Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Sicherheit auf Flughäfen: Regierung macht Tempo bei Nacktscannern

Polizeivertreter warnen vor gravierenden Sicherheitsmängeln an deutschen Flughäfen und verlangen die schnelle Einführung von Nacktscannern. Datenschützer rebellieren - doch die Bundesregierung will die neue Generation der umstrittenen Geräte schon im Sommer vorstellen.

Fotostrecke

8  Bilder
Ganzkörper-Scanner: Abtasten mit Wellen
Berlin - Die Entwicklungsarbeit läuft auf Hochtouren: "Wir sind zuversichtlich, dass wir im Sommer Forschungsergebnisse für eine ganz neue Generation von Körperscannern vorstellen können", sagte Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) der "Bild am Sonntag". Die Bundesregierung scheint es eilig zu haben mit der Einführung der sogenannten Nacktscanner auf deutschen Flughäfen. Die massive Kritik, die noch vor einigen Wochen geäußert wurde, ist verstummt. Stattdessen hält der Vorsitzende des Innenausschusses des Bundestages, Wolfgang Bosbach (CDU), einen Start schon 2010 für möglich. Die neue Technologie könne ohne den Einsatz von Strahlen am Körper verborgene Gegenstände erkennen, wirbt Bosbach. Zudem würde das lästige Abtasten per Hand durch das Sicherheitspersonal wegfallen.

Auch die Polizei drängt auf die neue Technik. Der Chef der Polizeigewerkschaft GdP, Konrad Freiberg, hält die Sicherheit an Flughäfen derzeit nicht für gewährleistet: "Wir haben seit Jahren immer wieder darauf hingewiesen, dass es Mängel bei den Sicherheitskontrollen an unseren Flughäfen gibt", sagte Freiberg der "Berliner Morgenpost". Es habe Tests gegeben, bei denen Polizisten versucht hätten, mit ihren Waffen durch die Sicherheitsschleusen zu kommen. "Leider gab es teilweise eine Erfolgsbilanz von 30 Prozent zu Lasten der Sicherheit", sagte der Gewerkschaftschef.

Als Gründe für die Mängel nannte er veraltete Technik sowie die mangelnde Attraktivität des Berufs. "Teilweise verdienen die Mitarbeiter gerade einmal 7,50 Euro pro Stunde, melden sich deswegen krank oder haben einen Nebenjob. Das sind Zustände, die bei einem so wichtigen Punkt wie der Sicherheit im Flugzeugwesen nicht hinnehmbar sind", sagte er.

Datenschützer werfen Befürwortern Symbolpolitik vor

Doch der Streit über die Geräte ist in den vergangenen Tagen immer hitziger geworden. Der Datenschutzbeauftragte von Schleswig Holstein, Thilo Weichert, etwa sieht durch den Einsatz die Religionsfreiheit verletzt. Es müsse berücksichtigt werden, dass Körperscanner "die Scham von sehr vielen Menschen" verletzen könnten, sagte Weichert dem Radiosender NDR Info. So gebe es Menschen, die es aus religiösen Gründen ablehnten, sich nackt auszuziehen. "Und wenn es jetzt mit Hilfe der Technik gemacht wird, ist es nicht viel besser", mahnte der Datenschützer.

Nach Ansicht Weicherts brächten die Geräte zudem keinen entscheidenden Sicherheitsgewinn. Es sei trotzdem weiter möglich, Waffen oder Sprengstoffe an Bord des Flugzeugs zu bringen. "Insofern würde ich mir nicht allzu große Hoffnungen machen." Weichert wirft den Befürworten der Technik "symbolische Politik" vor. Gleich nach dem vereitelten Sprengstoffanschlag auf ein US-Flugzeug müssten Politiker "jetzt Aktionen vorweisen in der Öffentlichkeit - ohne dass eine umfassende Prüfung stattgefunden hat".

Mit dem Körperscanner werde aber ganz massiv in die Persönlichkeitsrechte eingegriffen, "und das halte ich für sehr, sehr fragwürdig und problematisch", sagte Weichert. So würden insbesondere Gesundheitsinformationen offengelegt, etwa ein Herzschrittmacher oder ein künstlicher Darmausgang. "Und das ist sehr, sehr peinlich."

