Sexismus-Debatte: SPD verlangt Erklärung von Brüderle

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FDP-Fraktionschef Brüderle: Steigender Druck auf den Spitzenmann

Rainer Brüderle schweigt in der Sexismus-Debatte, die SPD erhöht den Druck: Generalsekretärin Nahles fordert den FDP-Mann auf, sich endlich zu erklären. Er verschanze sich hinter seinen Verteidigern, sagt sie im Interview. Ihr Befund: "Die FDP hat ein Frauenproblem."

Berlin - Die SPD erhöht in der Sexismus-Debatte den Druck auf FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle. "Herr Brüderle muss die Vorwürfe klarstellen, er muss sich endlich erklären", sagte SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles SPIEGEL ONLINE. "Wenn alles wirklich so passiert ist, wie beschrieben, hat Herr Brüderle eine deutliche Grenze überschritten." Es könne nicht sein, dass die FDP eine Art Wagenburg baue. "Brüderle verschanzt sich hinter seinen Verteidigern. Er lässt seine Parteifreunde den Eindruck erwecken, als sei er das Opfer. Das ist einer liberalen Partei nicht würdig."

Die SPD-Politikerin, die sich in der Debatte bislang nicht zu Wort gemeldet hatte, attestierte der FDP zudem massive Defizite in Sachen Gleichstellung. "Die FDP hat ein Frauenproblem", sagte Nahles. Sie habe die wenigsten weiblichen Abgeordneten im Bundestag und in Führungspositionen. "Die Liberalen sind konsequent schlecht aufgestellt, was das Geschlechterverhältnis angeht. Ausgerechnet eine Partei, die modern und weltoffen sein will, versagt an dieser Stelle", so Nahles.

Lesen Sie hier das gesamte Interview mit SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles:

SPIEGEL ONLINE: Das Land debattiert über angebliche Anzüglichkeiten von Rainer Brüderle. Wenn der FDP-Spitzenkandidat Sie so ansprechen würde, wie er die Reporterin angesprochen haben soll - wie würden Sie damit umgehen?

Nahles: Der Fall Brüderle steht für ein größeres Problem. Es geht um Sexismus, und das ist ein Alltagsphänomen, das viele Frauen erfahren. In unangenehmen Momenten steht immer die Frage im Raum: Reagiere ich sofort, oder sage ich jetzt nichts? Viele Frauen sind in solchen Situationen ja erst mal sprachlos. Klar ist aber: Wenn alles wirklich so passiert ist, wie beschrieben, hat Herr Brüderle eine deutliche Grenze überschritten.

SPIEGEL ONLINE: Brüderle schweigt, andere Liberale sprechen von einer Kampagne - wie viel Übertreibung und Hysterie steckt in der Debatte?

Nahles: Fest steht: Herr Brüderle muss die Vorwürfe klarstellen, er muss sich endlich erklären. Es kann nicht sein, dass die gesamte FDP sich dazu äußert, eine Art Wagenburg baut und die Vorwürfe koordiniert relativiert. Brüderle verschanzt sich hinter seinen Verteidigern. Er lässt seine Parteifreunde den Eindruck erwecken, als sei er das Opfer. Das ist einer liberalen Partei nicht würdig.

SPIEGEL ONLINE: Was soll eine Erklärung von ihm ändern?

Nahles: Er spricht nicht, lässt aber andere für sich reden. Das ist ein typisches Verhaltensmuster des Runterspielens und Beschwichtigens. Die gesamte FDP verhält sich so wie ein Lehrbeispiel für den fehlerhaften Umgang mit solchen Vorwürfen.

SPIEGEL ONLINE: Ist Sexismus auch in der SPD ein Problem?

Nahles: Das glaube ich nicht, aber bei uns gäbe es im Zweifel auch andere Reaktionen. Wir haben eine andere 'Frauschaft', eine andere Binnenkultur. Die FDP hat ein Frauenproblem: Sie hat die wenigstens weiblichen Abgeordneten im Bundestag und in Führungspositionen, und das seit Jahrzehnten. Die Liberalen sind konsequent schlecht aufgestellt, was das Geschlechterverhältnis angeht. Ausgerechnet eine Partei, die modern und weltoffen sein will, versagt an dieser Stelle. Kein Wunder, dass Frau Koch-Mehrin die einsame Ruferin in der Wüste ist.

SPIEGEL ONLINE: Das Problem wird breit diskutiert. Was lässt sich gegen Sexismus überhaupt tun?

Nahles: Per Dekret lässt sich Sexismus nicht aus der Welt schaffen. Was jetzt passiert, ist genau richtig. Dinge ändern sich nur, wenn neue Sensibilitäten in der Gesellschaft entstehen. Man kann heute nicht mehr dieselben dummen Witzchen reißen, wie in meiner Schulzeit. Aber der Prozess ist noch lange nicht beendet. Wir brauchen immer wieder solche Debatten.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker werfen dem "Stern" vor, er habe die Geschichte aufgebauscht, um Auflage zu machen und Brüderle zu schaden.

Nahles: Über die Motive des "Stern" will ich nicht spekulieren. Es geht doch vielmehr darum, dass Frauen ermutigt werden, sich gegen Belästigung zu wehren. Sie müssen definieren können, wo ihre Schmerzgrenze liegt. Es braucht eine neue Kultur und ein neues gesellschaftliches Bewusstsein. Das wäre doch ein sehr positives Ergebnis dieser Debatte.

SPIEGEL ONLINE: Themenwechsel: Wie kommt ihr Kanzlerkandidat aus seinem Tief?

