Gabriel übergibt an Schulz Rumms

Sigmar Gabriel ist sich treu geblieben: Sein Verzicht auf die Kanzlerkandidatur und den SPD-Vorsitz kommt überraschend - auch für den politischen Gegner. Martin Schulz muss jetzt zeigen, dass er nicht nur ein Umfragenliebling ist.

Martin Schulz, Sigmar Gabriel
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Martin Schulz, Sigmar Gabriel

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Was für ein Coup. "Damit haben die Jungs und Mädels von den Medien nicht gerechnet", sagt Sigmar Gabriel am Dienstagnachmittag, als er sich vor den SPD-Bundestagsabgeordneten erklärt. Man muss sich den Parteivorsitzenden in diesem Moment als einen sehr zufriedenen Menschen vorstellen. Aber nicht nur die Journalisten hat er wieder einmal überrascht, sondern auch die meisten seiner Parteifreunde. Selbst Martin Schulz, der nun also Kanzlerkandidat werden und ihm als SPD-Chef nachfolgen soll, hat von Gabriels Entscheidung erst vor wenigen Tagen erfahren.

Ein paar Stunden nach der Fraktionssitzung stehen Gabriel und Schulz, bis vor Kurzem noch Präsident des Europaparlaments, im Foyer des Willy-Brandt-Hauses. Die Parteizentrale hat schon viele denkwürdige Auftritte erlebt, dieser gehört aber sicherlich zu den Höhepunkten der jüngeren Vergangenheit. Gabriel und Schulz strahlen und grinsen um die Wette, am Rande des kleinen Podiums stehen nicht weniger demonstrativ gut gelaunt die Mitglieder des Parteipräsidiums.

Was für ein Tag für Gabriel, für Schulz, für die SPD.

Ob jetzt alles ganz anders kommt als erwartet und geplant: egal. Ob sich mancher Spitzengenosse ziemlich verhohnepipelt vorkommt: egal. Jetzt ist es wichtig, Zuversicht und Harmonie auszustrahlen. Das gehört zum politischen Geschäft. Keine Frage also, dass das Präsidium die Kanzlerkandidatur von Schulz und die Übernahme des Parteivorsitzes einstimmig empfohlen hat.

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Dabei hatte sich in den vergangenen Wochen immer mehr der Eindruck unter führenden Genossen wie Beobachtern durchgesetzt, dass in der sogenannten K-Frage alles auf Gabriel hinausläuft. Zwar immer mit dem Zusatz "aber bei Gabriel weiß man es eben nie ganz genau" - dennoch schien die Sache klar. Noch am Montag ließ der SPD-Chef seine Generalsekretärin Katerina Barley vor die Presse treten und die ewige Leier vom "Zeitplan, der gilt" wiederholen. Der sah vor, dass der Parteivorstand kommenden Sonntag entscheidet, wer gegen Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel antreten soll, dann erst sollte die Personalie öffentlich gemacht werden. Nun darf der Parteivorstand die Schulz-Personalie nur noch abnicken, für Anfang März ist ein Sonderparteitag geplant.

Rums. Der Parteichef höchstpersönlich hat den Zeitplan über den Haufen geworfen. Seinen Zeitplan. Ein Beweis für Gabriels Macht hätte er sein sollen. Nun ist der abrupte Abschied davon der letzte Beweis für die Art und Weise, wie Gabriel seine Partei mehr als sieben Jahre lang oft geführt hat: eigenmächtig.

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"Ich habe es der SPD nicht immer leicht gemacht - aber sie mir auch nicht", sagt Gabriel im Willy-Brandt-Haus. Die Sozialdemokraten haben unter ihm tatsächlich viel gelitten, aber auch enorm profitiert. Nach der Pleite bei der Bundestagswahl 2009 gab er den Genossen Selbstbewusstsein zurück, führte sie vier Jahre später wieder in die Bundesregierung, in der man so viele sozialdemokratische Anliegen durchgesetzt hat, als wäre man nicht Juniorpartner von CDU und CSU.

Nur in den Umfragen hat es so gut wie nichts genützt: weder der SPD noch ihrem Vorsitzenden. Am Ende war das für Gabriels Entscheidung offenbar ausschlaggebend, auch wenn er ebenfalls private Gründe für seinen Rückzug anführt. Dass er bei den Leuten so schlecht ankommt, war schon schlimm genug für ihn - aber bei der Bundestagswahl seine Partei als Kanzlerkandidat möglicherweise zu einem noch schlechteren Ergebnis als 2013 zu führen, hätte sein Ego wohl kaum ertragen. Deshalb, so Gabriel, habe er Schulz vorgeschlagen: "Weil der die besseren Chancen hat."

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"Martin Schulz ist jemand, der Brücken bauen kann, der Menschen zusammenführen kann", sagt Gabriel über den Mann neben ihm. Obwohl beide viel gemein haben, klingt das fast so, als sei Schulz eine Art Gegenentwurf zu ihm. Tatsächlich kommt der designierte Kanzlerkandidat Demoskopen zufolge bei den Wählern deutlich besser an als der scheidende SPD-Chef - und offenbar auch in der eigenen Partei. Man hält ihn für verlässlicher, teamfähiger, kommunikativer.

