Nach Eklat Projekt gegen Radikalisierung in Berliner Moschee beendet 

Früher galt die Sehitlik-Moschee in Berlin als liberal. Nun ist ein Projekt zur Extremismus-Prävention gescheitert, womöglich am Widerstand der Moschee-Führung. Kritiker vermuten dahinter den Einfluss der Türkei.

Sehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln (Archiv)
REUTERS

Sehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln (Archiv)

Von


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Es war ein Pilotprojekt in Deutschland: 2015 richtete das Violence Prevention Network (VPN) erstmals eine Beratungsstelle zur Extremismusprävention und Deradikalisierung muslimischer Jugendlicher direkt in den Räumen einer Moschee ein. Das Angebot in der Berliner Sehitlik-Moschee wurde gut angenommen. Häufig hätten junge Menschen und Eltern bei den Ehrenamtlichen Rat gesucht, sagt VPN-Geschäftsführer Thomas Mücke. Nun aber wurde das Projekt abrupt beendet.

Grund dafür ist ein Vorfall Ende September, der erst jetzt bekannt wurde. Die ehrenamtliche Beraterin Pinar Cetin empfing damals eine Schulklasse in Berlins größter Moschee. Die Schüler waren auf Einladung des Auswärtigen Amtes gekommen, Cetin sollte ihnen mehr über das unter dem Namen "Bahira" laufende Präventionsprojekt erzählen. Nach wenigen Minuten - so heißt es von Verantwortlichen des Projekts - sei die Politologin von mehreren Männern bedrängt worden. Darunter sollen der Imam der Moschee und der Religionsattaché der türkischen Botschaft, Ahmet Fuat Candir, gewesen sein.

Man habe der 36-Jährigen vorgeworfen, sie würde ohne Erlaubnis durch die Moschee führen und ein falsches Islambild vermitteln, sagte Beraterin Cetin kürzlich in einem Gespräch mit dem RBB. Anschließend sei sie lautstark der Moschee verwiesen worden. Auf eine Anfrage des SPIEGEL hat Cetin nicht reagiert. "Sie ist wohl immer noch sehr aufgewühlt und will daher wahrscheinlich erst mal nicht mehr darüber sprechen", sagt VPN-Geschäftsführer Mücke. Ihn hatte Cetin im September über den Eklat informiert. Der Verein habe daraufhin beschlossen, das "Bahira"-Projekt zu beenden.

Gemeinde gehört wie etwa 960 Moscheen in Deutschland zu Ditib

"Da wurde eine rote Linie überschritten", sagt Mücke: "Wir hatten bereits seit Längerem das Gefühl, dass wir nicht mehr erwünscht sind." Zwar habe es sich ohnehin nie um eine klassische Zusammenarbeit gehandelt, viel mehr habe VPN Räume in der Moschee angemietet. Zuletzt habe man sich nicht mehr willkommen gefühlt. Mücke vermutet dahinter den wachsenden Einfluss aus der Türkei auf die einstige Vorzeigemoschee.

Die Gemeinde gehört wie insgesamt etwa 960 Moscheen in Deutschland zu Ditib. Der türkische Islamverband bezeichnet sich gern als "politisch neutral". Seine Strukturen bieten Ankara allerdings Möglichkeiten, sich in das Gemeindeleben hierzulande einzumischen. Ditib ist der türkischen Religionsbehörde Diyanet unterstellt, die wiederum letztlich der Kontrolle des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan untersteht. Diyanet schickt türkische Imame nach Deutschland und bezahlt sie auch. Sie sind somit Staatsbeamte der Türkei. Die Aufsicht über sie hat ein Religionsattaché, er ist Mitarbeiter der türkischen Botschaft. Kritiker werfen Ditib daher vor, für Erdogan in Deutschland zu wirken.

"Die Strukturen gab es immer schon, früher war man dort allerdings zurückhaltender", sagt Mücke. Noch vor drei Jahren, als das Präventionsprojekt ins Leben gerufen wurde, galt die Sehitlik-Moschee als liberal. Der damalige Vorstand unter dem Vorsitz von Cetins Ehemann Ender Cetin prägte eine offene Gemeinde. Seit dem gescheiterten Putsch in der Türkei hat sich das Klima jedoch geändert. "Die Vielfalt, für die die Gemeinde mal stand, ist nicht mehr gegeben", sagt Bettina Jarasch, die integrationspolitische Sprecherin der Grünen in Berlin.