Nahles: Wir sind seit dem Parteitag im Dezember gut aufgestellt. Da hat Peer Steinbrück eine Rede gehalten, die die gesamte Grundlage für die Kampagne dargelegt hat. Wir werden das jetzt unterfüttern mit Aktivitäten, zum Beispiel über den Bundesrat. Wir wollen da nicht blockieren, sondern Initiativen einbringen. So können wir zeigen, was wir anzubieten haben. Und das wird mit dem Namen Steinbrück eng verbunden sein.

SPIEGEL ONLINE: Ob Mindestlohn oder Rente - die CDU gibt sich ziemlich sozialdemokratisch. Die Partei will im Wahlkampf plötzlich auch auf soziale Gerechtigkeit setzen. Wie frustrierend ist das für die SPD?

Nahles: "Brüderle muss die Vorwürfe klarstellen" Zur Großansicht
REUTERS

Nahles: "Brüderle muss die Vorwürfe klarstellen"

Nahles: Überhaupt nicht. Wenn die Union mit uns einen Wahlkampf um soziale Gerechtigkeit führen will, dann freue ich mich. Etwas Besseres hätte sich die Generalsekretärin der SPD nicht wünschen können.

SPIEGEL ONLINE: Warum das denn?

Nahles: Nach der Niedersachsenwahl sind in der Union alle plötzlich ganz nervös. Sie merken, dass sie das Problem der sozialen Unwucht in unserer Gesellschaft nicht erkannt haben. Lange haben sie sich beruhigt, indem sie sich alle an ihre Kapitänin geklammert haben. Doch das Leck im Laderaum des Schiffes wird nun immer größer. Der Kahn droht zu sinken. Es reicht halt nicht, die Überschriften des SPD-Programms abzuschreiben.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin liegt Angela Merkel in der Beliebtheit weit vor Ihrem Kandidaten.

Nahles: Niedersachsen hat gezeigt, dass Popularität des Amtsinhabers allein nicht ausreicht, um eine Wahl zu gewinnen. Es geht um die Inhalte. Wir haben gute Konzepte zur Rente, zum bezahlbaren Wohnen, zur Entgeltgleichheit und vielem mehr. Nun wird man schauen, was Frau Merkel auf dem Feld der sozialen Gerechtigkeit eigentlich geliefert hat. Da sieht es miserabel aus. Beispiel Mindestlohn: Da sagt sie, sie "wünsche" sich eine Lohnuntergrenze. Das ist doch höhnisch. Sie ist die Bundeskanzlerin und hat eine satte Mehrheit im Parlament. Sie könnte die einfach durchsetzen. Macht sie aber nicht.

SPIEGEL ONLINE: Beim Thema soziale Gerechtigkeit hat ausgerechnet Peer Steinbrück seine Probleme. Wie kann einer, den die Öffentlichkeit als Großverdiener sieht, Wahlkampf "von unten" machen, wie Sie es wollen?

Nahles: Das Bild, das sie zeichnen, ist vollkommen verzerrt. Peer Steinbrück wird in den Dialog gehen, er wird den direkten Draht zu den Bürgern suchen. Er ist einer der wenigen, die erkannt haben, dass die Menschen der Inszenierung in der Politik immer weniger trauen. Wir wollen Politik endlich vom Sockel holen. Wir wollen zuhören und anpacken, was den Menschen unter den Nägeln brennt. Insofern passt er perfekt zu unserer Kampagne.

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1. War das wirklich eine Headline wert?
robertfrunzke 29.01.2013
War es das?
2. My goodness!
awoth 29.01.2013
Ich fasse es nicht. (Kopfschüttel, kopfschüttel...)
3. Erklären?
proanima 29.01.2013
Zitat von sysopRainer Brüderle schweigt in der Sexismus-Debatte, die SPD erhöht den Druck: Generalsekretärin Nahles fordert den FDP-Mann auf, sich endlich zu erklären. Er verschanze sich hinter seinen Verteidigern, sagt sie im Interview. Ihr Befund: "Die FDP hat ein Frauenproblem." Sexismus-Debatte: SPD verlangt Erklärung von Brüderle - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/sexismus-debatte-spd-verlangt-erklaerung-von-bruederle-a-880378.html)
Die SPD und Nahles (sowieso) disqualifiziert sich selbst. Wo Schwachsinn(PD) regiert gibt es keine Zukunft sondern nur orientierungslose Profilierungssucht auf Kosten normalem Bürgerdenken.
4. Ich mag die FDP nicht
DadaSiggi 29.01.2013
Aber was soll er denn erklären. Das wird jetzt langsam albern.
5. Haben wir eigentlich
marypastor 29.01.2013
Zitat von sysopRainer Brüderle schweigt in der Sexismus-Debatte, die SPD erhöht den Druck: Generalsekretärin Nahles fordert den FDP-Mann auf, sich endlich zu erklären. Er verschanze sich hinter seinen Verteidigern, sagt sie im Interview. Ihr Befund: "Die FDP hat ein Frauenproblem." Sexismus-Debatte: SPD verlangt Erklärung von Brüderle - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/sexismus-debatte-spd-verlangt-erklaerung-von-bruederle-a-880378.html)
nichts anderes zu tun, als uns mit diesem Quatsch zu beschaeftigen ?
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Zur Person
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    Andrea Nahles, 42, war einst Frontfrau der SPD-Linken und ist seit Ende 2009 Generalsekretärin. Früher galt sie als Kritikerin von Peer Steinbrück - jetzt organisiert sie seinen Wahlkampf. In der Debatte um die Nebeneinkünfte des Kanzlerkandidaten trat sie zudem als eine der wenigen entschiedenen Verteidiger Steinbrücks auf. Bei den Pragmatikern in der SPD hat ihr das Respekt verschafft.

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