Für Schulz ist es bestimmt ein großer Moment, hier als künftiger Kanzlerkandidat und SPD-Chef zu stehen. Er spricht von einem "besonderen Tag, der mich tief bewegt" und "einer außergewöhnlichen Ehre".

Dass Schulz gegen sie antreten wird, damit hatte auch die Kanzlerin nicht gerechnet. Stattdessen rechnete sie wohl mit ihm als Nachfolger des scheidenden Außenministers und wahrscheinlichen künftigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Der Überraschungseffekt ist allerdings mit Blick auf die langen Monate bis zur Bundestagswahl wenig wert. Merkel und ihre Leute haben genug Zeit, um sich auf Schulz vorzubereiten.

Union wird sich auf Europa-Onkel einschießen

Schulz hat zwar schon einen erfolgreichen Europawahlkampf als Spitzenkandidat hingelegt, aber als Bundespolitiker hat er keinerlei Erfahrung. Er ist ein guter Redner, begeisterungsfähig, hat Freude an der Zuspitzung (allesamt ähnliche Eigenschaften wie Gabriel). Aber die Union wird im Wahlkampf versuchen, ihn als Europa-Onkel schlechtzumachen, als jemanden, der weit von den Problemen der Menschen in Deutschland entfernt ist.

Tatsächlich hat Schulz bis auf ein paar Jahre als hauptamtlicher Bürgermeister seiner rheinischen Heimatstadt Würselen nie etwas anderes als Europapolitik gemacht. Er und seine Leute halten das nicht für einen Nachteil im Bundestagswahlkampf. Was es allerdings nicht geben werde, sagt Schulz: "Bashing gegen Europa" - da werde er sich treu bleiben. Welchen Wahlkampf er führen will, mit welchen Schwerpunkten, dazu verliert Schulz an diesem Abend nur ein paar eher vage Worte. Am Sonntag wolle er dazu bei seiner offiziellen Präsentation schon mehr sagen, kündigt er an.

Das Präsidium hat an diesem Abend übrigens auch empfohlen, dass Sigmar Gabriel neuer Außenminister wird, das Wirtschaftsministerium soll an Gabriels Stelle die bisherige Staatssekretärin Brigitte Zypries führen. Gabriel Außenminister? Auch das wird spannend: ein politischer Raufbold als oberster Diplomat des Landes.

Andererseits: Kein Mitglied der Bundesregierung hat in der Regel so gute Beliebtheitswerte wie der Außenminister. Wenn Gabriel sich also nicht gar zu blöd anstellt, dürfte ihm eines in diesem Amt wohl gelingen: endlich gemocht zu werden von den Deutschen.



insgesamt 167 Beiträge
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Seite 1
Kanalysiert 24.01.2017
1.
Hr.Schulz, wenn Sie eine Chance auf einen Sieg haben wollen, müssen Sie auf mehr Teilhabe setzen. Das Flüchtlingsthema ist Blödsinn - Menschen, die mit ihren Lebensumständen glücklich sind und keine Angst vor Altersarmut haben müssen, scheren sich in der Regel nicht um dieses Thema. Führen sie die SPD wieder dahin, wo sie hingehört - als Verfechter der Menschen, die sich gegen die Abzocker und Ausbeuter nicht selber wehren können. Ansonsten landen Sie genau da, wo die SPD jetzt ist - im Nichts.
jkinder 24.01.2017
2. Gut gemacht
Meiner Meinung nach hat Sigmar Gabriel hier keine Volte vollführt, sondern das war von Anfang an Plan B: wenn ich es mache, dann beschließen wir es am Sonntag, wenn nicht, mache ich vorher reinen Tisch. Er war sich lange nicht sicher, und hat gleichzeitig Martin Schulz zwei Monate aus dem Feuer rausgehalten. Taktisch alles eine saubere Sache! Und nun schauen wir mal, wie es mit Martin Schulz tatsächlich läuft
CostaDominga 24.01.2017
3. Sein Scheitern ist sicher.
Schulz wird scheitern wie einst Steinbrück. Erst soo populär, aber dann gings bergab. Ich wette darauf, mit Schulz wird es ähnlich laufen. Ich sehe die SPD nach den Wahlen auf einem guten 3.Platz, nach Union und AfD.
hugahuga 24.01.2017
4.
Soeben "Frontal 21" gesehen. Darunter auch "Wahlkampf im Ruhrgebiet". Man kann die Leute im Ruhrgebiet verstehen, wenn sie nicht mehr diese SPD wählen. Es ist sicher nicht mehr die Partei, der Arbeiter bzw. der "kleinen Leute" - da werden die Posten hin und hergeschoben. Der Bürger wird nur am Tag der Wahl wichtig, ansonsten steht die eigene Macht und das daraus resultierende finanzielle Wohlergehen ganz offensichtlich im Vordergrund. Wer wundert sich da noch, dass immer mehr Bürger sich von dieser EU und auch von dieser Deutschlandpolitik mit diesen Vertretern abwenden?
radius21 24.01.2017
5. Endlich
Was Schröder begann, hat Gabriel vollzogen und ist nun, viel zu spät, ist er endlich weg. Die Partei der Proletaria machte aus den Selben das Prekariat. Eine große Leistung. Es wird Jahre dauern, das zu reparieren. Wer weiß ob das gelingt.
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