Sexismus-Vorwürfe: Koalitionspolitiker verteidigen Brüderle

Eine Journalistin wirft Rainer Brüderle Sexismus vor - doch der FDP-Fraktionschef schweigt beharrlich: 90 Prozent der Befragten einer kleinen Umfrage fordern eine Entschuldigung des Politikers, sollten die Vorwürfe stimmen. Ein Parteikollege und ein CSU-Mann nehmen ihn dagegen in Schutz.

Rainer Brüderle: Am Sonntag erster öffentlicher Auftritt seit "Stern"-Veröffentlichung Zur Großansicht
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Rainer Brüderle: Am Sonntag erster öffentlicher Auftritt seit "Stern"-Veröffentlichung

Berlin - Sicher, Rainer Brüderle wird es keineswegs gefallen, im Mittelpunkt einer Sexismus-Debatte zu stehen. Aber ob sich der FDP-Fraktionsvorsitzende damit einen Gefallen tut, einfach stillzuhalten, ist fraglich. In der Öffentlichkeit kommt die Zurückhaltung zumindest nicht gut an: Einer Emnid-Umfrage für die "Bild am Sonntag" sprachen sich 90 Prozent der Befragten dafür aus, dass sich Brüderle bei der Journalistin entschuldigen müsse - wenn die Vorwürfe, die sie gegen den Politiker erhoben hatte, wahr seien. In diesem Fall sprachen sich sogar 45 Prozent der Befragten für einen Rücktritt Brüderles vom Amt des Fraktionsvorsitzenden aus. Befragt wurden bundesweit 500 Bürger.

Am Sonntag hat Brüderle beim Neujahrsempfang der NRW-FDP in Düsseldorf seinen ersten öffentlichen Auftritt seit Veröffentlichung der Vorwürfe. Bricht er dort sein Schweigen? Die "Stern"-Journalistin Laura Himmelreich hatte in einem Artikel eine Situation vor gut einem Jahr beschrieben, bei der Brüderle auf ihre Brüste geschaut und gesagt haben soll: "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen." Zudem soll er ihre Hand genommen, diese geküsst und gesagt haben: "Politiker verfallen doch alle Journalistinnen."

FDP-Politiker Kubicki nimmt Brüderle in Schutz

Der Artikel entfachte eine Debatte über den alltäglichen Sexismus, die sich auch am Wochenende fortsetzte. Unterstützung erhielt Brüderle vom CSU-Bundestagsabgeordneten Norbert Geis und dem FDP-Vorstandsmitglied Wolfgang Kubicki. "Was Rainer Brüderle gesagt hat, darf man nicht unter Sexismus einordnen", sagte Geis der Zeitung. Man wisse, "dass er zu saloppen Bemerkungen neigt". Geis räumte auch ein: "In diesem Fall war sie vielleicht unpassend." Es sei schwer zu definieren, wo Sexismus beginne. "Wir müssen immer darauf achten, dass wir den Anstand wahren", sagte der CSU-Bundestagsabgeordnete weiter.

FDP-Vorstandsmitglied Kubicki wirft dem "Stern" vor, Brüderle mit der Veröffentlichung von Sexismus-Vorwürfen politisch schaden zu wollen. Der Zeitung "Bild am Sonntag" sagte Kubicki: "Hier soll ein Hoffnungsträger der FDP mutwillig beschädigt werden. Die "Stern"-Chefredaktion sollte sich die Frage stellen, ob sie das Blatt auf ein Niveau bringen will, dass man es nicht mehr empfehlen kann."

Kubicki, der auch FDP-Fraktionschef im Kieler Landtag ist, hält es nicht für skandalös, wenn ein Politiker nachts ungebeten an die Hotelzimmertür einer Journalistin klopft. "Wenn man nicht eingeladen ist, würde ich das für unangemessen halten. Ein Skandal wäre es aber auch nicht." Eine SMS an eine Journalistin zu schicken, hält der schleswig-holsteinische FDP-Fraktionschef für "völlig unverfänglich, solange die SMS nicht mit der Aufforderung verbunden ist, die Nacht gemeinsam zu verbringen."

Eine Bemerkung über die Oberweite einer Journalistin zu machen, hält Kubicki hingegen für "eher geschmacklos, wenn man sich nicht wirklich gut kennt". Kubicki räumt ein, in seiner politischen Karriere "selbstverständlich" schon Frauen angebaggert zu haben: "Aber immer in charmanter Art."

SPD-Vize Schwesig: "Alltäglicher Sexismus völlig inakzeptabel"

Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Manuela Schwesig beklagt dagegen einen "alltäglichen Sexismus" in der deutschen Gesellschaft. Dieser sei in all seinen Facetten völlig inakzeptabel, sagte Schwesig der "Welt am Sonntag". "Letztlich ist das ein deutlicher Ausdruck mangelnder Wertschätzung und damit fehlender Gleichberechtigung der Frauen."

Schwesig, die auch Sozialministerin von Mecklenburg-Vorpommern ist, bezeichnete es als "nicht hinnehmbar", dass Frauen, "die von solchen sexistischen Übergriffen berichten, nachträglich zu Täterinnen gemacht werden". Vor allem FDP-Politiker hatten der Journalistin und dem Magazin eine Kampagne gegen Brüderle unterstellt.

Die Grünen-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2013, Katrin Göring-Eckardt, nannte die nun entfachte Debatte "längst überfällig". Sie führe hoffentlich dazu, "dass Sexismus in Zukunft klarer benannt und nicht toleriert wird. Und die Frauen darin bestärkt, sich nichts gefallen zu lassen", sagte Göring-Eckardt der "Welt am Sonntag".

yes/dpa/dapd

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insgesamt 646 Beiträge
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    Seite 1    
1. Sexismus
siamkatze79539 27.01.2013
Wieso kommt erst jetzt die Stern-Frau raus mit sowas? Außerdem hätte sie dem Brüderle gleich Paroli bieten können, als er das sagte! Die Frauen, die heutigen, die lassen sich ja alles gefallen, die sind auch in gewisser Weise selber schuldig. Entweder wehre ich mich verbal oder mit einer Ohrfeige, oder ich lasse es sein! Angeblich können die heutigen Frauen "Alles" bzw. möchten alles können, aber da sieht man, daß es nicht so ist, nur großes Gerede!
2. Und wenn er einfach Einen im Tee hatte?tte
ongduc 27.01.2013
Sexismus-Debatte: Koalitionspolitiker verteidigen Brüderle - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/sexismus-debatte-koalitionspolitiker-verteidigen-bruederle-a-879891.html) Ich weiß nicht, wäre das fair, jemanden mit im Suff geäußerten Bemerkungen zu zitieren, Schlüsse auf seinen Charakter zu ziehen und ihn dann zum Gegenstand einer grundsätzlichen Debatte zu machen?
3. Kampagne
ellinger_2 27.01.2013
Wenn hier jemand eine Kampagne führt, dann Herr Kubicki und Co. – und zwar gegen die Journalistin. Es ist durchaus berichtenswert, wenn jemand, der nach der nächsten Bundestagswahl gerne eine wichtige Rolle in der Bundesregierung spielen möchte, mit derart primitiven Sprüchen durchs Leben poltert. Das hat nichts mit Boulevardjournalismus zu tun. Es ist auch völlig irrelevant, ob die Journalistin das gleich nach dem Vorfall veröffentlicht oder erst ein Jahr später - wo kämen wir denn da hin, wenn man nur noch das berichten würde, was gerade erst passiert ist. Tatsächlich scheint es wohl so zu sein, dass der äußere Eindruck des Weinkönigs schlichtweg seinem inneren Wesen entspricht.
4. Vorsicht!
Europa! 27.01.2013
Zitat von sysopEine Journalistin wirft Rainer Brüderle Sexismus vor - doch der FDP-Fraktionschef schweigt beharrlich: 90 Prozent der Befragten einer kleinen Umfrage fordern eine Entschuldigung des Politikers, sollten die Vorwürfe stimmen. Ein Parteikollege und ein CSU-Mann nehmen ihn dagegen in Schutz. Sexismus-Debatte: Koalitionspolitiker verteidigen Brüderle - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/sexismus-debatte-koalitionspolitiker-verteidigen-bruederle-a-879891.html)
Die offensichtlich überzogene Sexismus-Kampagne gegen Brüderle nutzt nur der FDP. This is not America!
5. wie die affen
deutscherevolution00 27.01.2013
die debatte ist sowas von nervig. wurde frau schwarzer schon eingebunden? nicht das die liebe dame noch in vergessenheit geraet. Liebe maenner es hilft wohl nur die affen taktik: augen, ohren, mund dicht. dann koennen die damen diesen kleinkarierten monolog in aller ruhe fuehren...diskussionen von unserer seite bringen nichts, ist wie in jeder beziehung, kommt man mit logik, steigt einer der diskutanten aus dem gespraech aus :'(
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