Sexismusdebatte: #Aufschrei gegen Gauck

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Präsident Gauck: Wütender Protestbrief wegen Äußerung über "Tugendfuror"

"Wir sind verblüfft und erschüttert": Junge Frauen der #Aufschrei-Initiative kritisieren Joachim Gauck für seine Äußerungen zur Sexismusdebatte. Der Bundespräsident hatte im SPIEGEL den "Tugendfuror" der Diskussion beklagt. Auch die Piratin Marina Weisband greift Gauck für seine Wortwahl an.

Hamburg - In einem offenen Brief kritisieren junge Frauen Bundespräsident Joachim Gauck für dessen Äußerungen zur Sexismusdebatte. "Wir vermissen in Ihren Äußerungen vor allem Feingefühl und Respekt gegenüber all den Frauen, die sexistische Erfahrungen gemacht haben." Verfasst ist der Appell unter anderem von den Initiatorinnen der #Aufschrei-Debatte über Alltagssexismus. Sie würden Gauck den Brief schicken, um zu "erklären, warum uns Ihre Haltung erschüttert".

Grund des Unmuts ist ein Interview mit Gauck im aktuellen SPIEGEL. Dort hatte der Bundespräsident über die Sexismusvorwürfe gegen den FDP-Politiker Rainer Brüderle gesagt: "Wenn so ein Tugendfuror herrscht, bin ich weniger moralisch, als man es von mir als ehemaligem Pfarrer vielleicht erwarten würde." Mit Sicherheit gebe es in der Frauenfrage noch einiges zu tun. "Aber eine besonders gravierende, flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen kann ich hierzulande nicht erkennen", sagte Gauck.

Ein Artikel einer "Stern"-Journalistin über Brüderle hatte die Sexismusdebatte, die auf Twitter unter dem Hashtag #Aufschrei geführt wurde, ins Rollen gebracht. Zuvor hatte SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Annett Meiritz über offenen Sexismus in der Piratenpartei berichtet.

Piratin Weisband: "Von ganz oben herabgelassen"

Insbesondere der Begriff "Tugendfuror" sorgt für Entsetzen bei den Verfasserinnen des Briefes. Durch die Verwendung dieses Wortes, so schreiben die Frauen an Gauck, "bringen Sie erniedrigende, verletzende oder traumatisierende Erlebnisse sowie das Anliegen, diese Erfahrungen sichtbar zu machen, in Verbindung mit dem Begriff Furie". Da das Wort verwendet werde, um die Wut der Frauen lächerlich zu machen, "bedienen Sie jahrhundertealte Stereotype über Frauen", so der Vorwurf der Autorinnen an Gauck.

Sieben Frauen haben den Brief unterzeichnet, darunter die Initiatorinnen der #Aufschrei-Debatte, Nicole von Horst, 25, und Anne Wizorek, 31. Wizorek wurde das Gesicht der Debatte, sie diskutierte unter anderem bei Günther Jauch über Sexismus.

Die Sätze des Bundespräsidenten lösen auch außerhalb des Autorinnen-Netzwerks harsche Kritik aus: "Ich finde es total nett, wie sich Herr Gauck von ganz oben herablässt, um uns allen zu sagen, er habe als privilegierter Mann kein Problem mit Sexismus. Das ist doch sehr beruhigend, oder?", sagte die Piratin Marina Weisband SPIEGEL ONLINE, und fügte hinzu: "Im Ernst: Ich fand die Bemerkung des Bundespräsidenten überflüssig."

"Wir sind keine Furien, wir haben Argumente"

Die Idee zum Brief hatte die Studentin Jasna Lisha Strick. Die 23-Jährige sagte SPIEGEL ONLINE: "Wenn man so ein supereigenartiges Wort wie Tugendfuror liest, tut das weh und macht wütend." #Aufschrei-Initiatorin Wizorek gab den Brief am Montagmittag persönlich beim Pförtner des Schlosses Bellevue ab.

Die Autorinnen mahnen Gaucks Verantwortung in der Debatte an und zielen direkt auf sein Hauptthema Freiheit. Die #Aufschrei-Debatte sei eine Form von Freiheit - "die Freiheit, offen über Erlebnisse sprechen zu können". Es sei nicht angebracht, diese Erfahrungen öffentlich abzuwerten.

Autorin Strick, die auch Mitglied der Piratenpartei ist, erklärt das so: "Wir wollen zeigen: Wir sind keine Furien, wir haben Argumente." An den Brief angehängt sind persönliche Erfahrungsberichte von Alltagssexismus. Wer diese Berichte lese, könne nicht von "Tugendfuror" sprechen. Stricks Erwartung an den Bundespräsidenten: "In Zukunft müssen andere Statements von ihm kommen."

Gaucks Sprecherin verwies darauf, dass Bundespräsidenten grundsätzlich nicht auf offene Briefe reagieren. Dem Staatsoberhaupt sei aber selbstverständlich bewusst, dass Sexismus ein Problem in der Gesellschaft darstelle. Er werde sich auch weiterhin mit dem Thema Geschlechtergerechtigkeit beschäftigen. Die Aussagen des Bundespräsidenten in dem SPIEGEL-Interview, so hieß es weiter, bezögen sich lediglich auf einen bestimmten Teil der medialen Debatte.

Mitarbeit: Annett Meiritz, Florian Gathmann

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