Segelschulschiff der Bundeswehr: Kapitäne meiden die "Gorch Fock"

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Kommandant auf der "Gorch Fock" - dieser Posten galt früher als sehr beliebt. Doch nach diversen Skandalgeschichten und der Abberufung von Kapitän Norbert Schatz steht die Marine noch immer ohne Nachfolger da. Es gibt nur wenige potentielle Kandidaten, einige sollen bereits abgelehnt haben.

Legende auf See: Das Schulschiff "Gorch Fock" Fotos
AFP

Die Suche nach einem neuen Kommandanten für das Segelschulschiff " Gorch Fock" gestaltet sich für die Marine schwieriger als erwartet. Acht Monate nach Abberufung des bisherigen Kommandanten Norbert Schatz infolge von Skandalen an Bord des Schiffs findet sich kein geeigneter Bewerber. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE haben potentielle Kandidaten bereits abgelehnt.

Nun hat die Marineführung beschlossen, dass es erst 2012 einen offiziellen Nachfolger geben soll.

In einem Jahr hätte die Dienstzeit von Schatz auf dem Segelschiff ohnehin geendet - bei der Marine sieht man das Timing der Dienstübergabe deshalb als Routine: "Wir halten an einem Kommandowechsel zum ursprünglich geplanten Zeitpunkt fest", sagte Fregattenkapitän Gunnar Wolff vom Marineamt in Rostock.

Neubeginn mit neuem Sicherheitskonzept

Tatsächlich handelt es sich aber um eine Notlösung, denn die Marine will das Schiff noch in diesem Jahr wieder einsetzen. Doch dazu muss ein Offizier mit entsprechendem Kommandantenzeugnis an Bord sein. Bis zum offiziellen Kommandowechsel 2012 sollen nun Offiziere mit entsprechender Befähigung eingesetzt werden. "Sie werden zeitweise abkommandiert, nicht dauerhaft auf das Schiff versetzt", erklärte Wolff.

Sobald wie möglich soll die Ausbildung der Stammbesatzung und ab dem kommenden Jahr dann wieder die Offiziersausbildung beginnen. Bis dahin, heißt es, sei auch ein neues Sicherheitskonzept an Bord des Dreimasters umgesetzt und ein Übungsmast an der Offiziersschule in Flensburg-Mürwik installiert. Die Offiziersanwärter, die in diesem Jahr ihren Dienst antreten, müssen somit ohne "Gorch Fock"-Ausbildung auskommen.

Der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hatte Schatz im Januar nach dem tödlichen Unfall einer Kadettin und Berichten über Saufgelage und Ekelrituale vorläufig von seiner Aufgabe entbunden. In der Marine sorgte die handstreichartige Absetzung für Entsetzen. Kadetten an Bord und Offiziere der Marine beschwerten sich über einen "unfairen Umgang" mit Schatz, zumal dieser vorher nicht von Guttenberg angehört, sondern telefonisch über diesen Schritt informiert worden sei. Die "Gorch Fock" befand sich zu jener Zeit im argentinischen Ushuaia.

Schatz bekam für die Zeit der Ermittlungen einen Schreibtischjob im Marineamt in Rostock. Sein Vorgänger, Kapitän zur See Michael Brühn, übernahm vorläufig das Kommando. Nach Abschluss der Untersuchungen kam Marine-Inspekteur Axel Schimpf zwar zu dem Ergebnis, dass die "Gorch Fock" weiterhin als Ausbildungsschiff genutzt werden könne, Schatz aber nicht wieder an Bord zurückkehren könne.

Schatz bat selbst um seine Versetzung, um auf dem Schiff einen unbelasteten Neuanfang zu ermöglichen. Die Havariekommission hatte dem Offizier zuvor erhebliche Mängel in der Dienstaufsicht vorgeworfen, ihn von der Schuld am Tod der Kadettin freigesprochen.

Kreis der potentiellen Kommandanten "sehr klein"

Dienstposten in der Bundeswehr werden, wie es die Marine formuliert, "nach Eignung, Leistung und Befähigung" besetzt. "Und da ist der Kreis der in Frage kommenden Kameraden sehr klein", sagte ein Marineoffizier SPIEGEL ONLINE. Wer Kommandant auf der "Gorch Fock" werden wolle, müsse im Laufe seiner Offizierskarriere mehrere Stationen auf dem Schiff durchlaufen haben - als Segeloffizier, später als Erster Offizier.

"Es ist schon eine besondere Herausforderung, ein solches Segelschiff führen zu können. Da kann nicht einfach irgendeiner kommen, der vorher auf einer Fregatte gefahren ist, aber nicht auf der 'Gorch Fock', und den Job machen", erklärte ein anderer Offizier. "Aus der Natur der Sache heraus kommen damit vier, höchstens fünf Leute in Frage, die die entsprechende Qualifikation und den nötigen Dienstgrad haben."

In der Regel sind es also frühere Erste Offiziere des Segelschulschiffs, die nach einer Zwischenverwendung als Fregattenkapitän an Bord des Dreimasters zurückkehren, das Kommando übernehmen und auf diesem Dienstposten zum Kapitän zur See, dem Äquivalent zum Oberst beim Heer und bei der Luftwaffe, befördert werden.

Kommando als Karriere-Gift?

Bislang galt der Posten als "Gorch Fock"-Kommandant als äußerst beliebt. Doch jetzt soll es aus dem Kreis der potentiellen Kandidaten bereits Ablehnungen gegeben haben, wie mehrere Offiziere berichten. "Wer will diese Aufgabe schon übernehmen, nachdem der frühere Verteidigungsminister Guttenberg Norbert Schatz so beschädigt hat?", fragte ein Marinemann. "Wer das jetzt macht, übernimmt das Kommando auf einem Schiff, dessen Ruf ruiniert ist." Schuld daran sei "die Politik", aber auch "die negative Berichterstattung" über das Segelschulschiff.

Derzeit ist die "Gorch Fock" ohne Kommandant nicht einsatzklar. Der neue Erste Offizier, Korvettenkapitän Robert Steinborn, ist erst 33 Jahre alt. Er hat aber bislang noch nicht die Kommandantenprüfung auf dem Segelschiff abgelegt und ist deshalb nicht berechtigt, als Stellvertreter des Kommandanten das Schiff zu führen. Wie es aus Marinekreisen weiter heißt, soll womöglich erneut Brühn, derzeit Havariebeauftragter der Marine, vorläufig die Aufgabe übernehmen.

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Chronologie: Die "Gorch Fock"-Affäre im Überblick
7. November 2010 - Tod aus der Takelage
Bei einer Ausbildungsfahrt in Brasilien stürzt eine 25-jährige Offiziersanwärterin aus der Takelage des Dreimasters in den Tod.
19. November 2010 - Offiziere werden abgezogen
Die Offiziersausbildung an Bord wird ausgesetzt. Die gut 70 Offiziersanwärter kehren aus Brasilien nach Deutschland zurück. Das Ausbildungskonzept soll überprüft werden.
18. Januar 2011 - Bericht von Königshaus
Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hellmut Königshaus, übermittelt dem damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und dem Verteidigungsausschuss des Bundestags einen Bericht über die Zustände auf der "Gorch Fock". Es geht um den Vorwurf der Meuterei, sexuelle Belästigung und massiven Druck auf Kadetten beim Aufstieg in die Takelage.
20. Januar 2011 - Rückkehr nach Argentinien
Ein Ermittlungsteam der Marine soll die Vorgänge nach dem Tod der Offiziersanwärterin aufklären. Die "Gorch Fock" kehrt zu ihrem letzten Hafen Ushuaia in Argentinien zurück, bis das Ermittlerteam eintrifft.
21. Januar 2011 - Guttenberg suspendiert Schatz
Guttenberg enthebt den Kommandanten, Kapitän zur See Norbert Schatz, bis zum Abschluss der Ermittlungen seines Postens. Der Öffentlichkeit kündigt er dies per Zeitungsinterview an. Die Opposition kritisiert die Entscheidung als überstürzt. Guttenberg räumt Tage später vor dem Verteidigungsausschuss des Bundestages Informationspannen ein.
28. Januar 2011 - Untersuchungen starten
Das Untersuchungsteam der Marine geht an Bord. In einem offenen Brief an Guttenberg weist die "Gorch Fock"-Besatzung die gegen sie erhobenen Vorwürfe zurück und beklagt fehlenden Rückhalt in der Bundeswehr. Das Ermittlerteam hat zwei Wochen später seine Untersuchungen abgeschlossen. Es befragte 221 Offiziersanwärter und 192 Angehörige der Stammbesatzung.
30. Januar 2011 - Das Schiff segelt heim
Unter dem Befehl des kurzfristig eingeflogenen Kommandanten Michael Brühn macht sich die "Gorch Fock" auf den Weg zurück nach Deutschland.
8. März 2011 - Schatz wird entlastet
Kommissionsleiter Horst-Dieter Kolletschke übergibt Marineinspekteur Axel Schimpf den Marine-Untersuchungsbericht. Das Fazit der Ermittler lautet: Die erhoben Vorwürfe hätten sich "zum großen Teil als nicht haltbar erwiesen".
14. März 2011 - Affäre rückt in den Hintergrund
Für den neuen Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) sei die Aufklärung der "Gorch Fock"-Affäre keine Chefsache mehr, sagt der stellvertretende Ministeriumssprecher.
16. März 2011 - Eklat im Bundestag
Der Verteidigungsausschuss des Bundestags berät über die "Gorch Fock"-Affäre. Die Sitzung wird ergebnislos abgebrochen, weil das Ministerium noch keine Bewertung abgeben und erst den Abschluss der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abwarten will.

6. Mai 2011 - "Gorch Fock" trifft in Kiel ein
Nach achteinhalb Monaten läuft das Schulschiff im Heimathafen ein. An Bord: 181 Besatzungsmitglieder. 1500 Angehörige, Besucher und Berichterstatter heißen das Schiff in Kiel willkommen. Die Zukunft des Dreimasters ist ungewiss.
6. Juli 2011 - Der Dreimaster bleibt Schulschiff
Der Bundestag stimmt zu, dass das Schiff weiter zur Marineausbildung genutzt werden soll. Das Lehrkonzept auf dem Viermaster wird allerdings erheblich umgestaltet.