten Teppich, der Bayerische Rundfunk überträgt live.

Als Seehofer kurz vor 19 Uhr kommt, läuft auf Knopfdruck der Bayerische Defiliermarsch über Lautsprecher. Normalerweise ist dafür eine Kapelle zuständig, die gibt es hier im Saal nicht. Aber Bayern wäre nicht Bayern, wenn zu einem festlichen Auftritt des Ministerpräsidenten nicht der Defiliermarsch gespielt würde - und wenn er notfalls aus der Konserve kommt.

Und irgendwie passt das jetzt sogar mit der Konserve: Denn ganz so feierlich ist der Tag nicht, wie Seehofer sich das vielleicht vorgestellt hätte. Dafür sind nicht Regisseur Marcus H. Rosenmüller und Autor Thomas Lienenlüke vom Singspiel-Team verantwortlich, sondern das Statistische Landesamt, das ausgerechnet wenige Stunden vor Beginn des Derbleckens das vorläufige Endergebnis der bayerischen Kommunalwahl veröffentlicht hatte. 39,7 Prozent für die CSU. Das ist schlechter als bei der letzten Wahl im CSU-Katastrophenjahr 2008, als die Partei bei 40 Prozent gelandet war. Jetzt also unter 40 Prozent, das hat es seit mehr als 50 Jahren nicht gegeben.

"39,7 Prozent oder 40 - ich bitt' euch"

Seehofer sieht darin offenbar kein Problem: "39,7 Prozent oder 40 - ich bitt' euch", sagt er am Nockherberg zu Journalisten. "Wir sind sehr zufrieden." Dass die Ergebnisse von 2008 und 2014 nicht weit auseinanderliegen, ist wohl richtig. Nur war eben 2008 ein schwaches Jahr der Christsozialen. Die Partei büßte damals nicht nur bei der Kommunalwahl Stimmen ein, sie verlor zudem wenige Monate später bei der Landtagswahl die absolute Mehrheit. Es war ein Desaster für die erfolgsverwöhnte CSU. Damals kam Seehofer als Retter in der Not von Berlin nach München und löste Erwin Huber und Günther Beckstein an der Spitze von Partei und Landesregierung ab.

Die Partei, die stets stolz auf ihre Verwurzelung in den Kommunen ist, hatte sich von der Wahl am vergangenen Sonntag vermutlich mehr erhofft. Auf jeden Fall kein Ergebnis unter 40 Prozent - erst recht, da die letzten Abstimmungen (Landtags- und Bundestagswahl im September) glänzend für die Christsozialen gelaufen waren, die alte Schwäche galt längst überwunden. Auf kommunaler Ebene offenbar nicht, die Salvatorprobe am Nockherberg wurde so zu einer U-40-Party für Seehofer.

Dass nur keiner auf die Idee kommt, Seehofer für den Misserfolg verantwortlich zu machen. Der Parteichef hatte jedenfalls bereits am Montag mit einem kleinen Kunstgriff die Verantwortung auf andere Schultern gelegt: Bei Kommunalwahlen seien die Kommunalpolitik und die Kandidaten vor Ort maßgeblich, hatte Seehofer gesagt.

Das abendliche Programm am Nockherberg läuft nach seinem Geschmack. Eine Delegation aus Nordkorea sei inzwischen in Bayern, spottet die Kabarettistin Luise Kinseher als "Bavaria" in ihrer Fastenpredigt: "Die wollen anhand von Seehofer herausfinden, wie man Alleinherrschaft absichert, ohne gleich die ganze Verwandtschaft umbringen zu müssen".

"Im Grunde habe ich ja jede Rolle gespielt", sagt Seehofer

Im anschließenden Singspiel ist Christoph Zrenner alias Seehofer die Figur, die zu Ehren von Christian Ude (gespielt von Uli Bauer) Goethes "Faust" aufführen lassen will. Seehofer nimmt dabei praktisch alle Rollen an, auch die von Gretchen. "Ich, nur ich allein", sagt der Bühnen-Seehofer. Was wollen da schon die Bühnen-Aigner und der Bühnen-Söder, Figuren, die im echten Leben als seine möglichen Nachfolger gehandelt werden? "Es kommt der Tag, an dem ich die Macht übernehm'", sagt der Bühnen-Söder. Und dann ist da noch die Bühnen-Aigner mit den roten Stiefeln.

"Im Grunde habe ich ja jede Rolle gespielt", sagt Seehofer, der echte, sichtlich gut gelaunt nach dem Schlussapplaus in ein Mikrofon vom Bayerischen Rundfunk über das furiose Singspiel und fügt hinzu: "Wie im richtigen Leben".

