Politische Umgangsformen Warum sich Seehofer an Merkels iPad stört

Horst Seehofer macht sich gepflegt lustig über Angela Merkel. Die Kanzlerin nutze ihr iPad sogar, wenn sie sich mit ihm unterhalte, er selbst dagegen sei kein "Gefangener" moderner Medien. Der Bayer versucht so, sich gleichzeitig modern und doch gelassen zu geben. Eine kleine politische Stilanalyse.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit iPad: Gefangene der neuen Medien?
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Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit iPad: Gefangene der neuen Medien?

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Horst Seehofer ist nicht zu beneiden. Vor ihm liegt eine Landtagswahl, die es zu gewinnen gilt, und zwar grandios, auf dass die alte Größe und Herrlichkeit der CSU im Freistaat wiederhergestellt werde, möglichst ohne einen lästigen Koalitionspartner. Da muss man im Gespräch bleiben, muss sich profilieren, und das ist nicht leicht.

Das große Thema der Euro-Rettung beackert Angela Merkel, die CSU kann da nur vom Rand aus provokante Bemerkungen verbreiten, in der Hoffnung, die Pöbeleien gegen Griechenland würden schon verfangen beim Wahlvolk, aber die wirklich knackigen Sprüche muss Seehofer seinen Angestellten Markus Söder und Alexander Dobrindt überlassen, weil er als CSU-Parteichef seine Berliner Koalitionspartner nicht allzusehr brüskieren darf und bei aller Lust an der Provokation ja doch auch so etwas wie staatsmännische Verantwortung trägt. Auch in die Debatte um die aus Teilen der CDU propagierte Aufwertung der Homo-Ehe kann er nur relativ verhalten eingreifen, will er es sich nicht mit den urbanen Wählern verscherzen, für die Homosexualität längst nicht mehr des Teufels ist, selbst wenn sie den Christsozialen zugeneigt sind. Ansonsten ist Sommerloch. Was tun?

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Tablet-Revolution: Politiker im iPad-Fieber
Wie sich in Erinnerung rufen als einer, der ehern konservativ ist, aber doch nicht von gestern? Als einer, der selbstverständlich zur Kanzlerin steht, aber sich doch abgrenzt? Als einer, der bestens informiert ist, aber sich dabei nicht hetzen lässt?

In der "Welt am Sonntag" ist es dem CSU-Chef nun gelungen, mal wieder einen klassischen Seehofer zu platzieren. Es handelt sich dabei im Grunde nur um eine weitere Variation des uralten Slogans "Laptop und Lederhose", der schon unter Edmund Stoiber die heimatverbundene Modernität und moderne Heimatverbundenheit der CSU beschwören sollte. Laptops sind allerdings auch nicht mehr so modern, wie sie einmal waren, deshalb hört sich das bei Seehofer heute so an, wie man der Nachrichtenagentur dpa entnehmen kann:

CSU-Chef Horst Seehofer wundert sich über Angela Merkels intensive iPad-Nutzung. "Auf so einem Ding tippt auch die Kanzlerin herum - selbst im schönsten Gespräch", sagte Seehofer der "Welt am Sonntag". Er selbst habe in seinem Büro einen Laptop und zu Hause ein iPad. "Ich nutze die Neuen Medien gerne, aber ich versuche, nicht ihr Gefangener zu werden." Manche Abgeordnete glaubten, "etwas brennt an auf dieser Welt, wenn sie nicht ständig online sind", sagte Seehofer. "Auch im bayrischen Kabinett spielen sich lustige Szenen ab. Da wird getwittert und gesimst, was das Zeug hält."

Eine klassische Eröffnung mit einer fein gesetzten Spitze gegen Angela Merkel, der Seehofer implizit Unhöflichkeit unterstellt, weil sie sich ihm, dem Gesprächspartner, nicht mit voller Aufmerksamkeit widme, sondern auf dem Tablet nebenbei nachschaut, was sonst noch auf der Welt geschieht. Nicht ganz so plump wie sein Koalitionskollege Philipp Rösler (FDP), der mit einer seltsamen Geschichte über einen gekochten Frosch bei Markus Lanz die Lacher über die Kanzlerin auf seine Seite ziehen wollte.

Dann aber sofort einschränken, denn sonst könnte Seehofer ja für altmodisch gehalten werden: Klar habe auch er ein iPad, nutze auch er die "Neuen Medien", aber er wolle eben nicht ihr "Gefangener" werden. Dazu gedacht werden muss: im Gegensatz zu Merkel - die dann auch eigentlich gemeint ist, wenn Seehofer von irgendwelchen Abgeordneten spricht, die meinen, ständig online sein zu müssen. Und dann wieder eine schnelle Kehrtwende: Auch im bayerischen Kabinett werde getwittert und gesimst. Aber eben nicht von ihm.

Seltsam wirkt diese Abgrenzung auch deshalb, weil Seehofer erst im vergangenen Mai zu einer Facebook-Party geladen hatte, was damals, man glaubt es kaum noch, als Ausweis höchster Modernität und Hippness galt. So ein richtiger Erfolg war das aber nicht: Nur weniger als die Hälfte der angemeldeten 2500 Besucher fanden dann tatsächlich den Weg zu Seehofers Sause. Die nächste Facebook-Party werde nun in Nürnberg stattfinden, in der Heimat des bayerischen Finanzministers. "Markus Söder ist in Nürnberg zu Hause. Der wird schon dafür sorgen, dass interessante Gäste kommen", sagte Seehofer. Will meinen: Wenn wieder niemand kommt, ist Söder schuld.

Horst Seehofer, der weise Familienvater, der die Ruhe behält, während um ihn herum alle wie die aufgeregten Hühner auf ihren Spielzeugen herumtippen, seine Kinder im Kabinett und seine ihm leicht entfremdete Unions-Gattin Angela ebenso - dieses Bild will er von sich zeichnen. Er verschließt sich diesem neumodischen Zeug nicht, hält aber dennoch Distanz. Die Realität ist wohl eher diese: Horst Seehofer ist ein Politiker, der um Aufmerksamkeit heischt und sein Image polieren muss, damit er seine nächste Wahl nicht verliert. Wahrlich nicht zu beneiden.

Mit Material von dpa



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MünchenerKommentar 12.08.2012
1. Seehofer an sich
Stoiber konnte man noch respektieren, da wurde noch nach Aktenlage Politik gemacht und das gar nicht so schlecht. Seehofer nun versucht verzweifelt dem Volk nach dem Maul zu reden und sein Fähnchen immer dahin zu drehen wo grad der Wind herkommt. Um Inhalte geht es dabei schon längst nicht mehr, um gute und fundierte Politik erst recht nicht.
paulroberts 12.08.2012
2. tja
Zitat von sysopDPAHorst Seehofer macht sich gepflegt lustig über Angela Merkel. Die Kanzlerin nutze ihr iPad sogar, wenn sie sich mit ihm unterhalte, er selbst dagegen sei kein "Gefangener" moderner Medien. Der Bayer versucht so, sich gleichzeitig modern und doch gelassen zu geben. Eine kleine politische Stilanalyse. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,849621,00.html
Schätze mal, der Herr möchte sich nach und nach als Kanzlerkandidat ins Gespräch bringen.Wäre schon lustig, aber wie verträgt sich das mit mit den CSU, speziell Scharnagls, Plänen eines "free Bayern", also eines unabhängigen Bayern, abgekoppelt von der restlichen BRD? Eine Idee, die nicht nur mir sehr zusagt.
Gluehweintrinker 12.08.2012
3. Chatsucht vs. Geltungssucht
Ach, Herr Seehofer. Jeder hat sein Päcklein zu tragen, Sie am meisten. Es muss schon schwer wiegen, die Verantwortung als bayerischer Grantlhuber zu tragen und immer schön in regelmäßigen Intervallen Störfeuer nach Berlin zu schicken. Man stelle sich mal vor, was los wäre, wenn jeder Ministerpräsident sich so benähme wie Sie. Das Land wäre unregierbar. Frau Merkel hat natürlich jede Menge zu simsen und mailen, schließlich muss sie ihr feingesponnenes Intrigennetz beaufsichtigen. Wie, glauben Sie wohl, hat sie Koch, Merz und all die anderen Konkurrenten aus dem Weg geräumt. Wer intrigieren will, muss kommunizieren. Ein bayerischer König hat hierfür natürlich seine Lakaien am Hofstaat. Frau Merkel jedoch ist keine Königin, aber eine Frau - und die sind bekanntermaßen kommunikativer als Männer. Vor allem kommunikativer als bayerische heterosexuelle Männer, welche ungefähr das Gegenteil von Kommunikation sind. Deswegen: immer schön vor der eigenen Tür kehren.
wibo2 12.08.2012
4. Merkels Handlanger und Erfüllungsgehilfen werden per SMS ferngesteuert!
Frau Merkel experimentiert mit der Demokratie, jetzt soll es nicht-gewählte Eurokraten überlassen werden, unsere wirtschaftlichen und finanziellen Angelegenheiten zu regeln. EU Technokraten wurden mit Hilfe der Illuminaten ermächtigt, die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Sie führen deren Befehle alternativlos aus, die sie über mobile Endgeräte empfangen. Da traut sich dann niemand mehr Befehle von oben in Frage zu stellen. In der Postdemokratie sind integres Verhalten und sanfte Umgangsformen nicht gefragt. Eine politische Diskussion ist nicht erwünscht, nur noch die Vollzugsmeldung per SMS. Auch Seehofer muss das verstehen, das er nur noch eine Rolle als willfähiger Handlanger haben kann, mehr nicht. So ist das heute eben. Wen ihm das nicht passt, muss der Freistaat Bayern aus dem Bund austreten, was nach bekannt gewordenen Gerüchten z.Z. tatsächlich geplant werden soll.
vox veritas 12.08.2012
5.
Die NSA und der FSB werden sich freuen, daß so viele Abgeordnete ihre Geräte überall hin schleppen.
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