Unionspolitiker Bosbach hält dagegen: "Ich habe im Zusammenhang mit dieser Debatte noch nirgendwo gelesen, dass das Berührtwerden durch fremde Menschen die Menschenrechte verletzt." Bosbach fordert eine "dringend notwendige" Versachlichung der Diskussion: "Die neue Form der Geräte zeigt nicht den Körper des einzelnen Passagiers, sondern ein Piktogramm. Und nur im Falle eines Treffers wird dann die Körperstelle angezeigt, an der sich beispielsweise ein in der Achselhöhle verstecktes Keramikmesser befindet."

Innenminister berät über Duty-Free-Shops Ende Januar

Die massive Werbung für die Körperscanner von Regierungsseite aus ist neu. Bislang waren von vielen Politikern der Regierungskoalition eher kritische Worte zu hören. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) etwa hatte bislang sehr skeptisch auf entsprechende Forderungen reagiert. "Ob Körperscanner so eingesetzt werden können, dass dabei die Intimsphäre beachtet und die Menschenwürde strikt gewahrt bleibt, hängt entscheidend von der technischen Weiterentwicklung solcher Geräte ab", hatte Leutheusser-Schnarrenberger am Mittwoch gesagt.

Laut Bosbach wird Innenminister Thomas de Maizière (CDU) Ende Januar im Innenausschuss mit den Experten des Bundestages beraten, welche Maßnahmen für mehr Sicherheit zu ergreifen seien. Neben der Frage der Körperscanner soll es auch um das Thema Duty-Free-Shops gehen. "Es kann nicht sein, dass Passagiere vor der Sicherheitsschleuse große Shampooflaschen abgeben müssen, aber dahinter in Duty-Free-Shops potentiell explosive Stoffe kaufen können", sagte Bosbach.

ase/ddp/dpa

Diesen Artikel...
Forum - Flugsicherheit - ist der Einsatz von Nacktscannern ethisch vertretbar?
insgesamt 595 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
inci 30.12.2009
Zitat von sysopIm Zuge der Sicherheitsdebatte ist auch die Diskussion um die so genannten Nackrtscanner wieder entbrannt. Abgesehen von der Effizienz der Geräte - ist ihr Einsatz Ihrer Meinung nach ethisch vertretbar?
kurz und knapp: NEIN!
2. Keine Effizienz
Christian Bechmann 30.12.2009
Zitat von sysopIm Zuge der Sicherheitsdebatte ist auch die Diskussion um die so genannten Nackrtscanner wieder entbrannt. Abgesehen von der Effizienz der Geräte - ist ihr Einsatz Ihrer Meinung nach ethisch vertretbar?
....Ethisch und Gesundheitlich vertretbar?, müßte eigentlich die Frage lauten. Für Dauerflieger wäre so eine täglich verabreichte Röntgenstrahlung-Dosis ein Ticket für eine Krebserkrankung. Im Übrigen glaube ich nicht an die 100% Sicherheit, selbst wenn man die Kontrolle auf Darmspülung und Urinprobe ausweiten würde , die Gefahr eines Anschlags besteht immer.
3. Nacktheit
Was-weis-Duden 30.12.2009
Zitat von sysopIm Zuge der Sicherheitsdebatte ist auch die Diskussion um die so genannten Nackrtscanner wieder entbrannt. Abgesehen von der Effizienz der Geräte - ist ihr Einsatz Ihrer Meinung nach ethisch vertretbar?
Der Mensch ist von Natur aus nackt. Daher kurz und knapp: selbsverständlich Ja!
4.
Olaf 30.12.2009
Zitat von sysopIm Zuge der Sicherheitsdebatte ist auch die Diskussion um die so genannten Nackrtscanner wieder entbrannt. Abgesehen von der Effizienz der Geräte - ist ihr Einsatz Ihrer Meinung nach ethisch vertretbar?
Kommt auf die Umstände an. Auf jeden Fall ist mir so ein Ding lieber als eine Leibesvisitation.
5.
Kryoniker 30.12.2009
Zitat von incikurz und knapp: NEIN!
Ob der "Nacktscanner" gesellschaftlich gewollt und gesundheitlich unbedenklich ist, darüber kann man ja diskutieren. Diese neue Scannergeneration aber schon aus ethischen oder religiösen Gefühlen abzulehnen, halte ich für falsch. Manche hielten es ja auch für falsch, einen nackten Mann und eine nackte Frau auf der Pioneer-Plakette abzubilden. Der Protest kam, dreimal darf man raten, natürlich aus der christlich-fundamentalistischen Ecke.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Vote
Ihre Meinung

Sind Sie für die Einführung von Nacktscannern an deutschen Flughäfen?