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hagr 20.03.2014
1. War Klasse
Nach der Spiegel-Online Ankündigung von gestern hatte ich erwartet, dass es eine zahme, klamaukige Verneigung vor den Herrschenden in Bayern wird. Die Sendung war eine sehr positive Überrraschung. Hier wurde mit Niveau und sogar Tiefgang den politischen Akteuren ein Spiegel vorgehalten und das mit dem richtigen Fingerspitzengefühl. Eine richtige Kulturleistung, toll. Vielleicht kommt derblecken nicht wie Wictionary sagt von lecken. Gestern hatte es für mich jedefalls mehr von blicken.
bezim 20.03.2014
2. Genau hin zu sehen
schadet auch einem SPIEGEL Autor nicht. Dann wäre ihm aufgefallen, dass die Abstrusität der Aussage der Bühnen-Aigner daraus herrührte, dass sie "nur" die verkleidete Bühnen-Haderthauer war. Gerade das Singspiel war in diesem Jahr besonders großartig.
A.Berndt 20.03.2014
3. abgesegnet von der Obrigkeit
In der SZ sind die "lustigsten" Sätze (gemeint sind platteste Witzchen auf Mario-Barth-Niveau) dieser Veranstaltung nachzulesen. Ich weiß wirklich nicht, was die Bayern an dieser Veranstaltung gewordenen Peinlichkeit lustig finden. Dort darf man mal so richtig böse sein zu den Politikern, und die sind sogar noch dabei und finden das auch lustig! Und am nächsten Wahltag werden wieder alle, die so herrlich kritisiert wurden, gewählt. Ehrensache. Aber man hat einen schönen Abend gehabt. Was für eine widerliche und verlogene Veranstaltung! Ja, ich weiß: Man muss Bayer sein, um das zu verstehn.
Eppelein von Gailingen 20.03.2014
4. Auch wenn Strauß für die Korruption in Bayern als Begriff steht
Er hat zumindest mit seinem Vorgänger Alfons Goppel für den Wechsel vom Agrar- zum Industrieland gesorgt. Auch wenn Strauß seinem Geldlieferanten und Bäderkönig Eduard Zwick Millionen an Steuern im 3-stelligen Bereich nachließ. Gleiches bekam der Hendl-Jahn geschenkt, die Waffenschmiede Diehl, usw. usw.. Herr Dr. Schlötterer, ehem. Ministerialbeamter hat in seinen beiden Büchern alles sehr schön und übersichtlich dokumentiert (das FJS-Lager schweigt wutentbrannt über diese öffentlich gemachten ehrenwerten Anschuldigungen). Man weiß inzwischen, wo überall der FJS wöchentlich und steuerbereinigt abkassierte. Wie sich die Namen gleichen, apropos Steuerfluchtkönig Zwick in die Schweiz, die Ehefrau vom FJS war eine geborene Zwicknagl. http://de.wikipedia.org/wiki/Marianne_Strau%C3%9F Nach seinem Tod beim Jagdausflug beim Thurn- und Taxis, auch so einer schillernden Partyfigur, glaubten seine Nachfolger im gleichen Modus weitermachen zu können. Dabei zog sich der zuerst der Streibl, danach der Stoiber bereits die ersten Holzschiefer ein, von wegen ständiger Gratis-Urlaub in Südfrankreich bei Figuren wie Holzer, Schreiber etc.. Streibl verschenkte noch einmal einen 3-stelligen Mio. DM Betrag an den mittlerweile insolventen Hendl-Wiener. Wenn man zu Zeiten des Eisernen Vorhangs über die Region östlich von Deggendorf mit Bayerisch-Kongo spottete, war das ein mehr als derber Vergleich mit dem Landstrich vor der Grenze zu Tschechien, was der Bevölkerung nicht gerecht war. Warum wundert sich die Besetzung in der heutigen CSU überhaupt über diesen gigantischen Vertrauensverlust ihrer Partei? Durch Schönrederei kann der Seehofer nicht hinwegtäuschen, was für eine unmoralische, egoistische Truppe er sich mangels besserer Besetzung der Regierungsämter vor sich her treibt? Die Bevölkerung ist nicht so blöd wie die Partei denkt. Was soll man denn wählen? Die CSU bestimmt nicht mehr, die eigentlich bei 20% der Kommunalwahlen hätten landen müssen. Nürnberg zeigt den Weg mit Herrn Maly und überwältigender Mehrheit von 67%? Warum man den Ude-Lehrling Reiter mit mickrigen Mehrstimmen von 6% vor dieser CSU abspeiste? Sieht nicht gerade nach viel Vertrauen aus, obwohl er es verdient hätte. Nichts gegen seinen Gegenspieler Schmidt, aber er vertritt eben die CSU. Diese Partei hat für Bayern eine Regierung wie im früheren Nicaragua, oder Honduras geschaffen. Eine Bananenrepublik mit undemokratischen Verhältnissen. Vonwegen Rechtsstaat?????
zaunreiter35 20.03.2014
5. Politisches Kabarett in Bayern
Ich hab mir das gestern wieder mal gegeben. Luise Kinseher als "Bavaria" find ich nicht schlecht. Sie hat ihre Rolle als Fastenpredigerin gut ausgefüllt. Da muß man sich halt auch erst mal mit auseinandersetzen, was eine "Predigt" in der Fastenzeit soll, die den Herrschenden aufs Maul schaut und die nicht gleich ins lächerliche abgleitet, so dass eben auf der Bühne keine Hofnärrin steht, die nur zur Belustigung da ist. Aber ihr Thema zur Moral war gut gewählt. Die alljährliche "Verbrüderung/Verschwisterung" zwischen Darstellern und Politikern nach dem Singspiel find ich etwas merkwürdig. Aber ich muß ja nicht alles verstehen. Und Eva Mähl sollte besser bei ihren Komikern bleiben. Ich find sie für so eine Veranstaltung zu nervig.
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