Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Sigmar Gabriel: Der beherzt Ratlose

Von Franz Walter

Er ist in der SPD unzweifelhaft die größte Begabung seiner Kohorte - jetzt liefert Sigmar Gabriel eine bestechende Analyse ab zur Lage seiner Partei, scharfsinnig und im Klartext. Sagen, was Sache ist, das will er. Schade nur, dass er am Ende die Antwort schuldig bleibt.

Lange hielt er sich ungewohnt im Hintergrund. Nun erhebt auch er, in der SPD unzweifelhaft die größte Begabung seiner Kohorte, die Stimme im Streit der Sozialdemokraten: Sigmar Gabriel. Im neuen SPIEGEL kann man von ihm einen meinungsstarken Essay zur Lage seiner Partei lesen.

"Sagen, was Sache ist!", so lautet der Titel des Stücks. Es ist ein echter "Gabriel". Der diagnostische Teil ist höchst scharfsinnig, die Sprache ist klar und unmissverständlich. Gabriel raunt nicht kryptisch herum, er formuliert nicht wolkig oder gar sülzend. Gabriel langt zu, wenn es sein muss. Er spricht Klartext, redet nicht um den heißen Brei.

So kennt man Gabriel. Doch zugleich weiß man auch um die andere Seite seines Wesens: die blitzschnellen, oft unvermittelten Positionswechsel. Und auch im neuen SPIEGEL-Text ist er wieder ein Meister der unbeschwerten Rochade. Anfang und Ende seiner Kommentierung sind jedenfalls selbst für Virtuosen der Dialektik nicht widerspruchsfrei zur Synthese zu bringen.

Zunächst geht es in der Tat furios zur "Sache". Gabriel übt in aller Radikalität Kritik an der gesellschaftlichen Entwicklung im Deutschland der letzten zehn Jahre. In dieser Zeit sei der Glaube an das Grundversprechen "Wohlstand für alle" – also die Losung des christdemokratischen Nachkriegsmodells – zerstört worden. Die Mitte könne mit Aufstieg durch Leistung nicht mehr rechnen, sei eher durch Abstürze in die soziale Marginalität bedroht. Den neuen Zustand charakterisiert Gabriel mit der Kategorie des klassengesellschaftlichen "Neofeudalismus".

Gabriels Wahlkampfkonzept für 2009: Stolz zeigen

Es fällt schwer, ihm in den einzelnen Befunden zu widersprechen. Doch ein wenig erstaunt ist man schon, da er explizit die letzten zehn Jahre im Visier hat – seitdem Sozialdemokraten also an der Regierung wieder beteiligt sind.

Aber bevor man sich allzu viel Sorgen darüber machen muss, dass demnächst der sozialdemokratische Ortsverein in Goslar ein Parteiausschlussverfahren gegen sein prominentestes Mitglied eröffnen wird, zeigt der frühere niedersächsische Ministerpräsident, zu welch kühnen Kehrtwendungen er in der Lage ist.

Gabriel macht keineswegs radikalreformistische Vorschläge, wie man der Entwicklung zum Neo-Feudalismus entgegenwirken könnte.

Er bilanziert die Probleme nur, fordert seine Partei lediglich auf, darüber offen zu reden. Im Übrigen lautet dann sein eigenes Rezept für den Wahlkampf 2009 ziemlich überraschend: Stolz zu zeigen auf die Regierungsarbeit der Sozialdemokraten unter Rot-Grün und während der Großen Koalition; Stolz auch auf die Agenda 2010.

Hatte Gabriel noch in der ersten Hälfte seines Essays die sozialen Spaltungs- und Polarisierungsprozesse der letzten zehn Jahre angeprangert, die Unterfinanzierung der Universitäten, die Dezimierung der Mitte, das Scheitern der Bildungsreformen, die drohende Altersarmut zumindest im Osten Deutschlands gegeißelt, so verordnet er also zum Ausgang seiner Ausführungen, dass Sozialdemokraten sich zu ihrer Regierungspolitik – die für ihn immerhin in den "Neofeudalismus" geführt hat - beherzt bekennen sollen.

Die magere Erfolgsbilanz: Man hat Schlimmeres verhindert

Insofern aber ist das ein typisches Dokument sozialdemokratischer Ratlosigkeit und Verwirrung. Im Grunde beklagt Gabriel, dass dem klassische Modell der Christdemokratie – Mitte als Fokus, Leistung als Maßstab, Wohlstand für alle als Ziel – seit den späten neunziger Jahren, seit der Kanzlerschaft Schröders mithin, der Garaus gemacht wurde.

Natürlich suchen Gabriel und die Sozialdemokraten die Verantwortung dafür nicht bei sich, sondern bemühen die probate Erklärungsformel von den "Zwängen der Globalisierung".

Damit das eigene Tun gleichwohl nicht ohne jeglichen Sinn bleibt, hebt man trotzig hervor, dass hier und da in der Regierung doch ein wenig auch gelang, vor allem: Schlimmeres verhindert wurde. Da sich über diese Pose ersichtlich keine Begeisterung in der Anhänger- und Wählerschaft ausbreiten möchte, greift Verzweiflung und als Reaktion darauf der pure Voluntarismus in der SPD-Führung um sich.

So eben auch bei Gabriel. Die SPD müsse sich "neu erfinden", dies "politisch, aber auch habituell". Natürlich wird nicht einmal ein klein bisschen angedeutet, was um Himmels Willen damit gemeint sein könnte.

Dabei hätte man hier wirklich gern erfahren, "was Sache ist", wie man sich auf eine gesellschaftliche Mitte, die nach Gabriel aus Facharbeitern, Polizisten, Technikern, Ingenieuren, Meistern, Krankenschwestern, Beamten, Angestellten, Lehrern, wissenschaftlichen Mitarbeitern, Selbstständigen (also eigentlich aus allen und jedem) besteht, "habituell" neu zu bewegt.

Mit lockerer Pose, ungebunden und prinzipienfrei

Mit lockerer Pose, nonchalant, werterelativistisch, ungebunden, prinzipienfrei? Oder doch eher bodenverhaftet, sicherheitsorientiert, mit festen Überzeugungen und haltgebenden Bindungen? Oder noch ganz anders?

Was ist überhaupt der Habitus der Mitte? Und was ist die Politik für die Mitte, die vom öffentlichen Bediensteten bis zum Selbständigen (der Besitzer einer Pommesbude oder Inhaber eines Unternehmens für Präzisionswerkzeuge sein kann), von der Krankenschwester bis zum Oberstudiendirektor reicht?

So bleibt zum Schluss – in der ausführlichen Fassung des Gabriel-Essays für das SPD-Periodikum "Berliner Republik" - allein der Aufruf derer, die einigermaßen verzweifelt mit dem Rücken zur Wand stehen: "Es wird wieder Zeit zu kämpfen." Indes, was ist das Ziel des Kampfes? Die Überwindung des Neufeudalismus? Oder doch nur die schiere Präsenz von Sozialdemokraten im Berliner Regierungsviertel? Hier warten wir immer noch darauf, dass die Sozialdemokraten endlich sagen, "was Sache ist" – und dann auch einigermaßen im Einklang damit handeln.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...na,ja....
peter speit 01.04.2008
Zitat von sysopEr ist in der SPD unzweifelhaft die größte Begabung seiner Kohorte - jetzt liefert Sigmar Gabriel eine bestechende Analyse ab zur Lage seiner Partei, scharfsinnig und im Klartext. Sagen, was Sache ist, das will er. Schade nur, dass er am Ende die Antwort schuldig bleibt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,544338,00.html
.....spaetestens nach mallorca,ist der junge mann ja eh etwas angeschlagen und unglaubwürdig.
2. Begabung ?
Silver Surfer, 01.04.2008
Selten so gelacht Sigmar Gabriel und Begabung ? Mensch Leute nicht beide zusammen in einem Satz das passt doch nicht. Der ehemalige POP Beauftragte und von den Niedersachsen verjagte Grundschullehrer, der jetzt als Umweltminister mit Schlauen Sprüchen das Weltklima Retten will, erklärt uns die Lage. Da ist mir ja Claudia lieber mit Ihrer Liebe zu den Türken. Armes Deutschland und noch ärmere SPD die ausser einem Beck einer Lügilanti und dem Gabriel nichts vorzuweisen hat. Silver Surfer
3. Sigmar Gabriel,der Möchtegernkanzler?
danki 01.04.2008
Herr Gabriel,in der Schule hätten Sie für Ihre Interpretation des Niedergangs einer sozial gerechteren Gesellschaft,wer und was dazu beigetragen hat,ein glattes ungenügend bekommen,da das Thema verfehlt wurde. Sie schmeißen Überschriften in den Raum,ohne jegliche Erklärung,dass es gerade die Politik der SPD-/Grünen-Koalition unter Schröder/Fischer war,die eine noch einigermaßen intakte Solidargemeinschaft zerrissen hat. Mir ist schleierhaft wie Herr Walter in seinem Artikel diesen Mann als "größte Begabung seiner Kohorte" bezeichnen kann,um letztlich zu der Überzeugung zu gelangen,dass Gabriel eine Antwort darauf schuldig sei. Die Antwort auf den sozialen Niedergang und den ausufernden Kapitalismus hätte niemals Gabriel und Co.gegeben,die hätte,bei einem bischen recherchieren Herr Walter selber finden können. OECD- oder Gewerkschaftsstudien sind für jedermann zugänglich. Es bleibt nur zu hoffen,dass uns dieser Ex-MP in seiner grenzenlosen Arroganz nicht weiter mit seinem Philosophieren über die "Sache" traktiert.Er und viele seiner SPD-Spezis hätten intensiver die Bücher des Mannes aus Trier lesen sollen.Die sind aber längst bei den meisten Spezialdemokraten verstaubt.
4. Wählerfang
rwachsmu, 01.04.2008
Zitat von sysopEr ist in der SPD unzweifelhaft die größte Begabung seiner Kohorte - jetzt liefert Sigmar Gabriel eine bestechende Analyse ab zur Lage seiner Partei, scharfsinnig und im Klartext. Sagen, was Sache ist, das will er. Schade nur, dass er am Ende die Antwort schuldig bleibt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,544338,00.html
Man könnte Herrn Gabriel und der SPD auch entgegenhalten: "Denn sie wussten in der Vergangenheit genau was sie taten!" Das Gequatsche dieses Seeheimer Rechtsauslegers und Seilschafters ist eigentlich unerträglich. Zu Recht ist die SPD bei 22% angelangt. Hoffentlich wird es noch weniger.
5. sgen was Sache ist
trigonum retromolaria 01.04.2008
Zitat von sysopEr ist in der SPD unzweifelhaft die größte Begabung seiner Kohorte - jetzt liefert Sigmar Gabriel eine bestechende Analyse ab zur Lage seiner Partei, scharfsinnig und im Klartext. Sagen, was Sache ist, das will er. Schade nur, dass er am Ende die Antwort schuldig bleibt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,544338,00.html
Ich finde es eine Unverschämtheit, wenn ein Politiker einen Essay verfasst mit der Ankündigung von sprachlicher Klarheit und Authentizität. Das sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein! Ich würde mir Politiker wünschen, die nicht immer alles beschönigen. Sollen sie doch sagen, dass es 6,8 Millionen Arbeitslose gibt und die Staatsverschuldung nie mehr abzubauen ist! Ich weiß, dass solche Politiker wahrscheinlich nicht gewählt werden. Ich würde solche Politiker dennoch bevorzugen, gegenüber dem üblichen Politikertypus, der alles so zerredet, bis auch wirklich jeder gesunde Mensch nicht mehr zuhört.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: