Fall Skripal Bundesregierung hält Sicht der Briten für "äußerst plausibel"

Im Fall Skripal folgt die Bundesregierung weiter den scharfen Worten Großbritanniens in Richtung Russland. Laut einem britischen Zeitungsbericht ist nun auch klar, wo genau das Nervengift herkommt.

Der Reichstag in Berlin
REUTERS

Der Reichstag in Berlin


Die Bundesregierung teilt die britischen Vorwürfe gegen Russland beim Nervengift-Anschlag auf den Ex-Spion Sergej Skripal. Man halte die britischen Hinweise für "äußerst plausibel", sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer. Großbritannien hält es aufgrund von geheimdienstlichen Erkenntnissen für sehr wahrscheinlich, dass Russland für den Angriff verantwortlich ist (Lesen Sie hier einen Kommentar zu dem Thema).

Demmer reagierte damit auf die Äußerung des britischen Botschafters in Deutschland, Sebastian Wood. Dieser hatte im Deutschlandfunk gesagt: "Unsere Nachrichtendienste wissen, dass es dieses Geheimprogramm zum Nowitschok-Giftstoff gibt, das die russische Regierung nie offengelegt hat." Demmer sprach von einem "destruktiven Verhalten" Russlands, das auf sehr konkrete Fragen der britischen Regierung nicht geantwortet habe.

Deshalb sei das Vorgehen Deutschlands, das wie zahlreiche andere Nato-Partner russische Diplomaten ausgewiesen hat, angemessen. Man sehe ein "Muster russischen Verhaltens", das immer wieder völkerrechtswidriges Vorgehen zeige.

Als Reaktion auf die vielen Ausweisungen schloss Russland das US-Konsulat in Sankt Petersburg und verwies außerdem selbst 60 US-Diplomaten des Landes.

Skripal und seine Tochter Julija waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank im britischen Salisbury entdeckt worden. Die Tochter meldete sich am Donnerstag erstmals seit dem Attentat öffentlich zu Wort und berichtete von ihren Fortschritten bei der Genesung.

Auch ein Sprecher des Auswärtigen Amts nannte die Argumentation der britischen Regierung schlüssig. Der Westen sage nicht: "Es war Nowitschok, also war es Russland. Sondern: Es war Nowitschok, und wir verfügen über eine ganze Reihe von anderen Erkenntnissen", sagte er. Die Bundesregierung könne diese aber nicht alle öffentlich machen. Man komme im "Gesamtschluss" zu der Einschätzung, dass mit "sehr hoher Wahrscheinlichkeit" Russland hinter dem Anschlag stecke.

"Times"-Bericht: Ursprung des Nervengifts identifiziert

Die britische Zeitung "Times" berichtet unterdessen, dass das verwendete Gift aus einer russischen Militärforschungsanlage in Schichany stammt. Dort seien kleinere Mengen des Nervengifts Nowitschok gelagert worden. Die Einrichtung liegt im Gebiet Saratow an der Wolga.

Geheimdienstinformationen wiesen klar auf Schichany hin, sagte der britische Chemiewaffen-Experte Hamish de Bretton-Gordon der Zeitung. Die dort gelagerten Mengen seien ausreichend für Attentate, aber zu gering für militärische Einsätze gewesen. Es gebe keine Hinweise darauf, dass das Gift aus anderen Laboratorien der früheren Sowjetunion stamme, etwa aus der Ukraine oder aus Usbekistan.

Der Kreml wies den Bericht zurück. "Alle Standorte, an denen Chemiewaffen gelagert wurden, sind bekannt. Schichany gehört nicht dazu", sagte Michail Babitsch, der Kreml-Vertreter im Föderationskreis Wolga, der Agentur Interfax.

In Schichany befindet sich eine Filiale des Forschungsinstituts Gosniiocht. Nach eigener Darstellung befasst sich die Einrichtung mit Sicherheitsfragen im Chemiebereich und hatte Technologien zur Vernichtung von C-Waffen entwickelt. Schichany mit rund 6000 Einwohnern liegt etwa 800 Kilometer südöstlich von Moskau.

aev/Reuters/dpa



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