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Seehofers TV-Attacke gegen Röttgen: "Machen S' a Sondersendung, Servus!"

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Es war eine wohl kalkulierte Attacke im Abendprogramm: Horst Seehofer ließ sich im ZDF zu einer vierminütigen, charmant vorgetragenen Tirade gegen Unionskollege Norbert Röttgen hinreißen - und erlaubte die Veröffentlichung des inoffiziellen Gesprächs. In der CDU ist man entsetzt über die Schärfe des Angriffs.

Politiker Seehofer, TV-Mann Kleber: "Wie ein Eisbecher, der in der Sonne steht" Zur Großansicht
ZDF

Politiker Seehofer, TV-Mann Kleber: "Wie ein Eisbecher, der in der Sonne steht"

Am Ende ist nur noch Gekicher. Horst Seehofer kichert. Aus dem Off neben dem CSU-Mann kichert es. Und sogar ZDF-Anchor Claus Kleber kann sich ein amüsiertes Glucksen nicht verkneifen. Kurz zuvor hatte der CSU-Spitzenmann seinen abgestürzten Unionskollegen Norbert Röttgen nach allen Regeln der Kunst gebasht - und dem TV-Sender die Lizenz zum Senden erteilt. Seehofer glücklich, Kleber glücklich, Röttgen am Boden. Beste Laune im späteren Montagabendprogramm des Zweiten.

Was war passiert? Nach etwas mehr als fünf Minuten routiniert inhaltsarmen Interview-Geplänkels bedankt sich Kleber artig bei Seehofer für dessen Zeit. Doch der CSU-Mann, aus München zugeschaltet, ist noch lange nicht fertig. Weder mit dem Gespräch noch mit seinem derzeitigen Lieblingsopfer Röttgen.

Den Clip des kompletten Gesprächs hat das ZDF auf seine Internetseite gestellt. Nach 7.27 Minuten wird Seehofer zum ersten Mal persönlich:

"Wissen Sie, was mir so wehtut? Ich glaube, dass Union und FDP wirklich ein Potential haben, um in Deutschland zu regieren. Und wir machen das einfach nicht so gut, dass wir die Zustimmung von der Bevölkerung erhalten. Das tut mir leid."

Dann geht es gegen Röttgen, der mit einem klaren Sympathieplus in den NRW-Wahlkampf gegen SPD-Frau Hannelore Kraft gegangen sei:

"Innerhalb von sechs Wochen ist das weggeschmolzen wie ein Eisbecher, der in der Sonne steht."

Jetzt wittert Kleber seine Chance auf klare Worte, verschränkt die Arme und hakt nach: Lag es an Röttgens Unwillen, sich zwischen dem Ministeramt in Berlin und dem Posten als Ministerpräsident zu entscheiden?

"Ja, das war ein ganz großer Fehler".

Und noch mal:

"Das war ein GANZ großer Fehler."

Aber, so Kleber, ganz unschuldig am Debakel in NRW sei doch auch Seehofer selbst nicht. Schließlich habe er Röttgen doch in größte Schwierigkeiten gebracht.

"Ich habe mit ihm gesprochen, persönlich und über die 'Bild'-Zeitung. Persönlich hat er mich abtropfen lassen, die Kanzlerin war ja dabei. (…) Ich habe ihm gesagt: 'Lieber Herr Röttgen, das ist nicht Ihre Privatentscheidung, ob Sie nach NRW gehen. Das betrifft die ganze Union. Wenn Sie das nicht korrigieren, dann wird es uns hart treffen.' Und so ist es dann auch gekommen."

Moderator Kleber bemerkt lauernd, dass ja leider oft die Gespräche vor und nach den Interviews spannender seien, als die Interviews selbst. So wie jetzt gerade. Das lässt sich Seehofer nicht zweimal sagen:

"Sie können das alles senden. Weil ich wirklich entschlossen bin, dass wir etwas ändern."

Und das hat das ZDF dann auch gemacht.

Natürlich wusste Seehofer, dass die Kamera weiterläuft, während er sich in Fahrt redete. Natürlich war die Provokation wohl kalkuliert. Natürlich hat Seehofer die Plattform genutzt, um sich selbst zu profilieren. In einem Jahr ist Bundestagswahl - und die Union ist in einem miesen Zustand.

Angst vor dem Wahldebakel in Bayern

Für Seehofer fast noch wichtiger: 2013 wird auch in Bayern gewählt. Die CSU fürchtet nun, dass sich der Abwärtstrend der Schwesterpartei auf das Wahlergebnis im Freistaat auswirken könnte. Unbedingt will Seehofer daher auch getrennte Termine für die beiden Urnengänge. Und unbedingt muss er sich schon jetzt aufpumpen. In dem angezählten Röttgen findet er ein denkbar leichtes Opfer.

In der Union reagiert man mit Unverständnis auf die Schärfe der Attacke aus München. "Wenn jemand am Boden liegt, sollte man ihm die Hand reichen und nicht noch nachtreten", sagte der CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach SPIEGEL ONLINE.

Natürlich müsse Röttgen die Verantwortung übernehmen - aber das Ausmaß der Kritik sei dann doch übertrieben. "Wem ist damit geholfen? Das nützt der Union nicht. Diese Art des Umgangs wird von außen genau beobachtet", so Bosbach. Er teile jedoch die Einschätzung Seehofers, dass man nach der krachenden Niederlage in NRW nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergehen könne.

Scharfe Kritik aus NRW

Die schweren Vorhaltungen Seehofers sorgen auch in der nordrhein-westfälischen CDU für Unmut. "Ich wünsche Horst Seehofer, dass er in einer Niederlage nie so von anderen Landesverbänden behandelt wird, wie er im Moment die CDU behandelt", sagte der stellvertretende Vorsitzende der NRW-CDU, Armin Laschet, vor Beginn der CDU-Fraktionssitzung. Auch Generalsekretär Oliver Wittke sagte, er wünsche Seehofer, dass er so etwas nie erlebe.

Bayerischer Druck kommt dagegen nicht nur von Seehofer, Markus Söder legt nach. "Auch in der Zukunft" sei das Wahlergebnis für Röttgen eine "schwierige Situation", so der bayerische Finanzminister am Dienstag im Bayerischen Rundfunk. Über einen möglichen Röttgen-Rücktritt als Bundesminister müssten aber andere entscheiden als die CSU. "Das ist zunächst mal die Entscheidung von ihm und auch von der Bundeskanzlerin", sagte Söder.

mit Material von dapd und AFP

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1. Wo?
Steinwald 15.05.2012
Zitat von sysopZDFEs war eine wohl kalkulierte Attacke im Abendprogramm: Horst Seehofer ließ sich im ZDF zu einer vierminütigen, charmant vorgetragenen Tirade gegen Unions-Kollegen Norbert Röttgen hinreißen - und erlaubte die Veröffentlichung des inoffiziellen Gesprächs. In der CDU ist man entsetzt über die Schärfe des Angriffs. Seehofers Kritik an Röttgen im ZDF empört CDU - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,833247,00.html)
Wohl kalkuliert oder wohlkalkuliert?? Ich denke, sie war wohl wohlkalkuliert. Aber wen erstaunt das denn nun ernstens? Ich finde es eher erschreckend, dass es diese Phrasendreschmaschinen gibt, die nach Abschaltung der Abzeichnung ganz anders sind. Und ich finde es auch erstaunlich, dass die Medien das Spiel mitmachen, das heisst, daß sie die Politiker ihre Phrasen dreschen lassen, anstatt nur noch das zu senden und zuzulassen, was sie denn nun wirklich sagen wollen.
2.
klowasser 15.05.2012
Zitat von sysopZDFEs war eine wohl kalkulierte Attacke im Abendprogramm: Horst Seehofer ließ sich im ZDF zu einer vierminütigen, charmant vorgetragenen Tirade gegen Unions-Kollegen Norbert Röttgen hinreißen - und erlaubte die Veröffentlichung des inoffiziellen Gesprächs. In der CDU ist man entsetzt über die Schärfe des Angriffs. Seehofers Kritik an Röttgen im ZDF empört CDU - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,833247,00.html)
Auch wenn ich die Partei des Seehofer nicht mag, und ihm auch inhaltlich nicht wirklich zustimme, aber dieser Auftritt war sehr groß! Zeigt es den Menschen, dass Politik nix fehlerfreies ist, dass sich "die da Oben" doch Gedanken machen. Ich wünschte mir, es würde mehr solche Äußerungen fernab der üblichen Phrasen geben! Das tut doch auch niemanden wirklich weh, wenn Politik eine solche Sprache wieder annehmen würde. Oder steht auf einmal der Sturz der Regierung Merkel bevor? Nur Mut, liebe PolitikerInnen!
3. .
frubi 15.05.2012
Zitat von sysopZDFEs war eine wohl kalkulierte Attacke im Abendprogramm: Horst Seehofer ließ sich im ZDF zu einer vierminütigen, charmant vorgetragenen Tirade gegen Unions-Kollegen Norbert Röttgen hinreißen - und erlaubte die Veröffentlichung des inoffiziellen Gesprächs. In der CDU ist man entsetzt über die Schärfe des Angriffs. Seehofers Kritik an Röttgen im ZDF empört CDU - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,833247,00.html)
"In der CDU ist man entsetzt über die Schärfe des Angriffs. " In der CDU ist man wohl eher entsetzt über diese unabgesprochene Ehrlichkeit. Ich persönlich mag den Seehofer nicht besonders aber hier hat mal endlich jemand seine Maulsperre abgelegt und das gesagt was er denkt und es stimmt auch noch mit der Realität überein. Röttgens Wahlniederlage hat seine Gründe und diese hat er in aller Deutlichkeit genannt.
4. Big Deal
Schinkenfisch 15.05.2012
Seehofer hat über Röttgen lediglich gesagt, was alle - parteiübergreifend - denken: er ist n armes Würstchen. Wer sich so dämlich verhält und auch noch glaubt damit bei den Wählern durchzukommen, hat weder NRW noch Berlin verdient.
5. Kein Schöngerede
presidio 15.05.2012
Zitat von sysopZDFEs war eine wohl kalkulierte Attacke im Abendprogramm: Horst Seehofer ließ sich im ZDF zu einer vierminütigen, charmant vorgetragenen Tirade gegen Unions-Kollegen Norbert Röttgen hinreißen - und erlaubte die Veröffentlichung des inoffiziellen Gesprächs. In der CDU ist man entsetzt über die Schärfe des Angriffs. Seehofers Kritik an Röttgen im ZDF empört CDU - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,833247,00.html)
Soviel Offenheit und Ehrlichkeit wünscht man sich öfters bei Politikern. Da hat sich wohl jemand ein Beispiel an Frau Kraft genommen ;-)
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