Sexismus-Debatte: Gauck beklagt "Tugendfuror" im Fall Brüderle

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Bundespräsident Joachim Gauck: Keine Lust auf Politikerschelte

Im Gespräch mit dem SPIEGEL äußert sich Joachim Gauck ausführlich zu den Kernthemen seiner Präsidentschaft. Den Fall Rainer Brüderle kommentierte er medienkritisch: "Ich kann keine flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen hierzulande erkennen."

Hamburg - Wochenlang dominierten Sexismus-Vorwürfe gegen den FDP-Politiker Rainer Brüderle Anfang des Jahres die öffentliche Debatte. Jetzt hat sich Bundespräsident Joachim Gauck zu dem Skandal geäußert.

Auf die Frage, ob er den öffentlichen Umgang mit Brüderle in den vergangenen Wochen unfair gefunden habe, antwortete er im Gespräch mit dem SPIEGEL: "Wenn so ein Tugendfuror herrscht, bin ich weniger moralisch, als man es von mir als ehemaligem Pfarrer vielleicht erwarten würde." Mit Sicherheit gebe es in der Frauenfrage noch einiges zu tun. "Aber eine besonders gravierende, flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen kann ich hierzulande nicht erkennen."

Seit knapp einem Jahr ist Gauck im Amt - auch die Frage, wie der ehemalige evangelische Pastors mit seiner neuen Rolle klarkommt, war Thema. Wie lange braucht er, um sich morgens vom Bürger Gauck in den Bundespräsidenten zu verwandeln? "Ich stehe als Joachim Gauck auf. Wenn ich mich dann rasiere, kommt so langsam der Umschwung", sagte der Bundespräsident. Er habe ein "Amtsbewusstsein" erst lernen müssen. "Früher konnte ich jederzeit offen meine Meinung sagen und damit auch mal ordentlich anecken." Heute repräsentiere er das ganze Land und sei deshalb zurückhaltender. "Manchen bin ich dabei zu vorsichtig, anderen nicht vorsichtig genug." Mit diesem doppelten Erwartungsdruck "cool umzugehen", gelinge ihm nicht immer.

"Dieser Präsident betreibt keine Neben-Außenpolitik und keine Neben-Innenpolitik"

Er verkneife sich Politikerschelte, wie sie zum Beispiel Richard von Weizsäcker als Bundespräsident betrieben habe, etwa wenn er Parteimitglieder als "machtversessen und machtvergessen" beschrieb. "Eine solche Kritik an der Politik werden Sie von mir sicher nicht hören", sagte Gauck dem SPIEGEL: "Der Verdruss über sie ist zu groß, als dass ich ihn noch fördern möchte. Außerdem missfällt es mir, wenn die Parteien pauschal schlechtgemacht werden. Sie tragen seit Jahrzehnten wesentlich zur Ausgestaltung unserer Freiheit, unseres sozialen Friedens, unseres Wohlstandes bei. Ohne sie wären wir nicht da, wo wir heute sind."

Der Bundespräsident äußerte sich auch zu den umstrittenen deutschen Rüstungsexporten in Diktaturen. Gauck setzt sich für mehr Transparenz ein: "Gute Dinge kann man in der Regel auch gut kommunizieren. In seltenen Fällen gibt es Gründe für Geheimhaltung." Gleichzeitig unterstützte er den Bundestag, der gegen den Widerstand des Auswärtigen Amts vor kurzem in einer Resolution den Ton gegenüber Russland verschärft hatte: "Ich kann das gut verstehen."

Gauck verteidigte seine umstrittene Europa-Rede, mit der er seine Grundhaltung habe deutlich machen wollen: "Dieser Präsident betreibt keine Neben-Außenpolitik und auch keine Neben-Innenpolitik. Er betreibt auch nicht die eigentliche, die gute, die schöne, die edle Politik, während sich die gewählten Politiker mit den schwierigen und schmerzhaften Dingen auseinandersetzen müssen."

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