Vorstand durch AKP-treue Leute ersetzt

Bereits wenige Monate nach dem Putschversuch 2016 sei der Vorstand der Moschee bis auf eine Person ausgetauscht und mit AKP-treuen Leuten ersetzt worden. Wie lokale Medien damals berichteten, erfolgte der Wechsel auf Druck von Religionsattaché Candir. Von offizieller Seite wurde das damals bestritten.

Ob Candir, wie von Cetin und Mücke behauptet, auch an dem jüngsten Eklat beteiligt war, hat der Vorstand der Moschee auf Anfrage nicht bestätigt. Auch Candir selbst ließ eine Anfrage unbeantwortet. In einem Statement des Sehitlik-Vorstands hieß es allerdings, die Moscheeführung habe Cetin "erst nach einer Stunde höflich gebeten, die ungenehmigte Führung bald zu beenden". Die Ditib-Moscheen in Berlin und insbesondere die Sehitlik Moschee stünden jederzeit für Projekte der Deradikalisierung zur Verfügung, hieß es weiter.

Ein derart direktes Eingreifen des Attachés vor Ort gilt als ungewöhnlich. Für die Grünen-Politikerin Jarasch belegt das die "immer offensiver werdende Einflussnahme Ankaras auf die Gemeinden". "Bisher passierte das im Hintergrund. So offen wie jetzt aufzutreten, ist schon dreist", sagt Jarasch. Das Ende des Präventionsprojekts bezeichnete sie als "konsequent und richtig".

Gemeindemitglieder ausspioniert?

Ähnlich sieht das auch Linken-Politiker Hakan Tas: "Die AKP-Regierung bestimmt leider ferngesteuert, was in den Ditib-Moscheen zu geschehen hat." Ankara würde Vorstände, Predigten und Projekte beeinflussen. "In der Vergangenheit wurden sogar Fälle bekannt, in denen Imame der Ditib-Moscheen Informationen zu politischen Vorstellungen ihrer Gemeindemitglieder an die Regierung in Ankara weitergegeben haben", so Tas weiter.

Tatsächlich sorgten Ditib-Moscheen nicht nur mit Spionagevorwürfen für negative Schlagzeilen. So soll in Verbindung mit dem türkischen Einmarsch in das nordsyrische Kurdengebiet Afrin in einigen Moscheen für den Sieg der türkischen Soldaten gebetet worden sein. In Nordrhein-Westfalen gab es Berichte über Kinder, die in Uniform und mit Gewehr in einer Moschee eine Schlacht nachspielten.

Im September war dann bekannt geworden, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz Ditib als sogenannten Prüffall eingestuft und dafür plädiert hatte, ihn zu überwachen. Begründet wurde dies mit Extremismusverdacht. Berichten zufolge sollen fast alle Landesämter eine Überwachung abgelehnt haben.

Islamkonferenz debattiert über Einfluss der Dachverbände

Die Kritik am Verband hält an. So hat in Berlin die vierte Runde der Islamkonferenz begonnen - erstmals mit Horst Seehofer als Innenminister. Thema bei dem Treffen mit Vertretern von Muslimen in Deutschland ist auch der Einfluss islamischer Dachverbände. Dabei geht es auch um die Ausbildung von Imamen in Deutschland. Wenn nicht mehr so viele Prediger aus dem Ausland kämen, ließe sich der Einfluss von Außen eindämmen, hoffen viele Teilnehmer der Konferenz.

Auch Yilmaz Kilic hat sich in der Vergangenheit für deutschsprachige Imame eingesetzt. Der Vorsitzende des Ditib-Landesvorstands für Niedersachsen und Bremen war am Wochenende überraschend zurückgetreten. Wie der NDR berichtete, habe Kilic seinen Schritt damit begründet, dass türkische Botschaftsvertreter versucht hätten, direkten Einfluss auf die Vorstandsarbeit in Niedersachsen zu nehmen. Kritiker fürchten nun, dass der Landesverband ebenfalls auf Linie gebracht werde.


Zusammengefasst: In der Berliner Sehitlik-Moschee ist es zu einem Eklat zwischen der ehrenamtlichen Beraterin eines Deradikalisierungsprojekts und der Moscheeführung gekommen. Die Zusammenarbeit mit der Moschee wurde daraufhin beendet. Kritiker vermuten dahinter den Einfluss der Türkei. Seit dem gescheiterten Putsch versucht die türkische Regierung, die Moscheen des türkischen Islamverbands Ditib zunehmend zu beeinflussen. Kritiker sehen in dem Verband den verlängerten Arm des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Deutschland.

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.