Nacktscanner
Was ist der Vorteil eines Nacktscanners?
Körperscanner sind Geräte, mit denen die Oberfläche des menschlichen Körpers unter der Kleidung abgebildet werden kann. So sollen versteckte Gegenstände sichtbar gemacht werden - etwa Sprengstoff oder sogenannte Nichtmetallwaffen wie Keramikmesser, die bei herkömmlichen Scannern unerkannt bleiben.
Wie funktioniert das Gerät?
REUTERS/ TSA
Für die Nacktscanner gibt es zwei technische Methoden: Röntgenstrahlen und die Terahertzstrahlen. Bei der Röntgenmethode ist die mittlere Gesamtstrahlenbelastung geringer als beim konventionellen Röntgen. Die dabei anfallende Strahlung entspricht nach Angaben der US-Flugsicherheitsbehörde TSA in etwa der Dosis, der ein Passagier innerhalb von zwei Minuten in einem Flugzeug auf Reiseflughöhe ausgesetzt ist.

Die Terahertzmethode setzt elektromagnetische Strahlung im Grenzbereich zwischen Infrarotlicht und Mikrowellenstrahlung ein. Die sogenannten T-Wellen sind Teil der natürlichen Wärmestrahlung. Bis vor wenigen Jahren waren diese technisch noch gar nicht zugänglich. Die Terahertzmethode wird untergliedert in eine aktive und eine passive Form. Bei der aktiven Methode scannt ein fokussierter Strahl den Körper ab und konstruiert aus der Rückstreuung ein Bild. Bei der passiven Methode wird nur die natürliche Wärmestrahlung des menschlichen Körpers erfasst, wodurch ein Bild ohne anatomische Details erzeugt wird. Im Vergleich zur Röntgenmethode ist die auf den menschlichen Körper wirkende Energie bei der aktiven Terahertzmethode wesentlich geringer, im Passivmodus wirkt sogar überhaupt keine Strahlenquelle auf den Körper.
Warum ist der Scanner umstritten?
Datenschützer halten den flächendeckenden Einsatz von Scannern für unverhältnismäßig. Besonders kritisiert wird an den Geräten, dass die erzeugten Nacktbilder die Privatsphäre oder sogar die Menschenwürde verletzen. Außerdem können die Scanner keine Substanzen oder Gegenstände erkennen, die in Körperöffnungen wie Mundhöhle, Gehörgang oder Rektum eingeführt wurden.
Wird der Körperscanner in Europa eingesetzt?
Sogenannte Nacktscanner werden in der EU bislang nur zu Testzwecken eingesetzt. Die EU-Kommission erklärte zwar im Herbst 2008, den Einsatz dieser Geräte an Flughäfen zulassen zu wollen, doch das Europaparlament stoppte das Vorhaben. In Deutschland begannen im Dezember 2008 Laborversuche bei der Bundespolizei, ab September 2010 sollen erste freiwillige Tests am Hamburger Flughafen stattfinden.

DPA
Eine neue Generation von Scannern wird derzeit in Amsterdam, London und Zürich getestet - ebenso wie in Moskau und US-amerikanischen Städten. Laut Experten sind diese Geräte vollkommen automatisiert. Die Scanbilder von unbekleideten Körpern bekommt - angeblich zumindest - kein anderer Mensch mehr zu sehen, sondern nur noch der Computer. Sobald dem Rechner an einem Körper etwas gefährlich erscheint, sendet er eine Warnmeldung.
Fotostrecke
Vereitelter Anschlag auf US-Flugzeug: Aufregung in Detroit


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: