Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Seltsame PR-Strategie: Rüffel für SPD-Star Schwesig

Aus Sicht von Manuela Schwesig war es eine tolle Idee: Zeitungen sollten nach SPIEGEL-Informationen fertige Texte aus ihrem Sozialministerium abdrucken. Doch die verantwortlichen Chefredakteure wollten diese unverhohlene PR nicht  - und gaben der SPD-Politikerin einen Korb.

SPD-Politikerin Schwesig (am 30. Mai bei einer Seenotrettungsübung): Ärger mit der Landespresse Zur Großansicht
DPA

SPD-Politikerin Schwesig (am 30. Mai bei einer Seenotrettungsübung): Ärger mit der Landespresse

Hamburg/Berlin - Manuela Schwesig hat noch eine Menge vor. In der SPD gilt sie als großes Talent, die Sozialministerin von Mecklenburg-Vorpommern ist bereits stellvertretende Parteivorsitzende und soll bei den Sozialdemokraten künftig bundesweit eine noch größere Rolle übernehmen. Die Darstellung der eigenen Person und Arbeit darf dabei nicht zu kurz kommen. Doch jetzt hat die ehrgeizige SPD-Frau erstmal Ärger im eigenen Land - dummerweise mit den Chefredakteuren der drei Regionalzeitungen: Sie sind sauer auf Schwesig wegen des Versuchs der Politikerin, von ihrem Ministerium gefertigte Texte in die Blätter zu bringen.

Mitte April hatte Schwesig den Redaktionsleitern der "Ostsee-Zeitung", der "Schweriner Volkszeitung" (SVZ) und des "Nordkurier" Texte zum Thema Kinderschutz zum Abdruck angeboten, die im Auftrag des Ministeriums von einer Agentur produziert worden waren. Der zweiseitige Brief war in einem Ton gehalten, als befänden sich die Zeitungen im Besitz der öffentlichen Hand: "Wir haben uns überlegt, im Land Mecklenburg-Vorpommern einen mehrteiligen Ratgeber 'Kinderschutz-ABC' in den führenden Regionalzeitungen zu veröffentlichen." Auch in punkto Timing machte Schwesig klare Ansagen: "Wünschenswert wäre es, wenn die Artikel über einen Zeitraum von ca. sechs Monaten in regelmäßigen Abständen (ggf. vierzehntägig) erscheinen würden."

Wären die Chefredakteure auf das Angebot eingegangen, wäre eines der zentralen Themen der Ministerin bis zur Wahl in allen wichtigen Blättern des Landes gesetzt gewesen. Doch die Blattmacher lehnten ab - mit deutlichen Worten. "Wir sind kein Verlautbarungsorgan des Sozialministeriums", sagt SVZ-Chef Dieter Schulz. Jan Emendörfer, Chefredakteur der "Ostsee-Zeitung", schrieb der Ministerin: "Wir halten es für sinnvoller, selber entsprechende Themen zu beackern. Mit dem Abdruck einer in einem Ministerium erdachten und produzierten Artikelserie kommen wir mit unserem Credo 'unabhängig und überparteilich' ins Schlingern."

Fotostrecke

8  Bilder
SPD-Vize Schwesig: Immer das richtige Foto
Die Nachhilfe in Sachen Presse- und Informationsfreiheit zeigte Wirkung. Schwesigs Staatssekretär Nikolaus Voss bedauerte gegenüber "Nordkurier"-Chef Michael Seidel den Vorstoß: "Voss sagte mir, er könne die Empörung verstehen. Leider sei er nicht da gewesen, als die unselige Idee geboren wurde, und habe sie deshalb nicht verhindern können." Rüdiger Ewald, Sprecher des Sozialministeriums, bestätigt den Vorgang halbherzig: "Der Staatssekretär hat mit allen Chefredakteuren gesprochen, um den Brief der Ministerin zu begleiten und klarzustellen, dass es sich ausschließlich um einen Ratgeber handelt und nicht um Texte des Ministeriums."

flo

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotos Paul Schirnhofer/ Agentur Focus, Uwe Anspach/dpa, Steffen Kugler/ dpa
Heft 28/2011:
Die Familie Kohl
Ein deutsches Drama

Inhaltsverzeichnis

Titelthema -: diskutieren Sie mit

Hier geht es zum E-Paper

Hier kaufen Sie das Heft

Hier finden Sie Ihre Abo-Angebote und Prämien

Kurzporträts der SPD-Spitze
Parteivorsitzender: Sigmar Gabriel
REUTERS
Mit 51 Jahren wurde Gabriel, Jahrgang 1959, jüngster Parteichef seit Willy Brandt. In der Großen Koalition war er bis Herbst 2009 Umweltminister und profilierte sich im Wahlkampf mit Attacken gegen die Atomkraft. Nach dem Wahldesaster der Sozialdemokraten griff er entschlossen nach dem Parteivorsitz. Nach einem starken Start hat seine Autorität zuletzt im Streit um Thilo Sarrazin und die Migrantenquote Schaden genommen. Als natürlicher Kanzlerkandidat gilt er inzwischen nicht mehr.

Der gelernte Lehrer aus Goslar ist seit 1977 SPD-Mitglied. Mit 40 Jahren war er jüngster deutscher Ministerpräsident in seinem Heimatland Niedersachsen (1999-2003). Nach der Abwahl wechselte Gabriel nach Berlin und gab ein Intermezzo als "Pop-Beauftragter" der Sozialdemokraten, was ihm eher Spott als Anerkennung einbrachte ("Siggi Pop"). Gabriel ist mit einer Zahnärztin verheiratet.
Parteivize: Manuela Schwesig
Getty Images
Manuela Schwesig schaffte in nur sechs Jahren den Aufstieg von der Finanzbeamtin zur SPD-Vizechefin. Frank-Walter Steinmeier pries die 1974 geborene Schwesig einst als "strahlenden Nordstern der SPD". Im Präsidium ist sie für Familienpolitik zuständig und katapultierte sich vor allem während der Verhandlungen um die Hartz-IV-Reform in die Schlagzeilen.

Die gebürtige Brandenburgerin studierte Steuerrecht und folgte ihrem Mann nach Schwerin. Dort engagierte sie sich zunächst in der Kommunalpolitik, bevor sie im Oktober 2008 ins Schweriner Kabinett eintrat - als bundesweit jüngste Landesministerin. Sie ist Mutter eines Sohnes.
Parteivize: Hannelore Kraft
DPA
Kraft, 1961 geboren, ist SPD-Landeschefin und Ministerpäsidentin von Nordrhein-Westfalen. Seit Mitte Juli 2010 führt sie eine rot-grüne Regierung in Düsseldorf - die ersten beiden Jahre als Minderheitsregierung, seit der Landtagswahl im März 2012 mit einer deutlichen Mehrheit.

Die gelernte Bankkauffrau und studierte Wirtschaftswissenschaftlerin sieht sich selbst als Pragmatikerin, die keinem SPD-Flügel angehört. Auch ohne den typischen Stallgeruch und die übliche Ochsentour machte sie im größten SPD-Landesverband schnell Karriere - zunächst als Europa- und dann bis Mai 2005 als Wissenschaftsministerin. Später wurde sie Fraktionschefin in Düsseldorf. Kraft ist verheiratet und hat einen Sohn.
Parteivize: Klaus Wowereit
DPA
Regierender Bürgermeister von Berlin und schon seit neun Jahren an der Spitze einer rot-roten Koalition. Gilt deshalb - für nicht wenige in der SPD irrtümlich - als Linker sowie als Wegbereiter einer bundesweiten Öffnung zur Linkspartei.

Wowereit, Jahrgang 1953, ist der Senior innerhalb der SPD-Spitze. Gelernter Jurist, passionierter Partygänger, Skat- und Golfspieler. Lebt mit einem Arzt zusammen. Bekanntester Satz, immer noch: "Ich bin schwul - und das ist auch gut so."
Parteivize: Olaf Scholz
AP
Bis Herbst 2009 war Scholz, geboren 1958, Bundesarbeitsminister. Aber auch jetzt ist er wieder gut beschäftigt: Im Februar 2011 holte er bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg die absolute Mehrheit und ist seitdem Erster Bürgermeister in der Hansestadt.

Der Fachanwalt für Arbeitsrecht hat in der SPD schon viele Karrierestationen hinter sich: Innensenator in Hamburg, SPD-Generalsekretär und Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion. Scholz ist verheiratet mit einer Hamburger SPD-Politikerin.
Parteivize: Aydan Özoguz
DPA
Die Hamburgerin, Jahrgang 1967, mit türkischen Wurzeln hat einen steilen Aufstieg in der SPD hinter sich. Seit 2009 sitzt sie im Bundestag, im Dezember 2011 übernahm sie einen der Posten als Bundes-Vize. Vorher arbeitete sie unter anderem als Intergrationsbeauftragte der SPD-Fraktion. Für Aufsehen sorgte sie 2010 mit dem Appell, die Is­lam­kon­fe­renz von Bun­desin­nen­mi­nis­ter Hans-Pe­ter Friedrich (CSU) zu boy­kot­tie­ren. Sie hatte dem Minister vorgeworfen, einen pauschalen Terrorverdacht gegen Muslime zu unterstellen. Özoguz ist mit einem Hamburger SPD-Politiker verheiratet und lebt in Oldenfelde sowie einer Berliner Dienstwohnung.
Generalsekretärin: Andrea Nahles
AP
Nahles, geb. 1970, ist schon lange bei der SPD aktiv. Vor ihrer Wahl zur Generalsekretärin war Nahles stellvertretende SPD-Vorsitzende. Einst war sie Chefin der Nachwuchsorganisation Jusos und für kurze Zeit schon einmal als Generalsekretärin vorgesehen: 2005, gegen den Willen von Franz Müntefering, der deshalb nicht mehr Parteichef sein wollte.

Nahles stammt aus Rheinland-Pfalz, sie ist Germanistin und bekennende Katholikin. Liiert ist sie mit einem Bonner Kunsthistoriker.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: